Weil alle erloest sind, können auch alle wiedergeboren werden, jeder nach seinem Zustand

579. Damit dies verstanden werde, ist einiges über die Erlösung vorauszuschicken: Der Herr ist in die Welt gekommen hauptsächlich in zweierlei Absicht, einmal um die Hölle vom Engel und vom Menschen zu entfernen, und dann um Sein Menschliches zu verherrlichen; denn vor der Ankunft des Herrn war die Hölle so sehr angewachsen, daß sie die Engel des Himmels beunruhigte, wie sie denn auch durch Sich- Zwischen-Eindrängen zwischen Himmel und Welt die Gemeinschaft des Herrn mit den Menschen der Erde unterbrach, infolgedessen nichts göttlich Wahres und Gutes vom Herrn zu den Menschen hindurchdringen konnte; weshalb eine gänzliche Verdammnis dem ganzen menschlichen Geschlecht bevorstand, und auch die Engel des Himmels nicht länger mehr in ihrer Reinheit bestehen konnten. Damit also die Hölle entfernt, und so jene bevorstehende Verdammnis aufgehoben würde, kam der Herr in die Welt, und entfernte die Hölle und unterjochte sie, und öffnete so den Himmel, damit Er nachher bei den Menschen der Erde gegenwärtig sein, und diejenigen, welche nach Seinen Geboten leben, erretten, folglich sie wiedergebären und selig machen könnte; denn selig gemacht werden die, welche wiedergeboren werden.

So wird also jener Satz verstanden, daß, weil alle erlöst sind, auch alle wiedergeboren, und, weil die Wiedergeburt und Seligmachung eins ausmachen, auch alle selig gemacht werden können. Also auch das, was die Kirche lehrt, daß ohne die Ankunft des Herrn niemand hätte selig werden können, ist so zu verstehen, daß ohne die Ankunft des Herrn niemand hätte wiedergeboren werden können. Was den anderen Endzweck, wegen dessen der Herr in die Welt kam, betrifft, nämlich den, Sein Menschliches zu verherrlichen, so geschah dies deshalb, weil Er so für ewig Erlöser, Wiedergebärer und Seligmacher wurde; denn man darf nicht glauben, daß durch die einmal in der Welt geschehene Erlösung alle nach ihr erlöst worden sind, sondern daß Er fortwährend diejenigen erlöst, die an Ihn glauben und Seine Worte tun. Doch mehr hierüber sehe man im Kapitel von der Erlösung.

580. Daß jeder Jesajah nach seinem Zustand wiedergeboren werden kann, kommt daher, daß anders die Einfältigen wiedergeboren werden als die Gelehrten, anders die, welche in verschiedenen wissenschaftlichen Beschäftigungen, und auch in verschiedenen Ämtern sind, anders die sich mit Forschungen über das Äußere des Wortes und über dessen Inneres beschäftigen, anders die von den Eltern her in natürlichem Guten sind, als die im Bösen sind, anders die von Kindheit an in die Eitelkeiten der Welt sich eingelassen, und anders die früher oder später sich von diesen entfernt haben; mit einem Wort, anders die, welche die äußere Kirche des Herrn ausmachen, und anders die, welche die innere bilden. Diese Verschiedenheit ist unendlich, wie die der Gesichter und der Gesinnungen; dennoch aber kann jeder Jesajah nach seinem Zustand wiedergeboren und selig gemacht werden. Daß dem so ist, kann man an den Himmeln sehen, in die alle Wiedergeborenen kommen, sofern nämlich deren drei sind, ein oberster, ein mittlerer und ein unterster, und in den obersten diejenigen kommen, welche durch die Wiedergeburt die Liebe zum Herrn, in den mittleren die, welche die Liebe gegen den Nächsten in sich aufnehmen, in den untersten die, welche bloß die äußere Liebtätigkeit üben, und zugleich den Herrn als Gott Erlöser und Seligmacher anerkennen.

Alle diese sind selig geworden, allein in verschiedener Weise. Daß alle wiedergeboren und so selig gemacht werden können, hat seinen Grund darin, daß der Herr mit Seinem göttlichen Guten und Wahren bei jedem Menschen gegenwärtig ist, daher jeder Leben hat, und infolgedessen das Vermögen zu erkennen und zu wollen, und mit diesen den freien Willen in geistigen Dingen; diese fehlen keinem Menschen. Außerdem sind noch Mittel gegeben, den Christen im Wort, und den Heiden in eines jeden Religion, welche lehrt, daß es einen Gott gibt, und Vorschriften über das Gute und Böse enthalten. Daraus folgt dies, daß jeder selig werden kann, daß also nicht der Herr, sondern der Mensch daran schuld ist, wenn er nicht selig wird, und der Mensch daran schuld ist, weil er nicht mitwirkt.

581. Daß die Erlösung und das Leiden am Kreuz zwei verschiedene Dinge sind, und durchaus nicht verwechselt werden dürfen, und daß der Herr Sich durch beide in den Stand gesetzt hat, die Menschen wiederzugebären und selig zu machen, ist im Kapitel von der Erlösung gezeigt worden. Aus dem in der heutigen Kirche angenommenen Glauben in betreff des Leidens am Kreuz, daß es die Erlösung selbst war, sind Scharen greulicher Irrlehren entstanden, über Gott, über den Glauben, über die Liebtätigkeit und über die übrigen Stücke, die in fortlaufender Verkettung von jenen abhängen; wie z.B. von Gott, daß Er die Verdammnis des menschlichen Geschlechtes beschlossen, und zum Erbarmen habe zurückgebracht werden wollen durch die auf den Sohn gelegte, oder vom Sohn auf Sich genommene Verdammnis, und daß nur diejenigen selig werden, denen das Verdienst Christi entweder infolge des Vorherwissens oder infolge einer Vorherbestimmung geschenkt wird; aus dieser Truglehre ist auch die weitere Irrlehre dieses Glaubens ausgeheckt worden, daß nämlich die, welche mit diesem Glauben beschenkt sind, eben damit auch, ohne irgend dazu mitgewirkt zu haben, wiedergeboren, ja daß sie so von der Verdammnis des Gesetzes freigesprochen und nicht mehr unter dem Gesetz seien, sondern unter der Gnade, und zwar dies trotz dem, daß der Herr gesagt hatte, „daß Er auch nicht ein Strichlein des Gesetzes aufgehoben habe“: Matth.5/18,19; Luk.16/17, und obwohl Er den Jüngern befohlen, „daß sie Buße predigen sollten zur Vergebung der Sünden“: Luk.24/47; Mark.6/12; und obwohl Er selbst auch gesagt hatte: „Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen, tut Buße, und glaubet dem Evangelium“: Mark.1/15; unter dem Evangelium wird verstanden, daß sie wiedergeboren und so selig gemacht werden können, was nicht hätte geschehen können, wofern der Herr nicht die Erlösung vollbracht, das heißt, nicht der Hölle durch Kämpfe wider sie und durch Siege über sie die Macht genommen, und nicht Sein Menschliches verherrlicht, das heißt, es göttlich gemacht hätte.

582. Sagt nach vernünftigem Nachdenken, wie das ganze Menschengeschlecht beschaffen wäre, wenn der Glaube der heutigen Kirche stehenbliebe, welcher ist, daß sie erlöst seien durch das bloße Leiden am Kreuz, und daß die, welche mit diesem Verdienst des Herrn beschenkt sind, nicht unter der Verdammnis des Gesetzes seien; ferner daß dieser Glaube, von dem der Mensch gar nicht weiß, ob er ihm innewohnt, die Sünden vergebe und wiedergebäre, und daß die Mitwirkung des Menschen im Akte desselben, während derselbe gegeben wird und in ihn eingeht, jenen Glauben zerstören, und mit ihm die Seligkeit wegnehmen würde, weil er sein Verdienst mit dem Verdienste Christi vermischen würde; sprecht, sage ich, nach vernünftigem Denken, ob nicht damit das ganze Wort verworfen worden wäre, da ja in demselben vornehmlich die Wiedergeburt durch geistige Abwaschung vom Bösen und durch Ausübung der Liebtätigkeit gelehrt wird. Was wären alsdann die Zehn Gebote, dieser Ausgangspunkt der Wiedergeburt, anderes als ein Stück Papier, das man in Kramläden verkauft und Gewürzdüten daraus macht? Was wäre alsdann die Religion, als ein Gewinsel, daß man ein Sünder sei, und ein Flehen, daß Gott der Vater Sich erbarme um des Leidens Seines Sohnes willen, somit eine Sache des bloßen Mundes aus der Lunge, und gar nicht eine Sache der Tat aus dem Herzen? Und was wäre alsdann die Erlösung anderes als ein päpstlicher Ablaß?

Oder was mehr, als das Geißeln eines Mönchs für die ganze Gemeinde, wie dergleichen vorkommt? Würde der bloße Glaube den Menschen wiedergebären, und gar nicht die Buße und die Liebtätigkeit, was wäre alsdann der innere Mensch, der sein nach dem Tode fortlebender Geist ist, anderes als eine abgebrannte Stadt, deren Schutt den äußeren Menschen bildet, oder wie ein Acker oder Gefilde, von Raupen und Heuschrecken verwüstet? Ein solcher Mensch würde vor den Engeln nicht anders erscheinen, denn als ob er im Schoß eine Schlange hegte und ein Kleid darüber anzöge, damit sie nicht sichtbar werde; dann auch wie einer, der als ein Schaf bei einem Wolf schläft, oder wie einer, der unter prächtiger Decke in einem Hemd aus Spinnengewebe gewoben ruht; und was ist alsdann das Leben nach dem Tod, wo alle nach den Verschiedenheiten der Wiedergeburt im Himmel, und nach den Verschiedenheiten der Verwerfung derselben in der Hölle unterschieden werden, als ein fleischliches Leben, und so wie das Leben eines Fisches oder eines Krebses?