Ohne freien Willen in geistigen Dingen hätte der Mensch nichts, wodurch er sich seinerseits mit dem Herrn verbinden könnte, und es könnte daher auch keine Zurechnung, sondern bloße Vorherbestimmung stattfinden, welche verabscheuungswert ist

485. Daß ohne freien Willen in geistigen Dingen keine Liebtätigkeit und kein Glaub bei irgendeinem Menschen wäre, und noch weniger eine Verbindung dieser beiden, ist im Kapitel vom Glauben vollständig gezeigt worden; daraus folgt, das ohne den freien Willen in geistigen Dingen der Mensch nichts hätte, wodurch der Herr Sich mit ihm verbinden könnte, während doch ohne gegenseitige Verbindung keine Umbildung und Wiedergeburt, und daher auch keine Seligkeit möglich ist. Das ohne gegenseitige Verbindung des Menschen mit dem Herrn, und des Herrn mit dem Menschen gar keine Zurechnung stattfinden könnte, ist eine unumstößliche Folgerung. Der Folgen aus der Begründung, daß es ohne den freien Willen in geistigen Dingen keine Zurechnung des Guten und Bösen gäbe, sind mehrere, und zwar ungeheure, sie sollen eröffnet werden im letzten Teile dieses Werkes, wo von den Ketzereien, Widersinnigkeiten und Widersprüchen, die aus dem heutigen, die Zurechnung des Verdienstes und der Gerechtigkeit des Herrn Gottes Seligmachers zurechnenden Glauben hervorgehen, gehandelt werden soll.

486. Die Vorherbestimmung ist eine Ausgeburt des heutigen Glaubens, weil sie aus dem Glauben an das absolute Unvermögen und den unfreien Willen in geistigen Dingen entspringt; aus ihm und auch aus der gleichsam seelenlosen Bekehrung des Menschen, bei der er sein soll wie ein Klotz, und hernach aus keinerlei Bewußtsein wissen soll, ob der Klotz selbst durch die Gnade belebt ist oder nicht; denn es heißt, daß die Erwählung aus bloßer Gnade Gottes mit Ausschluß der Tätigkeit des Menschen geschehe, ob nun diese aus den Kräften der Natur oder der Vernunft hervorgehe; und daß die Erwählung geschehe, wo und wann Gott will, somit nach Willkür; die Werke, die als Zeugnisse dem Glauben folgen, sind dann vor dem nachdenkenden Blick gleich den Werken des Fleisches, und der Geist, der sie wirkt, offenbart nicht, aus welchem Ursprung sie sind, sondern macht sie [zu einer Wirkung] der Gnade oder der Willkür, wie den Glauben selbst. Hieraus erhellt, daß die Lehre der heutigen Kirche von der Vorherbestimmung wie ein Sproß aus dem Samen daraus hervorgegangen ist; und ich kann sagen, daß sie als eine kaum zu vermeidende Folgerung aus jenem Glauben floß; und dies geschah zuerst bei den Prädestinatianern, von Gottschalk an; nachher wurde sie von Calvin und seinen Anhängern, und zuletzt von der Dordrechter Synode stark befestigt, und dann als ein Palladium der Religion, oder vielmehr als das in den Schild der Pallas eingegrabene Haupt der Gorgo oder Medusas von den Supra- und Infra-Lapsariern in ihre Kirche übertragen.

Allein was konnte man Verderblicheres ausbrüten, und was Grausameres von Gott glauben, als daß irgendwelche aus dem menschlichen Geschlecht durch Vorherbestimmung verdammt seien? Denn Grausamkeit voraussetzend wäre der Glaube, daß der Herr, Der die Liebe selbst und die Barmherzigkeit selbst ist, wolle, daß eine Menge von Menschen für die Hölle geboren werden, oder daß Myriaden von Myriaden als Verfluchte geboren, das heißt, daß sie als Teufel und Satane geboren werden; und daß Er nicht nach Seiner göttlichen Weisheit, die unendlich ist, Vorsehung getan habe und tue, daß nicht die, welche einen guten Lebenswandel führen und Gott anerkennen, in das ewige Feuer und die ewige Qual geworfen werden; ist ja doch der Herr der Schöpfer und Heiland aller, und ist allein Derjenige, Der alle führt, und keines einzigen Tod will. Was kann also Schrecklicheres geglaubt und gedacht werden, als daß Massen von Völkern unter Seiner Leitung und unter Seinen Augen durch Vorherbestimmung sollten dem Teufel zur Beute überliefert werden, um dessen Gier zu sättigen? Doch dies ist eine Ausgeburt des Glaubens der heutigen Kirche; der Glaube der neuen Kirche hingegen verabscheut es als ein Scheusal.

487. Weil ich dachte, daß so etwas Verrücktes nirgends von irgendeinem Christen hätte beschlossen, noch weniger mit dem Munde ausgesprochen werden und an das öffentliche Licht gebracht werden können, was jedoch von so vielen Abgeordneten aus der Geistlichkeit auf der Dordrechter Synode in Holland wirklich geschehen, und hernach zierlich geschrieben und unter dem Publikum verbreitet worden ist: So wurden, damit ich nicht daran zweifeln möchte, einige von denen, die an den Beschlüssen jener Synode Teil gehabt hatten, zu mir gerufen. Als ich sie in meiner Nähe stehen sah, sagte ich: Wer kann irgend mit gesunder Vernunft auf eine Vorherbestimmung schließen? Was kann daraus anderes hervorgehen, als daß man Vorstellungen von Grausamkeit mit Gott und von Verruchtheit mit der Religion verbindet? Kann wohl, wer die Vorherbestimmung durch Begründungen in sein Herz grub, von den Dingen der Kirche irgend anders denken, als daß sie alle hohl seien, und ebenso auch vom Wort? Und wie kann er sich von Gott eine andere Vorstellung machen, als daß Er, weil Er so viele Myriaden von Menschen zur Hölle vorherbestimmte, ein Tyrann sei? Bei diesen Worten blickten sie mich mit satanischen Augen an und sagten: Wir gehörten zu den Abgeordneten in der Dordrechter Synode, und haben uns damals und noch mehr in der Folge bestärkt, in vielen Dingen über Gott, über das Wort und über die Religion, die wir nicht bekanntzumachen wagten, sondern als wir dieselben besprachen und lehrten, woben und drehten wir ein Gewebe aus vielfarbigen Fäden zusammen, und belegten es mit Federn, die von Pfauenflügeln entlehnt waren. Weil sie es aber jetzt ebenso machen wollten, so verschlossen die Engel vermöge der ihnen vom Herrn gegebenen Macht das Äußere ihres Gemüts, und schlossen dessen Inneres bei ihnen auf, und so wurden sie genötigt, aus diesem zu reden, und sagten nun: Unser Glaube, den wir durch Schlüsse bildeten, von denen der eine aus dem anderen folgte, war und ist noch folgender:

1. Daß es kein Wort Jehovah Gottes gibt, sondern etwas Windiges, ausgehaucht aus dem Munde der Propheten; so dachten wir, weil das Wort alle zum Himmel vorherbestimmt und lehrt, daß nur der Mensch Schuld habe, wenn er nicht die Wege wandelt, die dahin führen.

2. Daß es eine Religion gibt, weil es eine geben muß, daß sie aber wie ein Sturmwind ist, der Wohlgeruch bringt für das gemeine Volk; daß sie deshalb von niederen und hohen Kirchendienern gelehrt werden soll, und zwar aus dem Wort, weil dieses angenommen ist; so dachten wir, weil da, wo Vorherbestimmung ist, die Religion ein Nichts ist.

3. Daß die bürgerlichen Gesetze der Gerechtigkeit die Religion sind; daß aber die Vorherbestimmung nicht nach dem denselben gemäßen Leben geschehe, sondern lediglich nach Gottes Willkür, wie bei einem König von absoluter Gewalt nach dem bloßen Blick des Gesichts.

4. Daß man alles, was die Kirche lehrt, als Leeres auszischen und als Unrat wegwerfen müsse, mit Ausnahme dessen, daß ein Gott sei.

5. Daß die geistigen Dinge, die man feilbietet, nichts weiter seien als Äthergebilde unter der Sonne, die, wenn sie tief in den Menschen eindringen, ihm Schwindel und Betäubung verursachen, und ihn zu einem abscheulichen Ungetüm vor Gott machen.

6. Als man sie über den Glauben, aus dem sie die Vorherbestimmung ableiteten, fragte, ob sie denselben für geistig hielten, sagten sie, derselbe entstehe jener gemäß; sie seien aber, während derselbe gegeben wird, wie Klötze, aus denen sie zwar zu Lebendigen würden, jedoch nicht in geistiger Weise.

Nach diesen argen Aussprüchen wollten sie zurücktreten, ich sagte ihnen aber: Verweilet noch ein wenig, und ich will euch etwas aus Jesajas vorlesen, und ich las folgendes: „Freue dich nicht, du ganzes Philistäa, daß die Rute, die dich schlug, zerbrochen ist; denn aus der Schlange Wurzel ging ein Basilisk hervor, des Frucht ein fliegend Drachenungeheuer ist“: Jes.14/29; und ich erklärte dies durch den geistigen Sinn, daß unter Philistäa verstanden werde die von der Liebtätigkeit getrennte Kirche; daß unter dem Basilisken, der aus der Wurzel der Schlange hervorging, verstanden werde die Lehre derselben von drei Göttern und vom Zurechnungsglauben, auf jeden im einzelnen angewandt, und daß unter seiner Frucht, die ein fliegendes Drachenungeheuer ist, verstanden werde die Nicht-Zurechnung des Guten und Bösen, und dagegen unmittelbares Erbarmen, der Mensch mag gut oder böse gelebt haben. Nachdem sie dies gehört, sagten sie: Dies mag sein, lange nun aber auch aus jener Schrift, die du das Heilige Wort nennst, etwas über die Vorherbestimmung hervor; und ich schlug es auf, und stieß bei demselben Propheten auf die zutreffende Stelle: „Sie legten Viperneier und woben Spinngewebe, wer von ihren Eiern ißt, stirbt, und drückt sie jemand aus, so schlüpft eine Viper aus“: Jes.59/5. Nach Anhörung dieser Worte warteten sie deren Auslegung nicht ab, sondern einige von denen, die herbeigeholt worden waren - es waren ihrer fünf, - verkrochen sich in eine Höhle, um die sich ein finsterer Feuerbrand zeigte, zum Zeichen, daß sie weder Glauben noch Liebtätigkeit hatten. Hieraus erhellt, daß jener Synodalbeschluß von der Vorherbestimmung nicht nur eine unsinnige Ketzerei, sondern auch eine grausame Ketzerei ist; weshalb sie so gründlich aus dem Gehirn ausgerottet werden soll, daß auch nicht ein Pünktchen davon übrig bleibe.

488. Der abscheuliche Glaube, daß Gott Menschen zur Hölle vorherbestimmt habe, kann verglichen werden mit der Abscheulichkeit der Väter bei einigen barbarischen Völkern, die ihre Säuglinge und Kinder auf die Straßen werfen; und mit der Abscheulichkeit gewisser Feinde, welche die getöteten Menschen in die Wälder werfen, damit sie von den wilden Tieren aufgefressen werden. Er kann auch verglichen werden mit der Grausamkeit eines Tyrannen, der das ihm untergebene Volk in Haufen teilt, und von diesen einige den Henkern überliefert, andere in die Tiefe des Meeres wirft, und wieder andere ins Feuer. Er kann ferner verglichen werden mit der Wut gewisser wilder Tiere, die ihre Jungen auffressen; auch kann er verglichen werden mit der Tollheit der Hunde, die auf ihre im Spiegel erblickten Bilder losstürzen.