Neuntes und zehntes Gebot

Du sollst dich nicht gelüsten lassen des Hauses deines Nächsten, du sollst dich nicht gelüsten lassen des Weibes deines Nächsten, noch seines Knechts, noch seiner Magd, noch seines Ochsen, noch seines Esels, noch irgend etwas, das dein Nächster hat

325. Dies findet sich im Katechismus, den wir heutzutage in Händen haben, in zwei Gebote abgeteilt, in eines, welches das neunte bildet und heißt: ‚Laß dich nicht gelüsten des Hauses deines Nächsten‘, und ein anderes, welches das zehnte ausmacht und heißt: ‚Laß dich nicht gelüsten des Weibes deines Nächsten, noch seines Knechts, noch seiner Magd, noch seines Ochsen, noch seines Esels, noch irgend etwas, was dein Nächster hat‘; weil diese beiden Gebote einen Inhalt zusammen bilden, und 2Mo.20/17 und 5Mo.5/18 einen Vers, so unternahm ich, von diesen beiden Geboten zugleich zu handeln, jedoch nicht darum, daß ich wollte, daß sie in ein Gebot verbunden würden; sie sollen vielmehr wie zuvor in zwei abgeteilt werden, weil diese Gebote die Zehn Worte heißen: 2Mo.34/28; 5Mo.4/13; 10/4.

326. Diese zwei Gebote beziehen sich auf alle vorhergehenden Gebote, und lehren und schärfen ein, daß man das Böse nicht tun, ja auch nicht einmal begehren soll, daß sie also nicht bloß den äußeren Menschen, sondern auch den inneren angehen. Denn wer das Böse nicht tut, es aber doch zu tun begehrt, der tut es gleichwohl; denn der Herr sagt: „Wenn jemand nach des anderen Weib begehrt, so hat er schon einen Ehebruch mit ihr begangen in seinem Herzen“: Matth.5/27,28; und der äußere Mensch wird nicht früher innerlich, oder handelt nicht früher in Einheit mit dem inneren, als wenn die Begierden entfernt sind; auch dies lehrt der Herr, wenn Er sagt: „Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, denn ihr reinigt das Auswendige des Bechers und der Schüssel, das Inwendige aber ist voll Raubes und Unmäßigkeit; blinder Pharisäer, reinige zuvor das Innere des Bechers und der Schüssel, damit auch das Äußere rein sei“: Matth.23/25,26, und außerdem in diesem ganzen Kapitel von Anfang bis zu Ende. Das Innere, welches pharisäisch ist, sind die Begierden nach dem, was in den Geboten I. II. V. VI. VII. VIII. zu tun untersagt wird. Bekannt ist, daß der Herr in der Welt das Innere der Kirche gelehrt hat, und das Innere der Kirche ist, nicht nach Bösem begehren, und so lehrte Er, daß der innere und der äußere Mensch eins ausmachen sollen, und dies heißt von neuem geboren werden, wovon der Herr zu Nikodemus sprach, Joh.Kap.3; und niemand kann von neuem geboren oder wiedergeboren, somit ein innerer werden, außer vom Herrn. Damit diese zwei Gebote sich auf alle die beziehen, welche vorhergehen, sofern man das [in diesen Verbotene] nicht begehren soll, darum wird zuerst das Haus genannt, dann das Weib und hierauf der Knecht, die Magd, der Ochs und der Esel, und zuletzt alles, was der Nächste hat; denn das Haus schließt alles Nachfolgendein sich, sofern in ihm ist der Mann, das Weib, der Knecht, die Magd, der Ochs und der Esel. Das Weib,

das nachher genannt wird, schließt hierauf das, was folgt in sich; denn sie ist die Herrin, wie der Mannder Herr im Hause ist. Der Knecht und die Magd sind unter ihnen, und die Ochsen und Esel unter diesen, und zuletzt alles, was unterhalb oder außerhalb ist, ausgedrückt durch die Wortes alles, was dein Nächsterhat; woraus erhellt, daß in diesen zwei Geboten auf alles vorhergehende im allgemeinen und im besonderenund im weiten und engen Sinn zurückgesehen wird.327. Im geistigen Sinn werden durch diese Gebote verboten alle Begierden, welche wider den Geist sind, welche also wider die geistigen Dinge der Kirche sind, die sich hauptsächlich auf den Glauben und die Liebtätigkeit beziehen, weil, wenn die Begierden nicht bezähmt würden, das Fleisch nach seiner Freiheit sich in jeden Frevel stürzen würde; denn aus Paulus ist bekannt, „daß das Fleisch gelüstet wider den Geist, und den Geist wider das Fleisch“: Gal.5/17; und von Jakobus: „Jeglicher wird von seiner eigenen Begierde versucht, indem er angelockt wird, hernach gebiert die Begierde, wenn sie empfangen hat, die Sünde, und die Sünde, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod“: Jak.1/14,15; dann von Petrus: „Der Herr behält die Ungerechten auf den Tag des Gerichtes zur Bestrafung, besonders die, welche nach dem Fleisch in der  Begierde wandeln“: 2Pe.2/9,10. Kurz, die beiden Gebote beziehen sich, im geistigen Sinne verstanden,  auf alles das, was oben im geistigen Sinn angeführt worden ist, als solches zurück, das nicht begehrt werden soll; ebenso auf alles, was oben als ihr Inhalt im himmlischen Sinn aufgeführt wurde, dieses aber wieder anzuführen, wäre überflüssig. 328. Die Begierden des Fleisches, der Augen und der übrigen Sinne, getrennt von den Begierden, das heißt, den Neigungen, Verlangen und Lustreizen des Geistes, sind ganz gleich den Begierden der Tiere; weshalb sie an sich tierische Wildheit haben; die Neigungen des Geistes hingegen sind wie die der Engel,  und daher wahrhaft menschlich zu nennen; inwieweit daher jemand den Begierden des Fleisches frönt, insoweit ist er Tier und wildes Tier; inwieweit er hingegen den Verlangen des Geistes huldigt, insoweit ist er Mensch und Engel. Die Begierden des Fleisches können mit ausgedorrten und ausgebrannten Trauben und mit wilden Reben verglichen werden, die Neigungen des Geistes aber mit saftigen und wohlschmeckenden  Trauben, und auch mit dem Geschmack des aus ihnen gepreßten Weines. Die Begierden des Fleisches lassen sich vergleichen mit den Ställen, in denen Esel, Böcke und Schweine sind, und die Neigungen des Geistes mit Ställen, in denen edle Pferde, und auch Schafe und Lämmer stehen; sie unterscheiden sich auch wie Esel und Pferd, und wie Bock und Schaf, und Lamm und Schwein, im  allgemeinen wie Schlacken und Gold, und wie Kalk und Silber, wie Koralle und Rubin und so weiter.

Begierde und Tat hängen zusammen wie Blut und Fleisch, wie Flamme und Öl; denn die Begierde ist in der Tat wie die Luft aus der Lunge beim Atmen und Sprechen, und wie der Wind im Segel, während das Schiff fortsegelt, und wie das Wasser im Triebrad, durch das die Maschine in Bewegung und Tätigkeit gesetzt wird.