Luther, Melanchthon und Calvin in der geistigen Welt

796. Mit diesen drei Hauptführern, die Reformatoren der christlichen Kirche waren, habe ich öfter gesprochen, und bin daher unterrichtet worden, wie ihr Lebenszustand von Anfang bis auf den heutigen Tag beschaffen war.

Was Luther betrifft, so war er von der ersten Zeit an, da er in die geistige Welt kam, der heftigste Verbreiter und Verteidiger seiner Lehrbestimmungen, und wie die beistimmende und ihn günstige Menge von der Herde her anwuchs, so wuchs auch sein Eifer für jene. Es ward ihm dort ein Haus gegeben, wie er es bei Leibesleben zu Eisleben gehabt hatte; und hier schlug er in der Mitte einen mäßig erhöhten Sitz auf, auf dem er sich niedersetzte und durch das offenstehende Tor die Zuhörer hereinließ, und sie in Reihen ordnete; wobei er in die nächste diejenigen zu sich nahm, die ihm mehr zugetan waren, hinter diese aber die weniger günstigen hinstellte, und nun in einem fort sprach, dann aber doch auch wieder dazwischen hinein Fragen gestattete, um das Gewebe der beendigten Rede von irgendeinem Ausgangspunkt aus von neuem beginnen zu können. Infolge dieses allgemeinen Beifalls erlangte er zuletzt eine gewisse Überredungskunst; und diese ist in der geistigen Welt von so mächtiger Wirkung, daß niemand ihr widerstehen, oder dem, was gesagt wird, widersprechen kann; weil aber dies eine Art von Bezauberung war, welche die Alten im Gebrauch hatten, so wurde ihm ernstlich untersagt, fernerhin sich dieser Überredungskunst zu bedienen, und so lehrte er nachher, wie früher, aus dem Gedächtnis und zugleich aus dem Verstand. Eine solche Überredung, die eine Art von Zauberei ist, entspringt aus der Liebe zu sich selbst, infolgedessen sie zuletzt so geartet wird, daß, wenn jemand widerspricht, er nicht nur den Gegenstand der Frage, sondern auch die Person selbst angreift. Dies war der Zustand seines Lebens bis zum Letzten Gericht, das in der geistigen Welt im Jahr 1757 gehalten wurde; dann aber wurde er nach Ablauf eines Jahres aus seinem ersten Haus in ein anderes, und zugleich dann auch in einen anderen Zustand versetzt; und weil er hier hörte, daß ich, der ich in der natürlichen Welt bin, mit denen in der geistigen Welt rede, so kam er mit mehreren zu mir und vernahm nach mehreren Fragen und Antworten, daß eben jetzt das Ende der vorigen Kirche und der Anfang der neuen sei, von der Daniel geweissagt, und der Herr selbst bei den Evangelisten eine Vorhersage gegeben hat, und daß diese neue Kirche verstanden werde unter dem neuen Jerusalem in der Offenbarung, und unter dem ewigen Evangelium, das der inmitten des Himmels fliegende Engel den auf Erden Wohnenden verkündigte: Offb.14/6, worüber er sehr ungehalten wurde und in Scheltworte ausbrach. Als er aber vernahm, daß der neue Himmel, der gebildet wurde und gebildet wird aus denen, die den Herrn allein als Gott des Himmels und der Erde anerkennen, nach Seinen Worten bei Matth.28/18 [zunahm,] und wie er bemerkte, daß die Haufen, welche täglich sich bei ihm versammelten, sich verminderten, so hörte das Schelten auf, und er kam nun näher zu mir heran und fing an vertraulicher mit mir zu reden; und nachdem er überführt war, daß er die Hauptlehre von der Rechtfertigung durch den bloßen Glauben nicht aus dem Wort, sondern aus der eigenen Verständigkeit hergenommen hatte, so ließ er sich unterrichten über den Herrn, über die Liebtätigkeit, über den wahren Glauben, über den freien Willen, und weiter über die Erlösung, und zwar einzig aus dem Wort. Zuletzt, nachdem er sich überzeugt hatte, fing er an die Sache mit günstigen Augen anzusehen; und hernach mehr und mehr sich in den Wahrheiten zu bestärken, aus denen die neue Kirche aufgebaut wird. Zu dieser Zeit war er täglich bei mir, und sooft er dann jene Wahrheiten wieder durchging, fing er an über seine früheren Lehrbestimmungen zu lachen, als über solches, was schnurstracks wider das Wort ist, und ich hörte ihn sagen: Wundert euch nicht, daß ich den allein rechtfertigenden Glauben ergriff und die tätige Liebe ihres geistigen Wesens beraubte, und den Menschen auch allen freien Willen in geistigen Dingen nahm, und so vieles, was von dem einmal angenommenen bloßen Glauben wie die Haken von der Kette abhängt; denn mein Endzweck war, von den Römisch-Katholischen losgerissen zu werden, und diesen Endzweck konnte ich nicht anders erreichen und festhalten; weshalb ich mich nicht wundere, daß ich mich verirrte, sondern daß ein Verrückter so viele zu Verrückten machen konnte; und hier warf er einigen dogmatischen Schriftstellern, die zu ihrer Zeit gefeiert und treue Anhänger seiner Lehre waren, einen Seitenblick zu, daß sie die Gegensätze in der Heiligen Schrift nicht sahen, die doch so offen zutage liegen. Die prüfenden Engel sagten mir auch, daß dieser Vortreter vor vielen anderen, die sich in der Rechtfertigung durch den bloßen Glauben bestärkt hatten im Zustand der Bekehrung sei, weil er schon in seiner frühen Jugend, und bevor er sich an das Reformationswerk machte, die Lehre von dem Vorrang der tätigen Liebe eingesogen hatte; weshalb er auch sowohl in seinen Schriften, als in seinen Reden so vortreffliche Lehren von der Liebtätigkeit gegeben habe; woraus hervorgeht, daß der Rechtfertigungsglaube bei ihm in seinem äußeren natürlichen Menschen eingepflanzt war, nicht aber im inneren geistigen Menschen Wurzel gefaßt hatte. Anders aber wird es mit denen, die in ihrer frühen Jugend sich gegen die Geistigkeit der tätigen Liebe bestärken, was auch von selbst geschieht, wenn die Rechtfertigung durch den bloßen Glauben durch Begründungen befestigt wird. Ich sprach mit dem sächsischen Fürsten, mit dem Luther in der Welt zusammen gewesen war, und dieser erzählte mir, er habe demselben oft widersprochen, besonders darum, weil er die Liebtätigkeit vom Glauben getrennt, und diesen, nicht aber jene für seligmachend erklärt hatte, während doch die Heilige Schrift nicht nur diese allgemeinen Heilsmittel verbindet, sondern auch Paulus die tätige Liebe dem Glauben vorzieht, indem er sagt: „Es seien drei: der Glaube, die Hoffnung und die tätige Liebe, und das Größte von diesen sei die tätige Liebe“: 1Kor.13/13, allein Luther habe ebensooft geantwortet, er könne nicht anders wegen der Römisch-Katholischen. Dieser Fürst ist unter den Seligen.

797. Was Melanchthon betrifft, so ist mir über sein Los, wie es war als er zuerst in die geistige Welt kam, und wie es nachher war, vieles zu wissen gegeben worden, nicht bloß durch die Engel, sondern auch von ihm selbst; denn ich habe einige Male mit ihm gesprochen, doch nicht so oft und so nahe, wie mit Luther; die Ursache, warum es nicht so oft und so nahe geschah, war, weil er nicht in gleicher Weise herankommen konnte, da er sein Forschen bloß der Rechtfertigung durch den bloßen Glauben, nicht aber der Liebtätigkeit zugewandt hatte, und ich von Engelgeistern umgeben bin, die in der Liebtätigkeit sind, und diese den Zutritt zu mir abschnitten. Ich hörte, daß bei seinem ersten Eintreten in die geistige Welt ihm ein Haus bereitet war ähnlich dem Hause, in dem er in der Welt sich aufgehalten hatte. Dies geschieht auch den meisten neuen Ankömmlingen, infolgedessen sie nicht anders wissen, als sie seien noch in der natürlichen Welt, und die seit ihrem Tode verflossene Zeit sei wie ein Schlaf gewesen. In seinem Zimmer waren auch alle Dinge die gleichen, der gleiche Tisch, der gleiche Papierschrank mit Fächern und auch der Bücherständer. Sobald er daher dahin gekommen war, setzte er sich, wie vom Schlaf erwacht, sogleich an den Tisch und fuhr fort zu schreiben, und zwar damals über die Rechtfertigung durch den bloßen Glauben, und so einige Tage hindurch, und lediglich nichts von der Liebtätigkeit. Als die Engel dies bemerkten, wurde er durch Abgesandte gefragt, warum er nicht auch von der tätigen Liebe schreibe; er antwortete, in der Liebtätigkeit sei nichts von der Kirche, denn würde sie als wesentliches Attribut der Kirche angenommen werden, so würde der Mensch sich auch das Verdienst der Rechtfertigung und daher der Seligmachung zueignen, und so auch den Glauben seines geistigen Wesens berauben. Als die Engel, die über seinem Haupt waren, dies vernahmen, und die Engel, die ihm, wenn er sich außer seinem Hause befand, beigesellt waren, es gehört hatten, traten sie zurück, (es werden nämlich jedem Ankömmling anfangs Engel beigesellt;) hierauf begannen nach einigen Wochen die Dinge, die zu seinem Gebrauch im Zimmer waren, sich zu verdunkeln und zuletzt zu verschwinden, und am Ende so ganz, daß außer dem Tisch, den Papieren und dem Tintenfaß nichts mehr übrig blieb, und überdies erschienen die Wände seines Zimmers wie mit Kalk übertüncht, und der Fußboden mit gelbem Ziegelstoff überdeckt, und er selbst in gröberem Gewand. Als er darüber verwundert war und sich in der Nähe befragte warum dies? Erhielt er zur Antwort: weil er die Liebtätigkeit von der Kirche entfernt habe, während sie doch deren Herz sei; weil er aber ebensooft widersprach und fortfuhr vom Glauben als dem einzigen Wesentlichen der Kirche und dem einzigen Heilsmittel zu schreiben, und die Liebtätigkeit mehr und mehr zu entfernen, sah er sich plötzlich unter der Erde in einem Arbeitshaus, wo ähnliche waren; und als er von da herausgehen wollte, wurde er zurückgehalten und ihm verkündet, daß kein anderes Los diejenigen erwarte, welche die Liebtätigkeit und die guten Werke aus der Kirche hinauswerfen. Weil er jedoch einer der Reformatoren gewesen war, so wurde er auf Befehl des Herrn von da herausgenommen und zurückversetzt in sein früheres Gemach, wo bloß Tisch, Papier und Tintenfaß war; nichtsdestoweniger aber besudelte er infolge der Vorstellungen, in denen er sich bestärkt hatte, das Papier mit dem gleichen Irrtum; weshalb man nicht verhüten konnte, daß er abwechslungsweise zu den gefangenen Genossen hinabgesandt, und abwechslungsweise wieder herausgelassen wurde; wenn er herausgelassen war, so erschien er in rauhen Pelz gehüllt, weil der Glaube ohne die Liebtätigkeit frostig ist. Er erzählte mir selbst, es habe an die Hinterseite seines Zimmers ein anderes gestoßen, in dem drei Tische waren, an denen seinesgleichen saßen, die auch die Liebtätigkeit verbannt hatten, und es sei dort zuweilen auch noch ein vierter Tisch erschienen, auf dem sich Mißgestalten in mancherlei Formen zeigten, vor denen sie jedoch nicht zurückschreckten; er sagte, er habe mit diesen gesprochen, und sei durch sie von Tag zu Tag mehr bestärkt worden. Nach einiger Zeit jedoch ward er von Furcht ergriffen und fing an, etwas über die Liebtätigkeit auszuarbeiten, was er aber an dem einen Tag auf das Papier niedergeschrieben hatte, sah er am anderen nicht mehr; denn dies geschieht dort jedem, wenn er bloß aus dem äußeren Menschen etwas zu Papier bringt, und nicht zugleich aus dem inneren, somit aus Zwang und nicht aus Freiheit, so verlöscht es von selbst. Nachdem aber der neue Himmel vom Herrn gebildet zu werden begann, fing er an, aus dem Licht dieses Himmels zu denken, er möchte doch vielleicht im Irrtum sein; weshalb er aus Bangigkeit über sein Los einige ihm eingeprägte inwendigere Vorstellungen von der Liebtätigkeit fühlte. In diesem Zustand befragte er das Wort, und nun wurden seine Augen geöffnet, und er sah, daß es durchgängig von der Liebe zu Gott und von der Liebe zum Nächsten handelt, und daß es sich verhält, wie der Herr sagt, daß von diesen zwei Geboten das Gesetz und die Propheten, das ist, das ganze Wort abhängt. Von dieser Zeit an ward er tiefer in den Süden gegen Westen hin, und so in ein anderes Haus versetzt, aus dem er mit mir sprach und sagte, daß nun sein Niedergeschriebenes über die Liebtätigkeit nicht mehr wie früher verschwinde, sondern am folgenden Tag sich dunkel zeige. Über einen Umstand wunderte ich mich, nämlich daß man, wenn er geht, seine Tritte pochen hört, wie bei solchen, die mit eisernen Schuhen angetan auf einem steinernen Boden einhergehen. Diesem ist noch beizufügen, daß er, wenn einige Neuangekommene aus der Welt, um ihn zu sprechen und zu sehen, in sein Gemach traten, einen von den magischen Geistern herbeirief, die mittelst der Phantasie mancherlei zierliche Gestalten herbeizaubern konnten, die dann sein Zimmer mit Zieraten und mit Rosentapeten und in der Mitte wie mit einer Bibliothek schmückten; sobald aber jene weggingen, verschwanden auch diese Gestalten wieder, und der frühere Kalküberzug und die Leere stellten sich wieder ein: doch war dies der Fall, als er noch im früheren Zustand war.

798. Über Calvin habe ich folgendes gehört:

I. Daß er nach seinem ersten Eintreten in die geistige Welt nicht anders glaubte, als er sei noch in der Welt, wo er geboren ward, und obwohl er von den ihm anfänglich beigesellten Engeln hörte, daß er nun in ihrer Welt und nicht in der seinigen sei, sagte er doch: Ich habe denselben Körper, dieselben Hände und dieselben Sinne; allein die Engel belehrten ihn, daß er jetzt in einem substantiellen Körper sei, und daß er früher nicht nur in diesem, sondern auch in einem materiellen war, der den substantiellen umkleidet, und daß der materielle Körper nun abgelegt ist, während der substantielle, durch den der Mensch Mensch ist, zurückbleibt. Dies sah er zwar zuerst ein, allein den Tag darauf kehrte er zum vorigen Glauben zurück, daß er nämlich noch in der Welt sei, in der er geboren worden; die Ursache war, weil er ein sinnlicher Mensch war, der nichts glaubte, als was er aus den Gegenständen der Körpersinne schöpfte; daher kam auch, daß er alle Lehrbestimmungen seines Glaubens aus der eigenen Verständigkeit ausbrütete und nicht aus dem Wort hernahm; daß er das Wort anführte, geschah um des Pöbels willen, damit ihm dieser Beifall geben möchte.

II. Daß er nach dieser ersten Periode, nachdem er die Engel verlassen hatte, herumschweifte und Nachforschungen anstellte, wo diejenigen wären, die von den alten Zeiten her an eine Vorherbestimmung geglaubt hatten, und es ward ihm gesagt, sie seien entfernt von da, und eingeschlossen und überdeckt, und es finde sich zu ihnen kein Zugang, außer von der Hinterseite her unter der Erde, daß aber gleichwohl die Schüler Gottschalks noch frei herumgehen und zuweilen sich an einem Ort versammeln, der in der geistigen Sprache Pyris heißt, und weil er ein Verlangen hatte, mit ihnen umzugehen, so wurde er zu einer Versammlung gebracht, in der einige von ihnen standen; und als er unter sie kam, war er in der Lust seines Herzens und schloß engere Freundschaft mit ihnen.

III. Nachdem aber die Anhänger Gottschalks zu ihren Brüdern in die Höhle abgeführt waren, fühlte er Überdruß und suchte daher da und dort eine Zufluchtsstätte, und ward zuletzt in eine gewisse Gesellschaft aufgenommen, in der bloß Einfältige und unter diesen auch Andächtige waren, und als er bemerkte, daß sie gar nichts von der Vorherbestimmung wußten, noch fassen konnten, begab er sich in einen Winkel dieser Gesellschaft und blieb da lange Zeit verborgen, und öffnete den Mund nicht über irgend etwas die Kirche Betreffendes. Dies ward vorgesehen, damit er von seinem Irrtum, betreffend die Vorherbestimmung, zurücktreten möchte, und damit es zur Abschließung käme mit den Scharen derer, die nach der Dordrechter Synode dieser verabscheuungswerten Irrlehre anhingen, und alle nach und nach in die Höhle zu ihren Genossen verwiesen wurden.

IV. Endlich, als von seiten der heutigen Anhänger der Vorherbestimmung Nachfrage geschah, wo Calvin sei, und man ihn nach geschehener Nachsuchung an den äußersten Grenzen einer Gesellschaft fand, die bloß aus Einfältigen bestand, wurde er von da abberufen und zu einem gewissen Vorsteher hingeführt, der sich mit der nämlichen Hefe gesättigt hatte. Dieser nahm ihn daher in sein Haus auf und bewachte ihn, und dies so lange, bis der neue Himmel vom Herrn gebildet zu werden begann, und weil nun der Vorsteher, sein Hüter, zugleich mit seiner Rotte hinausgeworfen ward, so begab sich Calvin in ein verrufenes Haus, und blieb dort eine Zeit lang.

V. Und weil er hier die Freiheit hatte umherzuschweifen und auch näher zu meinem Aufenthalt heranzukommen, so ward mir gestattet mit ihm zu reden, und zwar zuerst vom neuen Himmel, daß er eben jetzt aus solchen gebildet werde, die den Herrn allein als Gott des Himmels und der Erde anerkennen, nach Seinen Worten bei Matth.28/18; und daß diese glauben, daß Er und der Vater eins sind: Joh.10/30; und daß Er im Vater und der Vater in Ihm ist, und daß wer Ihn sieht und erkennt, den Vater sieht und erkennt: Joh.14/6-11; und daß so ein Gott in der Kirche ist, wie im Himmel. Auf diese meine Worte schwieg er anfangs, wie er zu tun pflegte; nach einer halben Stunde aber brach er das Stillschweigen und sagte: War nicht Christus Mensch, ein Sohn der mit Joseph vermählten Maria? Wie kann ein Mensch als Gott angebetet werden? Ich erwiderte: Ist nicht Jesus Christus unser Erlöser und Seligmacher Gott und Mensch? Worauf er antworte: Er ist Gott und Mensch, dennoch aber ist die Gottheit nicht sein, sondern sie ist die des Vaters; worauf ich fragte: Wo ist alsdann Christus? Er sagte: Er ist im Untersten des Himmels, und dies begründete Er durch Seine Erniedrigung vor dem Vater, und durch das, daß Er Sich hatte kreuzigen lassen; diesem fügte er noch Ausfälle gegen Seine Verehrung hinzu, die ihm von der Welt her gerade ins Gedächtnis kamen, und die im allgemeinen dahingingen, daß die Verehrung desselben nichts anderes sei als Abgötterei. Er wollte noch unsagbare Lästerworte über diese Verehrung hinzufügen, allein die Engel, die bei mir waren, schlossen ihm die Lippen. Ich aber sagte, im Eifer ihn zu bekehren, daß der Herr unser Heiland nicht bloß Gott und Mensch sei, sondern daß in Ihm auch Gott Mensch und der Mensch Gott sei, und dies bestätigte ich aus Paulus, nach dem in Ihm die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig wohnt: Kol.2/9; und aus Johannes, nach dem Er der wahre Gott und das ewige Leben ist: 1Joh.5/20,21; dann auch durch die eigenen Worte des Herrn, nach denen der Wille des Vaters ist, daß jeder, der an den Sohn glaubt, das ewige Leben habe, und daß, wer nicht glaubt, das Leben nicht sehen wird, sondern der Zorn Gottes über ihm bleibt: Joh.3/36; 6/40; und überdies, daß der symbolische Glaube, den man den athanasischen nennt, feststelle, daß in Christus Gott und Mensch nicht zwei seien, sondern eines, und daß sie in einer Person seien, wie es Seele und Leib im Menschen sind. Als er dies hörte, erwiderte er: Was sind alle diese Dinge, die du aus dem Wort hervorgebracht hast anderes als leere Worte? Ist nicht das Wort ein Buch aller Ketzereien, und somit wie eine Windfahne auf Dächern und Schiffen, die je nachdem der Wind bläst, dahin und dorthin sich dreht?

Die Vorherbestimmung allein ist es, die alles zur Religion Gehörige bestimmt; sie ist die Wohnstätte und das Versammlungszelt alles dessen, was zur Religion gehört, und der Glaube, durch den die Rechtfertigung und Seligmachung geschieht, ist darin das Innerste und Allerheiligste. Hat denn irgendein Mensch freien Willen in geistigen Dingen, und sind nicht alle Dinge des Heiles Gnadensache? Gründe also hiergegen und somit gegen die Vorherbestimmung höre und vernehme ich nicht anders denn als ein Aufstoßen aus dem Bauch und ein Knurren im Leib, und weil dem so ist, so dachte ich bei mir selbst, daß ein Tempel, in dem von etwas anderem gelehrt wird, und zwar aus dem Wort, und die dann versammelte Gemeinde wie ein Tierzwinger sei, in dem Schafe und Wölfe beisammen sind, diese jedoch durch die staatsbürgerlichen Gesetze der Gerechtigkeit mit einem Maulkorb versehen, damit sie nicht auf die Schafe losstürzen, unter welchen Schafen ich die Vorherbestimmten verstehe; und daß dann die darin gehaltenen rednerischen Kanzelvorträge nichts seien als Schluchzer aus der Brust. Ich will jedoch mein Bekenntnis geben, und dieses ist folgendes: Es ist ein Gott, und dieser ist allmächtig, und es gibt kein Heil für andere, als die, welche von Gott dem Vater auserwählt und vorherbestimmt sind, und jeder andere ist seinem Schicksal, das heißt, seinem Verhängnis überlassen. Als ich dies hörte, gab ich in aufwallendem Unwillen zurück: Du redest Lästerungen, hebe dich hinweg, böser Geist, weißt du nicht, daß du in der geistigen Welt bist, daß es einen Himmel und eine Hölle gibt, und daß die Vorherbestimmung in sich schließt, daß einige dem Himmel und einige der Hölle zugeschrieben sind, und kannst du dir alsdann von Gott eine andere Vorstellung machen, als die von einem Tyrannen, der die Günstlinge in die Stadt einläßt, und die übrigen in die Folterkammer hinausstößt? Schäme dich also! Hierauf las ich ihm vor, was im dogmatischen Buch der Evangelischen, genannt die Konkordienformel, von der Irrlehre der Calvinischen, betreffend die Verehrung des Herrn und die Vorherbestimmung geschrieben steht. Über die Verehrung des Herrn folgendes: ‚daß es eine verdammliche Abgötterei sei, wenn die Zuversicht und der Glaube des Herzens auf Christus nicht bloß nach Seiner göttlichen, sondern auch nach Seiner menschlichen Natur gesetzt, und die Ehre der Anbetung beiden zugewendet wird‘. Und über die Vorherbestimmung die Stelle: ‚Christus sei nicht für alle Menschen, sondern bloß für die Auserwählten gestorben. Gott habe den größten Teil der Menschen zu ewiger Verdammnis erschaffen, und wolle nicht, daß die Mehrzahl bekehrt werde und lebe. Die Auserwählten und Wiedergeborenen können den Glauben und den Heiligen Geist nicht verlieren, obgleich sie alle Arten schwerer Sünden und Schandtaten begehen. Diejenigen hingegen, die nicht Auserwählte sind, werden notwendig verdammt, und können nicht zum Heil gelangen, wenn sie auch tausendmal getauft würden und täglich zum heiligen Abendmahl gingen, und überdies ihr Leben so heilig und schuldlos führen, ls irgend geschehen könnte‘, Seite 837, 838, der Leipziger Ausgabe vom Jahr 1756. Nach dem Vorlesen fragte ich ihn, ob die in jenem Buch geschriebenen Worte aus seiner Lehre genommen seien, oder nicht, worauf er zur Antwort gab, sie seien aus der seinigen, nur erinnere er sich nicht, ob die Ausdrücke wirklich so ganz wörtlich aus seiner Feder, wie aus seinem Munde geflossen seien. Nachdem sie dies gehört, traten alle Diener des Herrn von ihm ab, und er begab sich eilig auf den Weg, der zu der Höhle führt, in der diejenigen sind, die sich in der verabscheuungswerten Lehre von der Vorherbestimmung bestärkt haben. Ich sprach nachher mit einigen der in dieser Höhle Eingekerkerten, und fragte nach ihrem Los. Sie sagten, sie seien gehalten, ihres Unterhaltes wegen zu arbeiten, und seien alle untereinander Feinde, und jeder suche eine Ursache, dem anderen Übles zu tun, und tue es auch, wenn er nur irgendeine geringe dazu finde, und dies sei die Lust ihres Lebens. - Außerdem sehe man über die Vorherbestimmung und die Prädestination, was oben Nr. 485 - 488 geschrieben steht.

799. Ich sprach auch mit vielen anderen, sowohl den Anhängern jener drei, als auch mit Häretikern, und ward bei allen zu dem Schluß geführt, daß alle diejenigen von ihnen, die ein Leben der Liebtätigkeit geführt, und mehr noch die, welche das Wahre, weil es wahr ist, geliebt hatten, in der geistigen Welt sich unterrichten lassen und die Lehren der neuen Kirche annehmen; daß hingegen die, welche sich im Falschen der Religion bestärkt, und auch die, welche ein böses Leben geführt haben, sich nicht unterrichten lassen, und daß sie sich Schritt für Schritt vom neuen Himmel entfernen und sich ähnlichen beigesellen, die in der Hölle sind, wo sie sich mehr und mehr gegen den Dienst des Herrn bestärken und verhärten, und zwar bis dahin, daß sie es nicht aushalten, den Namen Jesu zu hören; umgekehrt aber im Himmel, wo alle einmütig den Herrn als Gott des Himmels anerkennen.