Katechismus oder die Zehn Gebote, nach ihrem äußeren und inneren Sinn erklärt  

282. Es findet sich auf dem ganzen Erdkreis kein Volk, das nicht wüßte, daß morden, ehebrechen, stehlen, falsches Zeugnis ablegen, etwas Böses sei, und daß es, wofern nicht diesem Bösen durch die Gesetze vorgebeugt würde, um das Reich, den Staat und um jede errichtete Gesellschaft geschehen wäre. Wer könnte glauben, daß das jüdische Volk vor anderen so blödsinnig gewesen sei, daß es nicht gewußt hätte, daß jene Dinge Böses seien? Man könnte sich daher wundern, daß jene allenthalben auf Erden bekannten Gesetze von Jehovah selbst mit einem so großen Wunder vom Berg Sinai herab verkündet wurden; allein man höre: sie wurden mit einem so großen Wunder verkündet, damit man wisse, daß diese Gesetze nicht bloß bürgerliche und moralische, sondern auch göttliche Gesetze seien, und gegen sie handeln nicht bloß wider den Nächsten, das heißt, den Mitbürger und die Gesellschaft, sondern auch gegen Gott sündigen heiße; weshalb denn diese Gesetze durch die von Jehovah geschehene Verkündigung vom Berg Sinai herab auch zu Gesetzen der Religion gemacht wurden. Es ist ganz offenbar, daß Jehovah alles, was Er befiehlt, als zur Religion gehörig befiehlt, und daß man es somit der Seligkeit wegen tun soll. Doch bevor die Gebote erklärt werden, muß erst von ihrer Heiligkeit gehandelt werden, damit sich herausstelle, daß die Religion in denselben liegt.  

In der israelitischen Kirche waren die Zehn Gebote die Heiligkeit selbst  

283. Weil die Zehn Gebote die Erstlinge des Wortes, und somit die Erstlinge der beim israelitischen Volk zu gründenden Kirche waren, und weil sie in kurzem Abriß eine Zusammenfassung alles zur Religion Gehörigen waren, wodurch eine Verbindung Gottes mit dem Menschen, und des Menschen mit Gott bewirkt wird, darum waren sie so heilig, daß es nichts Heiligeres gab. Daß sie höchst heilig waren, ergibt sich deutlich aus folgenden Umständen: daß Jehovah der Herr selbst auf den Berg Sinai im Feuer und mit Engeln herniederstieg und sie von da mit lauter Stimme verkündigte, und [daß das Volk drei Tage lang sich vorbereiten mußte, um zu sehen und zu hören;] daß der Berg umzäunt war, damit niemand hinzutrete und sterbe; daß weder die Priester, noch die Ältesten sich nahen durften, sondern bloß Moses; daß jene Gesetze mit dem Finger Gottes auf zwei steinerne Tafeln geschrieben waren; daß Moses, als er diese Tafeln zum zweiten Male herniedertrug, mit dem Angesicht strahlte; daß die Tafeln nachher in der Lade niedergelegt wurden, und diese sich im Innersten der Stiftshütte befand, und über ihr der Gnadenstuhl gesetzt, und auf diese die Cherube von Gold gestellt wurden; daß dieses Innerste der Stiftshütte, in dem die Lade war, das Allerheiligste genannt wurde; daß außerhalb des Vorhangs, innerhalb welchem jene Lade war, mehrere Dinge aufgestellt wurden, welche die heiligen Dinge des Himmels und der Kirche vorbildeten, und welche waren der mit Gold überzogene Tisch, auf dem die Schaubrote lagen, der goldene Altar, auf dem das Rauchwerk war, und der goldene Leuchter mit den sieben Leuchten; dann die Vorhänge ringsherum von Byssus, Purpur und Scharlach; die Heiligkeit dieser ganzen Stiftshütte beruhte auf nichts anderem, als dem Gesetz, das in der Lade war. Wegen der Heiligkeit der Stiftshütte, vermöge des Gesetzes in der Lade, lagerte sich dem Befehl gemäß das ganze israelitische Volk um dieselbe her nach der Ordnung der Stämme, und zog in Ordnung hinter derselben her, wo dann über derselben bei Tag eine Wolke stand, und bei Nacht ein Feuer. Wegen der Heiligkeit jenes Gesetzes und der Gegenwart Jehovahs in ihm, sprach Jehovah über dem Gnadenstuhl zwischen den Cheruben mit Moses, und die Lade wurde ‚Jehovah hier‘ genannt. [Deshalb war auch bestimmt,] das Aharon nicht anders als mit Opfern und Rauchwerk hinter den Vorhang gehen durfte, damit er nicht stürbe. Wegen der Gegenwart Jehovahs in jenem Gesetz und um dasselbe her waren auch Wunder durch die Lade, in der das Gesetz lag, geschehen, daß z.B. die Wasser des Jordans sich zerteilten, und solange die Lade in dessen Mitte ruhte, das Volk im Trockenen überging; daß durch ihr Herumgetragenwerden die Mauern Jerichos fielen; daß Dagon, der Götze der Philister, vor ihr zuerst auf sein Gesicht herabfiel, und hernach, getrennt vom Kopf, mit beiden Händen auf der Schwelle des Tempels lag; daß ihretwegen die Bethschemiten zu vielen Tausenden geschlagen wurden; daß Usa starb, weil er sie berührt hatte; daß jene Lade von David mit Opfern und Jubel nach Zion, und nachher von Salomo in den Tempel zu Jerusalem gebracht wurde, in dem sie das innerste Heiligtum bildete, und dergleichen mehr; woraus erhellt, daß die Zehn Gebote in der israelitischen Kirche die Heiligkeit selbst waren.

284. Dasjenige, was oben von der Verkündigung, Heiligkeit und Macht des Gesetzes angeführt worden ist, findet sich in folgenden Stellen im Wort: Daß Jehovah auf den Berg Sinai im Feuer herabstieg, und der Berg dann rauchte und bebte, und daß es dabei Donnerschläge, Blitze, schweres Gewölk und Posaunenschall gab: 2Mo.19/16-18; 5Mo.4/11; 5/19-23. Daß das Volk vor der Herabkunft Jehovahs sich drei Tage hindurch vorbereitete und heiligte: 2Mo.19/10,11,15. Daß der Berg umzäunt war, damit niemand dessen Unterstem sich nahen und hinzutreten, und dann sterben möchte, auch die Priester nicht, sondern allein Moses: 2Mo.19/12,13,20-23; 24/1,2. Das vom Berg Sinai herab verkündigte Gesetz: 2Mo.20/2-14; 5Mo.5/6-18. Daß das Gesetz auf zwei steinerne Tafeln geschrieben wurde, und zwar geschrieben wurde vom Finger Gottes: 2Mo.31/18; 32/15,16; 5Mo.9/10. Daß Moses, als er diese Tafeln zum zweiten Mal vom Berg Sinai herabtrug, mit dem Angesicht so strahlte, daß er während des Redens mit dem Volk das Angesicht mit einer Decke umhüllen mußte: 2Mo.34/29-35. Daß die Tafeln in der Lade niedergelegt wurden: 2Mo.25/16; 40/20; 5Mo.10/5; 1Kö.8/9. Daß auf die Lade der Gnadenstuhl gesetzt, und auf diesen goldene Cherube gestellt wurden: 2Mo.25/17-21. Daß die Lade mit dem Gnadenstuhl und den Cheruben in die Stiftshütte gebracht wurde, und daß sie deren Erstes und somit Innerstes ausmachte, und daß der mit Gold überzogene Tisch, auf dem die Schaubrote lagen, der goldene Rauchaltar, und der Leuchter mit den Leuchten von Gold, das Äußere der Stiftshütte ausmachten, und die zehn Vorhänge aus Byssus, Purpur und Scharlach ihr Äußerstes: 2Mo.25/1-40; 26/1-37; 40/17-28. Daß der Ort, wo die Lade war, das Heilige des Heiligen genant wurde: 2Mo.26/33. Daß das ganze israelitische Volk um die Stiftshütte herum in der Ordnung nach den Stämmen sich lagerte, und in der Ordnung hinter derselben herzog: 4Mo.Kap.2. Daß alsdann über der Stiftshütte bei Tag eine Wolke, und bei Nacht ein Feuer war: 2Mo.40/38; 4Mo.9/15-23; 14/14; 5Mo.1/33. Daß Jehovah über der Lade zwischen den Cheruben mit Moses sprach: 2Mo.25/22; 4Mo.7/89. Daß die Lade vom Gesetz in ihr ‚Jehovah hier‘ genannt wurde, indem Moses, wenn die Lade auszog, sprach: ‚Auf Jehovah‘, und wenn sie ruhte: ‚Zurück Jehovah!‘: 4Mo.10/35,36 und ferner 2Sa.6/2; Ps.132/7,8. Daß wegen der Heiligkeit dieses Gesetzes Aharon nicht anders als mit Opfern und Rauchwerk hinter den Vorhang gehen durfte: 3Mo.16/2-14f. Daß vermöge der Gegenwart der Macht des Herrn im Gesetz, das in der Lade war, die Wasser des Jordans sich zerteilten, und solange sie in der Mitte ruhte, das Volk im Trockenen hinüberzog: Jos.3/1-17; 4/5-20. Daß durch das Herumgetragenwerden der Lade die Mauern Jerichos einfielen: Jos.6/1-20. Daß Dagon, der Götze der Philister, vor der Lade auf die Erde fiel, und nachher, getrennt vom Kopf und die Hände angerissen, auf der Schwelle des Tempels lag: 1Sa.5/[1-4.] Daß die Bethschemiten der Lade wegen zu vielen Tausenden geschlagen wurden: 1Sa.Kap.5 und 6. Daß Usa starb, weil er die Lade berührt hatte: 2Sa.6/7. Daß die Lade von David unter Opfern und Jubel nach Zion gebracht wurde: 2Sa.6/1-19. Daß die Lade von Salomo in den Tempel zu Jerusalem gebracht wurde, und in diesem das innerste Heiligtum bildete: 1Kö.6/19f; 8/3-9.

285. Weil durch jenes Gesetz eine Verbindung des Herrn mit dem Menschen, und des Menschen mit dem Herrn statthat, darum heißt es Bund und Zeugnis; Bund, weil es verbindet, und Zeugnis, weil es die Verträge des Bundes bekräftigt; denn der Bund bezeichnet im Wort die Verbindung, und das Zeugnis die Bekräftigung und Beurkundung der Verträge. Darum waren jener Tafeln zwei, eine für Gott, und die andere für den Menschen. Die Verbindung geschieht vom Herrn her, aber nur dann, wenn der Mensch das tut, was auf seiner Tafel geschrieben steht; denn der Herr ist fortwährend gegenwärtig und will eingehen, allein der Mensch soll aus der Freiheit heraus, die er vom Herrn hat, auftun; denn Er spricht: „Siehe, Ich stehe vor der Tür und klopfe an, wenn jemand Meine Stimme hören, und die Türe auftun wird, werde Ich zu ihm eingehen und Abendmahl mit ihm halten, und er mit Mir“: Offb.3/20. Daß die steinernen Tafeln, auf die das Gesetz geschrieben war, Tafeln des Bundes hießen, und die Lade nach ihnen Bundeslade, und das Gesetz selbst ‚der Bund‘ genannt wurde, sehe man 4Mo.10/33; 5Mo.4/13,23; 5/2,3; 9/9; Jos.3/11; 1Kö.8/19,21; Offb.11/19 und anderwärts. Weil der Bund die Verbindung bedeutet, darum heißt es vom Herrn, daß Er zum Bund dem Volk sein werde: Jes.42/6; 49/[8,] 9, und wird Er Bundesengel genannt: Mal.3/1, und Sein Blut das Blut des Bundes: Matth.26/28; Sach.9/11; 2Mo.24/4-10, und darum heißt das Wort der alte Bund und der neue Bund; denn die Bündnisse werden der Liebe, Freundschaft, Zusammengesellung und Verbindung wegen geschlossen.

286. So große Heiligkeit und so große Macht lag darum in diesem Gesetz, weil es der Inbegriff alles zur Religion Gehörigen war; denn es war auf zwei Tafeln geschrieben, deren eine im Inbegriff alles enthält was Gott betrifft, und die andere alles, was den Menschen betrifft; weshalb die Gebote dieses Gesetzes die Zehn Worte genannt werden: 2Mo.34/28; 5Mo.4/13; 10/4; sie hießen so, weil Zehn alles bedeutet, und die Worte die Wahrheiten bezeichnen; denn es waren mehr als zehn Worte. Daß zehn alles bedeutet, und daß die Zehnten um dieser Bedeutung willen eingeführt wurden, sehe man in der »Enthüllten Offenbarung« Nr. 101; und daß jenes Gesetz der Inbegriff alles zur Religion Gehörigen war, wird man im folgenden sehen.  

Die Zehn Gebote im Buchstabensinn enthalten die allgemeinen Vorschriften der Lehre und des Lebens, im geistigen und himmlischen Sinn aber in allumfassender Weise alles  

287. Es ist bekannt, daß die Zehn Gebote im Wort vorzugsweise das Gesetz heißen, weil sie alles enthalten, was zur Lehre und zum Leben gehört, nämlich nicht nur alles, was Gott, sondern auch alles, was den Menschen betrifft; weshalb dieses Gesetz auf zwei Tafeln geschrieben war, deren eine von Gott, die andere vom Menschen handelt. Bekannt ist auch, daß alle Dinge der Lehre und des Lebens sich auf die Liebe zu Gott und auf die Liebe zum Nächsten beziehen, von welchen Arten der Liebe alles in den Zehn Geboten enthalten ist. Daß das ganze Wort nichts anderes lehrt, erhellt aus folgenden Worten des Herrn: „Jesus sagte: du sollst lieben den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen und von ganzer Seele und von ganzem Gemüt, und den Nächsten wie dich selbst; von diesen zwei Geboten hängen das Gesetz und die Propheten ab“: Matth.22/35-37. Gesetz und Propheten bedeuten das ganze Wort. Und weiter: „Ein Gesetzgelehrter versuchte Jesum und sprach: Meister, was muß ich tun, daß ich das ewige Leben ererbe? Und Jesus sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben, wie liesest du? und er antworte und sprach: Du sollst lieben den Herrn, deinen Gott von ganzem Herzen und von ganzer Seele, und mit all deiner Kraft, und mit deinem ganzen Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst; und Jesus sprach: Tue das, so wirst du leben“: Luk.10/25-28. Da nun die Liebe zu Gott und die Liebe gegen den Nächsten das Ganze des Wortes ausmachen, und die Zehn Gebote in der ersten Tafel in kurzer Zusammenfassung das Ganze der Liebe zu Gott, und in der zweiten Tafel das Ganze der Liebe gegen den Nächsten enthalten, so folgt, daß sie alles enthalten, was zur Lehre und zum Leben gehört. Ein Blick auf die zwei Tafeln zeigt, daß sie so verbunden sind, daß Gott von Seiner Tafel auf den Menschen hinsieht, und der Mensch hinwiederum von der seinigen auf Gott hinsieht, und daß so ein gegenseitiges Absehen statthat, von der Art, daß Gott Seinerseits nie aufhört, auf den Menschen hinzusehen, und solches zu wirken, was zu dessen Heil gehört, und wenn der Mensch das, was auf seiner Tafel steht, aufnimmt und tut, so entsteht eine gegenseitige Verbindung, und es geschieht dann nach den Worten an den Gesetzgelehrten: „Tue das, so wirst du leben“.

288. Im Wort wird öfter das Gesetz genannt, und es soll gesagt werden, was darunter im engeren Sinn, was im weitern, und was im weitesten verstanden wird: im engeren Sinn werden unter dem Gesetz verstanden die Zehn Gebote, im weiteren werden verstanden die durch Moses den Kindern Israels gegebenen Gesetze, und im weitesten wird das ganze Wort verstanden. Daß unter dem Gesetz im engeren Sinne die Zehn Gebote verstanden werden, ist bekannt; daß aber unter dem Gesetz im weiteren Sinn die durch Moses den Kindern Israels gegebenen Satzungen verstanden werden, ergibt sich aus den einzelnen Satzungen im zweiten Buche Mosis, sofern sie das Gesetz genannt werden, wie z.B.: Dies ist das Gesetz des Schuldopfers: 3Mo.7/1. Dies das Gesetz des Friedensopfers: 3Mo.7/11. Dies das Gesetz des Speisopfers: 3Mo.6/7f. Dies das Gesetz für das Brandopfer, für das Speisopfer, für das Sünd- und Schuldopfer, für die Füllopfer: 3Mo.7/37. Dies das Gesetz vom Vieh und vom Vogel: 3Mo.11/46f. Dies das Gesetz für die Gebärerin eines Sohnes oder einer Tochter: 3Mo.12/7. Dies das Gesetz vom Aussatz: 3Mo.13/59; 14/2,32,54,57. Dies das Gesetz von dem mit einem Fluß Behafteten: 3Mo.15/32. Dies das Gesetz von der Eifersucht: 4Mo.5/29,30. Dies das Gesetz des Nasiräers: 4Mo.6/13,21. Dies das Gesetz der Reinigung: 4Mo.19/14. Dies das Gesetz von der roten Kuh: 4Mo.19/2. Das Gesetz für den König: 5Mo.17/15-19. Ja das ganze Buch Moses heißt das Gesetz: 5Mo.31/9,11,12,26. Außerdem auch im Neuen Testament, wie Luk.2/22; 24/44; Joh.1/46; 7/22,23; 8/5, und anderwärts. Daß diese Satzungen von Paulus unter den Werken des Gesetzes verstanden werden, wenn er sagt, daß der Mensch gerechtfertigt werde ohne die Werke des Gesetzes, Röm.3/28, erhellt deutlich aus dem, was dort folgt, sodann auch aus seinen Worten an Petrus, dem er vorwarf, daß er judaisiere, wo er dreimal in einem Vers sagt, daß niemand durch die Werke des Gesetzes gerechtfertigt werde: Gal.2/14,15,[16]. Daß durch das Gesetz im weitesten Sinne das ganze Wort verstanden wird, erhellt aus folgendem: Jesus sagte: Steht nicht in eurem Gesetz geschrieben: Ihr seid Götter: Joh.10/34. Dies steht geschrieben Ps.82/6. Die Menge antwortete: Wir haben aus dem Gesetz gehört, daß Christus ewig bleibe: Joh.12/34. Dies steht geschrieben Ps.89/30; 110/4; Da.7/14. Damit erfüllet würde das Wort, das in ihrem Gesetz geschrieben steht: Sie haben Mich ohne Ursache gehaßt: Joh.15/25. Dies steht geschrieben Ps.35/19. Die Pharisäer sagten: Hat auch einer von den Vornehmsten an Ihn geglaubt? Nur dieser Haufe da, der das Gesetz nicht versteht: Joh.7/48,49. Es ist leichter, daß Himmel und Erde vergehen, als daß ein Strichlein des Gesetzes falle: Luk.16/17; unter dem Gesetz wird hier die ganze Heilige Schrift verstanden; und so in tausend Stellen bei David.

289. Daß die Zehn Gebote im geistigen und im himmlischen Sinn in allumfassender Weise alle Vorschriften der Lehre und des Lebens, somit alles, was zum Glauben und zur Liebtätigkeit gehört, in sich schließen, hat seinen Grund darin, daß das Wort im Buchstabensinn in allem und jedem desselben, oder im Ganzen und in jedem Teil, zwei inwendigere Sinne birgt, einen, welcher der geistige heißt, und einen anderen, welcher der himmlische heißt, und daß in diesen Sinnen die göttliche Wahrheit in ihrem Licht, und die göttliche Güte in ihrer Wärme ist. Da nun das Wort im Ganzen und in jedem Teil von dieser Art ist, so ist notwendig, daß die Zehn Gebote des Dekalogs nach diesen drei Sinnen, welche der natürliche, der geistige und der himmlische heißen, erklärt werden. Daß das Wort diese Beschaffenheit hat, kann aus dem erhellen, was im Kapitel von der Heiligen Schrift oder dem Wort, oben Nr. 193 - 208 nachgewiesen worden ist.

290. Niemand kann, wenn er nicht weiß, wie das Wort beschaffen ist, durch irgendeine Vorstellung erkennen, daß in den einzelnen Teilen desselben eine Unendlichkeit ist, das heißt, daß es Unzähliges enthält, das selbst die Engel nicht erschöpfen können. Jegliches in ihm läßt sich einem Samen vergleichen, der aus dem Boden zu einem großen Baum emporwachsen, und eine Menge von Samen hervorbringen kann, aus denen wieder ähnliche Bäume hervorgehen, welche zusammen einen Garten ausmachen, aus dessen Samen wieder Gärten erstehen, und so ins Unendliche fort. Solche Beschaffenheit hat das Wort im einzelnen, und solche insbesondere die Zehn Gebote, denn diese, weil sie die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten lehren, sind eine kurze Zusammenfassung des ganzen Wortes. Daß das Wort diese Beschaffenheit hat, legt der Herr auch in einem Gleichnis also dar: „Das Reich Gottes ist gleich einem Senfkorn, das [ein Mensch] nahm und auf seinen Acker säte, und das kleiner ist, als alle Samen, wenn es aber aufgewachsen ist, größer ist als die Kohlkräuter, und zum Baum wird, so daß die Vögel des Himmels komme, und in seinen Zweigen nisten: Matth.13/31,32; Mark.4/31,32; Luk.13/18,19; vergleiche auch Ez.17/2-8. Daß eine solche Unendlichkeit von geistigen Samen oder Wahrheiten im Wort ist, kann man an der Engelweisheit ersehen, die ganz aus dem Wort stammt; diese wächst bei denselben in Ewigkeit fort, und Jesajah weiser sie werden, desto deutlicher sehen sie, daß die Weisheit keine Grenze hat, und werden inne, daß sie selbst bloß im Vorhof derselben sind, und nicht dem kleinsten Teile nach die göttliche Weisheit des Herrn, die sie einen Abgrund nennen, erreichen können. Da nun das Wort Gottes aus diesem Abgrund, weil aus dem Herrn, stammt, so ist offenbar, daß in allen Teilen desselben eine gewisse Unendlichkeit ist.