Jeder einzelne Mensch ist der Naechste, der geliebt werden soll, jedoch nach der Beschaffenheit seines Guten

406. Der Mensch ist nicht um seiner selbst, sondern um anderer willen geboren, das heißt, nicht um sich allein, sondern den anderen zu leben, sonst würde es gar keine zusammenhängende Gesellschaft, noch in ihr irgend Gutes geben. Es läuft die gemeine Rede, jeder sei sich selbst der Nächste; allein die Lehre von der Liebtätigkeit lehrt, wie dies zu verstehen ist; daß nämlich jeder sich die Notwendigkeiten des Lebens verschaffen soll, als Nahrung, Kleidung, Wohnung und dergleichen mehr, was im bürgerlichen Leben, in dem er ist, notwendig erfordert wird, und zwar diese Dinge nicht bloß für sich, sondern auch für die Seinigen, und nicht bloß für die Gegenwart, sondern auch für die Zukunft; denn verschafft sich jemand nicht die Notwendigkeiten des Lebens, so ist er auch nicht im Stande, Liebtätigkeit zu üben, weil er an allem Mangel hat. Wie aber ein jeder sich selbst der Nächste sein soll, kann aus folgendem Bild erhellen: ein jeder soll seinen Leib mit Nahrung versehen; dies muß das erste sein, jedoch zu dem Ende, damit ein gesunder Geist in einem gesunden Körper sei; und ein jeder soll seinen Geist mit Nahrung versehen, mit solchem nämlich, was zur Einsicht und zur Urteilskraft erforderlich ist, jedoch zu dem Ende, daß er dadurch in den Stand gesetzt werde, dem Mitbürger, der Gesellschaft, dem Vaterland, der Kirche, und so dem Herrn zu dienen; wer dieses tut, der sorgt wohl für sich in Ewigkeit. Daraus erhellt, was das Erste der Zeit nach, und was das Erste dem Endzweck nach ist, und daß das Erste dem Endzweck nach das ist, worauf alles abzielt. Es verhält sich damit auch, wie mit einem, der ein Haus baut. Zuerst wird er den Grund legen, allein der Grund soll für das Haus da sein, und das Haus für das Bewohnen. Wer glaubt, er sei sich an erster Stelle oder vorzugsweise der Nächste, der gleicht einem, der die Grundlage für den Zweck ansieht, nicht das Wohnen, während doch das Wohnen der erste und letzte Zweck selbst, das Haus mit der Grundlage aber nur das Mittel zum Zweck ist.

407. Was den Nächsten lieben heißt, soll nun gesagt werden. Den Nächsten lieben heißt nicht bloß Gutes wollen und tun dem Verwandten, dem Freund und dem Guten, sondern auch dem Fremden, dem Feind und dem Bösen. Allein die Liebtätigkeit wird gegen diese und jene in verschiedener Weise geübt: gegen den Verwandten und Freund durch direkte Wohltaten, gegen den Feind und den Bösen aber durch indirekte Wohltaten, die erwiesen werden durch Ermahnungen, Züchtigungen und Strafen, und so durch Besserung. Dies kann in folgender Weise verdeutlicht werden: der Richter, der nach Gesetz und Gerechtigkeit den Übeltäter straft, liebt den Nächsten, denn so bessert er ihn und sorgt für die Bürger, daß jener ihnen nicht Übles tut. Jeder weiß, daß ein Vater, der seine Kinder züchtigt, wenn sie Böses tun, sie liebt, und umgekehrt derjenige, der sie nicht deshalb züchtigt, ihr Böses liebt, was man nicht Liebtätigkeit nennen kann. Ferner, wenn jemand den auf ihn eindringenden Feind zurücktreibt und ihn zur Abwehr schlägt oder dem Richter übergibt, um so Schaden von sich abzuwenden, jedoch in der Absicht, daß derselbe sein Freund werde, so handelt er aus der Ader der Liebtätigkeit. Kriege, welche die Beschützung des Vaterlandes und der Kirche zum Endzweck haben, sind auch nicht gegen die Liebtätigkeit; der Endzweck, weswegen, zeigt an, ob es Liebtätigkeit ist, oder nicht.

408. Da nun die Liebtätigkeit in ihrem Ursprung wohl wollen ist, und das Wohlwollen seinen Sitz im inneren Menschen hat, so ist offenbar, daß, wenn einer, der Liebtätigkeit hat, dem Feind widersteht, den Schuldigen straft, und die Bösen züchtigt, er dies mittelst des äußeren Menschen tut, und daher, nachdem er es vollbracht hat, in die Liebtätigkeit, die im inneren Menschen ist, zurückkehrt, und dann, soweit er kann und es frommt, ihm wohl will, und aus dem Wohlwollen ihm wohl tut. Diejenigen, die echte Liebtätigkeit haben, haben Eifer für das Gute, und dieser Eifer kann im äußeren Menschen wie Zorn und flammendes Feuer erscheinen; derselbe verlöscht jedoch und legt sich, sobald der Gegner wieder zu sich kommt. Anders bei denen, die keine Liebtätigkeit haben; bei diesen ist der Eifer Zorn und Haß, denn aus diesen braust und lodert auf ihr innerer Mensch.

409. Ehe der Herr in die Welt kam, wußte kaum jemand, was der innere Mensch, und was die Liebtätigkeit ist; weshalb Er in so vielen Stellen die Liebe, das heißt, die Liebtätigkeit lehrt; und dies macht den Unterschied zwischen dem Alten und dem Neuen Testament oder Bund. Daß man dem Widersacher oder Feind aus tätiger Liebe wohl tun soll, lehrt der Herr bei Matth.5/43-45: „Ihr habt gehört, daß (den Alten) gesagt wurde: du sollst deinen Nächsten lieben, und deinen Feind hassen; Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde, segnet die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, und betet für die, so euch beleidigen und verfolgen, damit ihr Söhne seid eures Vaters, Der in den Himmeln ist“; und dem Petrus, der Ihn fragte, wie oft er dem, der gegen ihn sündigt, vergeben solle, ob siebenmal, antwortete Er: „Ich sage dir, nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal“: Matth.18/21,22. Und ich habe aus dem Himmel gehört, daß der Herr jeglichem seine Sünden vergibt, und niemals rächt, ja nicht einmal zurechnet, weil Er die Liebe selbst und das Gute selbst ist, daß aber gleichwohl hierdurch die Sünden nicht abgestreift sind, denn diese werden nur durch die Buße abgestreift; denn wenn Er zu Petrus sagte, er solle siebzigmal siebenmal vergeben, was wird nicht der Herr tun?

410. Da die Liebtätigkeit selbst im inneren Menschen ihren Sitz hat, in dem das Wohlwollen ist, und von da aus im äußeren, in dem das Wohltun ist, so folgt, daß der innere Mensch geliebt werden soll, und infolgedessen der äußere, daß mithin der Mensch geliebt werden soll Jesajah nach der Beschaffenheit des Guten, das in ihm ist. Deshalb ist das Gute selbst wesentlich der Nächste. Dies kann durch folgendes verdeutlicht werden: Wenn sich jemand aus dreien oder vieren einen Hausverwalter oder Diener wählt, erforscht er dann nicht dessen inneren Menschen, und wählt einen redlichen und treuen, und schätzt ihn infolgedessen? Ebenso wählt ein König oder Beamter aus dreien oder vieren den zu der fraglichen Stelle Tüchtigen, und verwirft den Untüchtigen, welche Miene er auch annehmen, und wie er auch nach Gunst reden und tun mag. Da also jeder Mensch der Nächste ist, und es eine unendliche Mannigfaltigkeit von Menschen gibt, und jeglicher Jesajah nach seinem Guten als Nächster geliebt werden soll, so ist offenbar, daß es Gattungen und Arten, sowie auch Grade der Nächstenliebe gibt; und weil der Herr über alles geliebt werden soll, so folgt, daß die Grade jener Liebe zu bemessen sind nach der Liebe zu Ihm, somit nach dem Maße dessen, was der andere vom Herrn oder aus dem Herrn in sich besitzt, denn so viel besitzt er auch Gutes, weil alles Gute vom Herrn ist. Da aber diese Grade im inneren Menschen sind, und dieser sich selten in der Welt offenbart, so ist genug, wenn der Nächste geliebt wird nach den Graden, die man kennt; diese werden aber nach dem Tod deutlich erkannt, denn dort bilden die Neigungen des Willens und die daraus hervorgehenden Gedanken des Verstandes eine geistige Sphäre um dieselben her, welche auf verschiedene Weise gefühlt wird; wogegen diese geistige Sphäre in der Welt vom materiellen Körper aufgesaugt wird und sich einschließt in die natürliche Sphäre, die aus dem Menschen alsdann ausströmt.

Daß es Grade der Nächstenliebe gibt, ergibt sich aus dem Gleichnis des Herrn vom Samariter, der Barmherzigkeit erwies dem von Räubern Verwundeten, den der Priester und der Levit gesehen hatten und vorübergegangen waren; und als der Herr fragte, welcher von diesen dreien als der Nächste erschien, ward geantwortet: Der die Barmherzigkeit [an ihm] tat: Luk.10/30-37.

411. Man liest: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, über alles lieben, und deinen Nächsten wie dich selbst“: Luk.10/27. Den Nächsten lieben wie sich selbst heißt, ihn sich gegenüber nicht gering schätzen, gerecht mit ihm verfahren, und über ihn kein schlimmes Urteil fällen. Das vom Herrn selbst ausgesprochene und gegebene Gesetz der Liebtätigkeit ist dies: „Alles, was ihr irgend wollt, daß euch die Leute tun sollen, das tut auch ihr ihnen, denn dies ist das Gesetz und die Propheten“: Matth.7/12; Luk.6/31,32. So lieben den Nächsten die, welche in der Liebe des Himmels sind, die aber in der Liebe zur Welt sind, lieben den Nächsten aus der Welt und um der Welt willen; diejenigen hingegen, die in der Liebe zu sich sind, lieben den Nächsten aus sich und um ihretwillen.