Erstes Gebot

Es soll kein anderer Gott vor Meinem Angesicht sein

291. Dies sind die Worte des ersten Gebotes, 2Mo.20/3; 5Mo.5/7; unter welchen im natürlichen Sinn, welcher der Buchstabensinn ist, zunächst verstanden wird, man solle keine Götzen verehren; denn es folgt: „Du sollst dir kein gehauenes Bild, noch irgendein Gleichnis machen, weder dessen, was im Himmel oben, noch dessen, was auf Erden unten, noch dessen, was in den Wassern unter der Erde ist: du sollst dich nicht beugen vor ihnen, noch sie verehren, weil Ich Jehovah dein Gott bin, ein eifriger Gott“: 2Mo.20/3-6. Daß unter diesem Gebot zunächst verstanden wird, man solle keine Götzen verehren, hat seinen Grund darin, daß vor jener Zeit und auch nach derselben bis zur Ankunft des Herrn, in einem großen Teil der asiatischen Welt Götzendienst bestand. Die Ursache dieses Kultus war, daß alle Kirchen vor dem Herrn vorbildliche und typische Kirchen waren, und die Typen und Vorbildungen von der Art waren, daß die göttlichen Dinge unter mancherlei Gestalten und Bildsäulen vorgestellt wurden, welche, weil ihre Bedeutungen in Vergessenheit gekommen waren, der große Haufe als Götter zu verehren anfing. Daß auch das israelitische Volk zur Zeit, da es in Ägypten war, solchen Kultus hatte, kann man an dem goldenen Kalb sehen, das sie statt Jehovahs in der Wüste verehrten; und daß sie in der Folge nicht von diesem Dienst abließen, erhellt aus vielen Stellen im Wort, sowohl im historischen, als im prophetischen.

292. Unter diesem Gebot: „Es soll kein anderer Gott vor Meinem Angesicht sein“: wird im natürlichen Sinn auch verstanden, daß kein verstorbener oder lebender Mensch als Gott verehrt werden solle, was auch wirklich geschah in der asiatischen Welt und um diese her an verschiedenen Orten; viele Götter der Heiden waren nichts anderes, wie z.B. Baal, Astharoth, Chemos, Milkom, Beelsebub; und zu Athen und Rom Saturn, Jupiter, Neptun, Pluto, Apollo, Pallas usw., von denen sie einige zuerst als Heilige, dann als überirdische Mächte, und zuletzt als Götter verehrten. Daß sie auch noch lebende Menschen als Götter verehrten, erhellt aus der Verordnung des Medischen Darius, daß innerhalb 30 Tagen niemand Gott um etwas bitten sollte, sondern allein den König, widrigenfalls er in die Löwengrube geworfen werden sollte: Da.6/7-29.

293. Im natürlichen Sinn, welcher der Buchstabensinn ist, wird unter diesem Gebot auch verstanden, daß man niemand außer Gott und nichts außer dem, was von Gott ausgeht, über alles lieben solle, was auch den Worten des Herrn, Matth.22/35-37; Luk.10/25-28, gemäß ist; denn wer oder was über alles geliebt wird, der oder das ist dem Liebenden Gott und das Göttliche; wie dem, der sich oder auch die Welt über alles liebt, er selbst oder die Welt sein Gott ist; was eben die Ursache ist, daß solche im Herzen keinen Gott anerkennen; diese sind daher auch verbunden mit ihresgleichen in der Hölle, wo alle die versammelt sind, die sich und die Welt über alles geliebt hatten.

294. Der geistige Sinn dieses Gebotes ist, daß kein anderer Gott als der Herr Jesus Christus verehrt werden solle, weil Er Jehovah ist, Der in die Welt kam und die Erlösung vollbrachte, ohne die kein Mensch und auch kein Engel errettet werden konnte. Daß es außer Ihm keinen anderen Gott gibt, erhellt aus folgenden Stellen im Wort: „An jenem Tage wird man sagen: siehe, dies ist unser Gott, Den wir erwartet haben, daß Er uns befreie, Dieser ist Jehovah, Den wir erwarteten, frohlocken laßt uns und uns freuen in Seinem Heil“: Jes.25/9. „Die Stimme eines Rufers in der Wüste: Bereitet einen Weg Jehovah, ebnet in der Öde einen Fußsteig unsrem Gott; denn offenbar soll werden Jehovahs Herrlichkeit, und sehen soll alles Fleisch zugleich; siehe in dem Starken kommt der Herr Jehovih, gleich einem Hirten wird Er Seine Herde weiden“: Jes.40/3,5,[10,]11. „Nur bei dir ist Gott, und außerdem kein Gott, wahrhaftig Du bist ein verborgener Gott, Gott Israels, der Heiland“: Jes.45/14,15. „Bin Ich nicht Jehovah, und außer Mir kein Gott mehr, kein gerechter Gott und Heiland außer Mir“: Jes.45/21,22. „Ich Jehovah, und außer Mir kein Heiland“: Jes.43/11; Hos.13/4. „Damit erfahre alles Fleisch, daß Ich Jehovah bin dein Heiland und dein Erlöser“: Jes.49/26; 60/16. „Was unseren Erlöser anbelangt, so ist Jehovah Zebaoth Sein Name“: Jes.47/4; Jer.50/34. „Jehovah mein Fels und mein Erlöser“: Ps.19/15. „So sprach Jehovah, dein Erlöser, der Heilige Israels, Ich Jehovah bin dein Gott“: Jes.48/17; 43/14; 49/7; 54/8. „So sprach Jehovah, dein Erlöser, Ich Jehovah mache alles, und allein von Mir selbst“: Jes.44/24. „So sprach Jehovah, der König Israels, und dessen Erlöser, Jehovah Zebaoth: Ich bin der Erste und der Letzte, und außer Mir ist kein Gott“: Jes.44/6. „Jehovah Zebaoth Sein Name, und dein Erlöser, der Heilige Israels, der ganzen Erde Gott wird man Ihn nennen“: Jes.44/5. „Abraham erkennt uns nicht, und Israel erkennet uns nicht an, du Jehovah, unser Vater, [unser] Erlöser ist von Ewigkeit Dein Name“: Jes.63/16. „Ein Knabe ist uns geboren, ein Sohn ist uns gegeben, Dessen Name ist Wunderbar, Rat, Gott, Held, Vater der Ewigkeit, des Friedens Fürst“: Jes.9/5. „Siehe, die Tage kommen, da Ich David einen gerechten Sproß erwecken werde, Der als König herrschen wird, und dies Sein Name: Jehovah unsere Gerechtigkeit“: Jer.23/5,6,14-16. „Philippus sprach zu Jesu: Zeige uns den Vater; Jesus sprach zu ihm: Wer Mich sieht, sieht den Vater; glaubst du nicht, daß Ich im Vater bin, und der Vater in Mir ist“: Joh.14/8,9. „In Jesus Christus wohnt die ganze Fülle der Gottheit leiblich“: Kol.2/9. „Wir sind in der Wahrheit, in Jesus Christus: Dieser ist der wahre Gott und das ewige Leben; Kindlein, hütet euch vor den Götzen“: 1Joh.5/20,21. Hieraus erhellt deutlich, daß der Herr, unser Heiland, ist Jehovah selbst, Der zugleich Schöpfer, Erlöser und Wiedergebärer ist. Dies ist der geistige Sinn dieses Gebotes.

295. Der himmlische Sinn dieses Gebotes ist, daß Jehovah, der Herr, der Unendliche, der Unermeßliche und der Ewige ist, daß Er der Allmächtige, der Allwissende und der Allgegenwärtige ist, daß Er der Erste und der Letzte ist, der Anfang und das Ende, Welcher war, ist und sein wird, daß Er die Liebe selbst und die Weisheit selbst, oder das Gute selbst und das Wahre selbst, folglich das Leben selbst, somit der Einzige ist, aus Dem alles ist.

296. Viele, die einen anderen Gott, als den Herrn und Heiland Jesus Christus, welcher Jehovah Gott selbst in menschlicher Gestalt ist, anerkennen und verehren, sündigen wider dieses erste Gebot; ebenso auch die, welche drei göttliche Personen von Ewigkeit als wirklich existierend sich einreden; Jesajah wie sich diese in solchem Irrtum bestärken, werden sie mehr und mehr natürlich und fleischlich, und können dann keine göttliche Wahrheit inwendig begreifen, und wenn sie dieselben hören und aufnehmen, so beflecken und umhüllen sie dieselbe gleichwohl deshalb mit Trugwahrheiten; diese können denen verglichen werden, die im untersten oder unterirdischen Geschoß eines Hauses wohnen, und darum von dem, was die im zweiten und dritten Stock miteinander reden, gar nichts hören, weil die Decken über dem Kopf den Schall nicht durchdringen lassen. Das menschliche Gemüt ist wie ein Haus mit drei Stockwerken, in dessen unterstem die sind, welche sich für drei Götter von Ewigkeit bestärkt haben, im zweiten und dritten aber die, welche einen Gott in schaubarer Menschengestalt anerkennen und glauben, daß der Herr Gott Heiland dieser sei. Der sinnliche und fleischliche Mensch ist, weil er bloß natürlich ist, an sich betrachtet völlig tierisch, und unterscheidet sich vom unvernünftigen Tier nur darin, daß er reden und Schlüsse machen kann; weshalb er wie in einem Tierbehälter hausend ist, in dem sich wilde Tiere aller Art befinden, und wo er bald den Löwen, bald den Tiger, Pardel oder Wolf macht, ja auch das Schaf spielen kann, nur daß er dann in seinem Herzen dazu lacht. Der bloß natürliche Mensch denkt über die göttlichen Wahrheiten nur nach dem Weltlichen, somit nach den Täuschungen der Sinne, denn über diese kann er sein Gemüt nicht erheben; deshalb läßt sich seine Glaubenslehre vergleichen mit einem Brei aus Spreu, den er als Leckerbissen verzehrt, oder damit, daß dem Propheten Ezechiel befohlen wurde, Weizen, Gerste, Bohnen, Linsen, Mais mit Menschen- oder Rindermist zu vermengen, und sich Brot und Kuchen zu machen, und so die Kirche vorzubilden, wie sie beim israelitischen Volk war: Ez.4/9f. Ebenso verhält es sich mit einer Kirchenlehre, die gegründet und aufgebaut ist auf drei göttliche Personen von Ewigkeit, deren jede einzeln für sich Gott ist. Wer könnte nicht das auffallend Widersinnige dieses Glaubens sehen, wenn derselbe, so wie er an sich ist, in einem Gemälde vor Augen gestellt würde, wenn z.B. die drei in Reihe nebeneinander ständen, der erste geschmückt mit Zepter und Krone, der zweite in seiner rechten Hand ein Buch haltend, welches das Wort ist, und in der linken ein mit Blut bespritztes Kreuz von Gold, und der dritte mit Flügeln versehen auf einem Fuß stehend, im Begriff, zu fliegen und einzuwirken, und dieses mit der Aufschrift: Diese drei Personen, ebenso viele Götter, sind ein Gott? Welcher Weise würde nicht beim Anblick dieses Gemäldes zu sich sagen: o welch ein Hirngespinst? Anders aber würde er reden beim Anblick eines Gemäldes von einer göttlichen Person mit Strahlen himmlischen Lichtes um das Haupt und der Überschrift: Dies ist unser Gott, zugleich Schöpfer, Erlöser und Wiedergebärer, somit der Heiland; würde nicht jener Weise dies Gemälde küssen, und es in seinem Busen nach Hause tragen, und durch dessen Anblick sowohl sein eigenes Gemüt, als dasjenige seiner Frau und seiner Kinder und Diener erfreuen?