Die Zurechnung des Verdienstes und der Gerechtigkeit Christi ist etwas Unmögliches

640. Um zu wissen, daß die Zurechnung des Verdienstes und der Gerechtigkeit Jesu Christi etwas Unmögliches ist, muß man notwendig wissen, was Sein Verdienst und Seine Gerechtigkeit ist. Das Verdienst des Herrn unseres Heilandes ist die Erlösung, und worin diese bestand, sehe man oben in seinem Kapitel Nr. 114 - 133; daß dieselbe eine Unterjochung der Höllen und eine Anordnung der Himmel, und hierauf eine Gründung der Kirche war wird dort ausgeführt, und somit daß die Erlösung ein rein göttliches Werk war. Dort ist auch gezeigt worden, daß der Herr durch die Erlösung Sich in die Macht gesetzt hat, die Menschen, die an Ihn glauben und Seine Gebote halten, wiederzugebären und selig zu machen, und daß ohne die Erlösung kein Fleisch hätte können selig werden. Da nun die Erlösung ein rein göttliches Werk, und bloß Sache des Herrn war, und in ihr Sein Verdienst besteht, so folgt, daß dieses keinem Menschen angeeignet, zugesprochen und zugerechnet werden kann, ebensowenig als die Schöpfung und Erhaltung des Weltalls. Wirklich war auch die Erlösung eine gewisse Neuschöpfung des Engelhimmels sowie auch der Kirche. Daß die heutige Kirche dieses Verdienst des Herrn Erlösers denjenigen zueignet, die aus Gnade den Glauben erlangen, erhellt aus ihren Lehrbestimmungen, unter denen diese obenan steht; denn die Hierarchen und ihre Nachtreter, sowohl in der römisch-katholischen Kirche, als in den Kirchen der Protestanten, sagen, daß durch die Zurechnung des Verdienstes Christi diejenigen, die den Glauben erlangt haben, nicht nur für gerecht und heilig gehalten werden, sondern es auch wirklich seien, und daß ihre Sünden nicht Sünden seien vor Gott, weil sie vergeben, sie selbst aber gerechtfertigt, das heißt, versöhnt, erneuert, wiedergeboren, geheiligt, und dem Himmel zugeschrieben seien. Daß die ganze christliche Kirche noch heutzutage ganz dasselbe lehrt, liegt deutlich zutage in den Beschlüssen des Tridentinischen Konzils und in den Bekenntnisschriften der Augsburgischen Konfession und den beigegebenen und ebenfalls angenommenen weiteren Ausführungen. Was anderes geht aus den oben angeführten und auf jenen Glauben angewandten Worten hervor, als daß der Besitz dieses Glaubens jenes Verdienst und jene Gerechtigkeit des Herrn sein soll, und daß mithin der Besitzer desselben Christus sein soll in anderer Person; denn es wird gesagt, daß Christus selbst die Gerechtigkeit sei, und daß jener Glaube die Gerechtigkeit sei, und daß die Zurechnung, unter der auch Zusprechung und Zueignung verstanden wird, bewirke, daß sie nicht nur für gerecht und heilig gehalten werden, sondern es auch wirklich seien. Füge nur der Zurechnung, Zueignung und Zusprechung noch die Übertragung bei, so wirst du ein stellvertretender Papst sein.

641. Da also das Verdienst und die Gerechtigkeit des Herrn rein göttlich sind, und das rein Göttliche von der Art ist, daß der Mensch, wenn es ihm beigefügt und zugeeignet würde, augenblicklich sterben, und wie ein in die unverhüllte Sonne geworfener Klotz so verzehrt werden müßte, daß kaum ein Funke von ihm übrig bliebe, so naht Sich der Herr mit Seinem Göttlichen den Engeln und den Menschen durch ein nach der Fähigkeit und Beschaffenheit eines jeden gemäßigtes und gemildertes Licht, mithin durch Verähnlichtes und Anbequemtes; in ähnlicher Weise durch die Wärme. In der geistigen Welt ist eine Sonne, in deren Mitte der Herr ist; aus dieser Sonne fließt Er durch das Licht und die Wärme ein in die ganze geistige Welt, und in alle, die in ihr sind; alles Licht und alle Wärme in derselben stammt von daher. Der Herr fließt von dieser Sonne aus mit demselben Licht und derselben Wärme auch in die Seelen und Gemüter der Menschen ein; diese Wärme ist ihrem Wesen nach Seine göttliche Liebe, und jenes Licht ist seinem Wesen nach Seine göttliche Weisheit; dieses Licht und jene Wärme paßt der Herr der Fähigkeit und Beschaffenheit des aufnehmenden Engels und Menschen an, was durch geistige Lebenslüfte und Atmosphären geschieht, die sie tragen und fortleiten; das den Herrn unmittelbar umgebende Göttliche bildet jene Sonne. Diese Sonne ist von den Engeln entfernt, wie die Sonne der natürlichen Welt von den Menschen, und dies darum, damit sie dieselben nicht unverhüllt und so unmittelbar berühren möchte; denn so würden sie, wie gesagt, verzehrt werden, wie der in die nackte Sonne geworfene Klotz. Hieraus kann erhellen, daß das Verdienst und die Gerechtigkeit des Herrn, weil sie rein göttlich sind, durchaus nicht durch Zurechnung in irgendeinen Engel oder Menschen hineingebracht werden können, ja daß, wenn auch nur ein Tropfen davon, ohne so, wie gesagt worden, gemildert zu sein, sie berühren würde, dieselben sogleich wie mit dem Tode Ringende sich krümmen, die Beine verrenken, die Augen verdrehen und die Seele aushauchen würden. Dies ist in der israelitischen Kirche dadurch kundgetan worden, daß niemand Gott sehen und leben könne. Es wird auch die Sonne der geistigen Welt so, wie sie beschaffen ist, nachdem Jehovah Gott das Menschliche angenommen, und diesem die Erlösung und die neue Gerechtigkeit hinzugefügt hat, beschrieben in folgenden Worten bei Jes.30/26: „Das Licht der Sonne wird siebenfach sein, wie das Licht von sieben Tagen, am Tage da Jehovah den Bruch des Volks verbinden wird“; in welchem Kapitel von Anfang bis zu Ende gehandelt wird von der Ankunft des Herrn. Es wird auch beschrieben, was geschehen müßte, wenn der Herr herniederkommen und irgendeinem Gottlosen Sich nahen würde, durch die Worte in der Offb.6/15,16: „Sie verbargen sich in den Höhlen und Felsen der Berge, und sprachen zu den Bergen und Felsen: Verberget uns vor dem Angesicht Dessen, Der auf dem Thron sitzt, und vor dem Zorn des Lammes“; Zorn des Lammes heißt es, weil der Schrecken und die Qual beim Herannahen des Herrn ihnen so erscheint. Dies kann auch noch deutlich daran ersehen werden, daß, wenn ein Gottloser in den Himmel eingelassen wird, wo Liebtätigkeit und Glaube an den Herrn herrschen, seine Augen Dunkelheit befällt, sein Gemüt Schwindel und Irrsinn, seinen Leib Schmerz und Qual, und er wird wie ein Entseelter; was müßte dann erst geschehen wenn der Herr selbst mit Seinem göttlichen Verdienst, welche die Erlösung ist, und mit Seiner göttlichen Gerechtigkeit in den Menschen einginge? Selbst der Apostel Johannes hielt die Gegenwart des Herrn nicht aus; denn man liest, er sei, als er den Sohn des Menschen inmitten der sieben Leuchter sah, wie tot zu Dessen Füßen gefallen: Offb.1/17.

642. Es heißt in den Beschlüssen der Kirchenversammlungen und in den Artikeln der Bekenntnisschriften, auf welche die Protestanten schwören, daß Gott durch Eingießung des Verdienstes Christi den Gottlosen rechtfertige, während doch dem Gottlosen nicht einmal das Gute irgendeines Engels mitgeteilt, und noch weniger mit ihm verbunden werden kann, ohne zurückgestoßen zu werden und zurückzuprallen wie ein gegen die Wand geworfener elastischer Ball, oder verschluckt zu werden wie ein in den Sumpf geworfener Diamant; ja wenn irgend etwas wahrhaft Gutes aufgedrungen würde, so wäre es, wie wenn eine Perle an die Nüstern eines Schweins gebunden würde; denn wer weiß nicht, daß die Milde nicht in die Unbarmherzigkeit, die Unschuld nicht in die Rachsucht, die Liebe nicht in den Haß, die Eintracht nicht in die Zwietracht hineingebracht werden kann, was soviel wäre, als den Himmel und die Hölle miteinander vermischen. Der unwiedergeborene Mensch ist seinem Geist nach wie ein Panther oder wie ein Uhu, und kann dem Dornstrauch und der Nessel verglichen werden; der wiedergeborene Mensch hingegen ist wie ein Lamm oder wie eine Taube, und kann mit dem Ölbaum oder dem Weinstock verglichen werden; nun denket einmal, wenn es beliebt, wie wohl ein Panthermensch in einem Lammmenschen, oder ein Uhu in eine Taube, oder ein Dornstrauch in einen Ölbaum, oder eine Nessel in einen Weinstock verwandelt werden könnte durch irgendwelche Zurechnung, Zusprechung, Anschließung der göttlichen Gerechtigkeit, die ihn ja vielmehr verdammen, als rechtfertigen würde. Muß nicht, damit eine Umwandlung geschehe, das Wilde des Panthers und des Uhus, oder das Schädliche des Dornstrauchs und der Nessel zuvor weggenommen, und an deren Stelle wahrhaft Menschliches und Unschädliches eingepflanzt werden? Wie dies geschehe, lehrt auch der Herr bei Joh.15/1-7.