Die Zerknirschung, von der man heutzutage sagt, sie gehe dem Glauben voran, und es folge ihr der Trost des Evangeliums, ist nicht die Buße

512. In der protestantischen Christenheit lehrt man eine gewisse Art von Beängstigung, Schmerz und Schrecken, die man Zerknirschung nennt, die bei den Wiederzugebärenden ihrem Glauben vorangehen, und auf die der Trost des Evangeliums folgen soll. Sie sagen, diese Zerknirschung entstehe bei ihnen aus der Furcht vor dem gerechten Zorn Gottes und dessen Folge, der ewigen Verdammnis, die jedem vom Fall Adams und von dem daher rührenden Hang zum Bösen her anhänge, und ohne diese Zerknirschung werde der Glaube, welcher sich das Verdienst und die Gerechtigkeit des Herrn und Heilandes zurechnet, nicht geschenkt, und diejenigen, die diesen Glauben erlangt haben, empfangen den Trost des Evangeliums; der dahin gehe, daß sie gerechtfertigt, das heißt, erneuert, wiedergeboren und geheiligt werden, ohne all ihre Mitwirkung; und so werden sie aus der Verdammnis in den ewigen Segen versetzt, der das ewige Leben sei. Doch in betreff dieser Zerknirschung ist zu erwägen: 1. Ob sie Buße ist; 2. ob sie irgendwelchen Wert hat; 3. ob es eine gibt.

513. Ob die Zerknirschung Buße sei, oder nicht, kann man aus der Beschreibung der Buße im folgenden ersehen, wonach diese nicht stattfinden kann, wofern der Mensch nicht bloß im allgemeinen, sondern auch im einzelnen weiß, daß er ein Sünder ist, was niemand wissen kann, wenn er sich nicht erforscht, und jenes [Böse] bei sich sieht, und um dessentwillen sich verdammt. Jene Zerknirschung aber, von der man sagt, sie sei zum Glauben notwendig, hat nichts mit diesen Dingen gemein, denn sie ist bloß ein Denken und daraus hervorgehendes Bekennen, daß man in die Sünde Adams und in den Hang zu dem daraus entspringenden Bösen geboren, und deshalb dem Zorn Gottes und infolgedessen nach Verdienst der Verdammnis, dem Fluch und ewigen Tod verfallen sei; woraus erhellt, daß diese Zerknirschung nicht Buße ist.

514. Das andere Moment ist, ob die Zerknirschung, da sie nicht Buße ist, irgendwelchen Wert habe. Man sagt uns, sie trage zum Glauben bei, wie das Vorhergehende zum Nachfolgenden, ohne jedoch in denselben einzugehen und sich mit ihm zu verbinden, indem sie sich mit ihm vermische; allein was ist der Glaube, der nachfolgt, anderes, als daß Gott der Vater die Gerechtigkeit Seines Sohnes zurechne, und den alsdann keiner Sünde sich bewußten Menschen für gerecht, neu und heilig erkläre, und ihn so mit dem im Blut des Lammes gewaschenen und weiß gemachten Rock bekleide; und wenn er in diesem Ehrenkleid einhergeht, was ist dann das Böse seines Lebens anderes, als Schwefelsteine, die in den Grund des Meeres geworfen worden, und was alsdann die Sünde Adams anderes, als etwas, das entweder zugedeckt, oder entfernt, oder durch die zugerechnete Gerechtigkeit Christi weggeräumt ist? Wandelt der Mensch infolge jenes Glaubens in der Gerechtigkeit und zugleich dann in der Unschuld Gottes, des Heilandes, wozu dient dann jene Zerknirschung, als zur Zuversicht, daß man im Schoß Abrahams sei, und von da aus die, welche nicht vor dem Glauben zerknirscht wurden, entweder als Unselige in der Hölle, oder als Tote ansieht? Denn man sagt uns, der lebendige Glaube sei nicht in denen, die der Zerknirschung ermangeln; daher man auch sagen kann, wenn solche sich in verdammliches Böse versenkt haben oder versenken, so achten sie ebensowenig darauf, oder fühlen es ebenso wenig, als junge Schweine, die im Kot in den Abzugsgräben liegen, den Gestank. Hieraus erhellt, daß jene Zerknirschung, solange sie nicht Buße ist, gar nichts ist.

515. Das dritte zu erwägende Moment ist, ob es eine solche Zerknirschung ohne Buße gebe. In der geistigen Welt fragte ich viele, die den das Verdienst Christi zurechnenden Glauben bei sich begründet hatten, ob sie irgend Zerknirschung gehabt hätten, und sie gaben zur Antwort: Wozu Zerknirschung, da wir von den Knabenjahren an als gewiß glaubten, daß Christus durch Sein Leiden alle unsere Sünden weggenommen hat? Mit diesem Glauben stimmt die Zerknirschung nicht zusammen; denn Zerknirschung ist, sich in die Hölle werfen und das Gewissen quälen, während man doch weiß, daß man erlöst und so aus der Hölle herausgenommen, und folglich von der Verdammnis befreit ist? Diesem fügten sie noch bei, die Satzung von der Zerknirschung sei eine bloße Erfindung, die anstatt der Buße, die so oft im Wort erwähnt und auch aufgelegt wird, angenommen wurde; vielleicht sei sie irgendeine Rührung des Gemüts bei den Einfältigen, die nur wenig vom Evangelium wissen, wenn sie von den Qualen in der Hölle hören, oder an sie denken; und sie sagten, der Trost des Evangeliums, der ihnen von der ersten Jugend an eingeflößt worden, habe die Zerknirschung so gründlich entfernt, daß sie bei deren Nennung im Herzen über sie gelacht haben, und die Hölle ihnen keinen größeren Schrecken habe einjagen können, als das Feuer des Vesuvs und des Ätna denen, die zur Warschau und Wien wohnen, und keinen größeren, als die Basilisken und Schlangen in den Wüsten Arabiens, oder die Tiger und Löwen in den Wäldern der Tartarei denen, die in irgendeiner Stadt Europas in Sicherheit, Stille und Ruhe sind; und daß der Zorn Gottes sie ebensowenig erschreckt und zerknirscht habe, als der Zorn des Königs von Persien die, welche in Pennsylvanien sind. Hierdurch und auch durch die von ihren Überlieferungen hergenommenen Gründe bin ich bestärkt worden, daß die Zerknirschung, wenn sie nicht Buße ist, wie diese im folgenden beschrieben wird, nichts anderes als ein Spielwerk der Phantasie ist. Daß die Protestanten statt der Buße die Zerknirschung annahmen, geschah auch aus dem Grunde, damit sie von den Römisch-Katholischen, die auf Buße und zugleich Liebtätigkeit dringen, losgerissen würden, und nachdem sie die Rechtfertigung durch den bloßen Glauben begründet hatten, führten sie als Grund an, daß durch die Buße wie durch die Liebtätigkeit etwas vom Menschen, das nach Verdienst schmecke, in ihren Glauben hineinkommen und diesen schwärzen würde.