Die Zehn Gebote schliessen alles in sich, was zur Liebe Gottes und zur Naechstenliebe gehört  

329. In acht Vorschriften der Zehn Gebote, in der ersten, zweiten, fünften, sechsten, iebenten, achten, neunten und zehnten, wird nichts gesagt, was zur Liebe gegen Gott und zur Nächstenliebe gehört; denn es wird nicht gesagt, daß Gott geliebt, und daß der Name Gottes geheiligt werden soll, auch nicht, daß man den Nächsten lieben, somit nicht, daß man redlich und gerade mit ihm verfahren solle sondern nur: ‚es soll kein anderer Gott vor Meinem Angesicht sein, du sollst den Namen Gottes nicht ins Eitle ziehen, nicht morden, nicht Unzucht treiben, nicht stehlen, nicht falsch zeugen, dich nicht gelüsten lassen dessen,

was des Nächsten ist‘; somit im allgemeinen, daß man das Böse nicht wollen, denken und tun soll weder gegen Gott, noch wider den Nächsten. Der Grund aber, warum nicht solches geboten ist, was unmittelbar zur Liebe und Liebtätigkeit gehört, sondern bloß, man solle nicht solches tun, was ihnen entgegengesetzt ist, liegt darin, daß inwieweit der Mensch das Böse als Sünde flieht, insoweit er das Gute will, das Sache der Liebe und Liebtätigkeit ist. Daß das erste der Liebe zu Gott und der Liebe gegen den Nächsten ist, das Böse nicht zu tun, und ihr zweites, das Gute zu tun, wird man im Kapitel von der Liebtätigkeit sehen.

Es gibt zwei einander entgegengesetzte Arten der Liebe: die Liebe, das Gute zu wollen und zu tun, und die Liebe, das Böse zu wollen und zu tun; diese Liebe ist höllisch, jene Liebe aber ist himmlisch; denn die ganze Hölle ist in der Liebe, das Böse zu tun, und der ganze Himmel ist in der Liebe, das Gute zu tun.

Da nun der Mensch in Böses aller Art geboren ist, somit von Geburt her sich zu dem hinneigt, was der Hölle eigen ist, und da er nicht in den Himmel kommen kann, wofern er nicht von neuem geboren, das heißt, wiedergeboren wird, so ist notwendig, daß das Böse, das der Hölle angehört, erst entfernt werde, bevor er das Gute wollen kann, das dem Himmel eigen ist; denn niemand kann vom Herrn an Kindes Statt angenommen werden, bevor er vom Teufel geschieden wird. Wie aber das Böse entfernt und der Mensch zum Guten geführt wird, soll in zwei Kapiteln, einem von der ‚Buße‘, und dem anderen von der ‚Umbildung und Wiedergeburt‘ nachgewiesen werden. Daß zuerst das Böse entfernt werden muß, bevor das Gute, das der Mensch tut, zum Guten vor Gott wird, lehrt der Herr bei Jes.1/16-18: „Waschet euch, reinigt euch, tut weg die Bosheit eurer Werke von Meinen Augen, lernt Gutes tun, denn ob auch eure Sünden wie Scharlach wären, sie sollen schneeweiß werden, ob sie rot wie Purpur wären, sie sollen wie die Wolle werden“. Dieser ähnlich ist auch die Stelle bei Jer.7/2-4,9-11: „Stehe an das Tor des Hauses Jehovahs, und rufe daselbst aus dies Wort: So sprach Jehovah Zebaoth, der Gott Israels: Machet eure Wege gut und eure Werke, trauet nicht den Worten der Lüge, welche sprechen: Tempel des Jehovah, Tempel des Jehovah, Tempel des Jehovah hier (das ist, die Kirche), wollt ihr wohl nach dem Stehlen, Morden, Ehebrechen und

dem lügenhaften Schwören noch kommen und vor Mir in diesem Hause, über dem Mein Name genannt wird, stehen und sprechen: Wir sind [nun] errettet, während ihr doch alle diese Greuel tut? Ist denn zur Räuberhöhle dieses Haus geworden? Doch auch Ich, siehe, Ich habe es gesehen, Jehovahs Spruch“. Daß vor der Waschung oder Reinigung vom Bösen die Gebete zu Gott nicht gehört werden, wird auch gelehrt bei Jes.1/4,15: „Jehovah spricht: O weh der sündigen Völkerschaft, dem Volke schwer von Missetat, sie haben sich rückwärts abgewandt; daher obschon ihr eure Hände ausstreckt, verberge Ich vor euch Meine Augen, obgleich ihr des Gebetes viel macht, höre Ich nicht“. Daß bei dem, der die Vorschriften der Zehn

Gebote hält, indem er das Böse flieht, die Liebe und Liebtätigkeit nachfolgen, erhellt aus folgenden Worten des Herrn bei Joh.14/21,23: „Jesus sagte: Wer Meine Gebote hat und sie tut, der ist es, der Mich liebt, wer aber Mich liebt, wird von Meinem Vater geliebt, und Ich werde Ihn lieben und Mich ihm offenbaren, und wir werden Wohnung bei ihm machen“; unter den Geboten werden hier insbesondere die Vorschriften der Zehn Gebote verstanden, welche sind, daß man das Böse nicht tun, noch begehren soll, und daß so die Liebe des Menschen zu Gott und die Liebe Gottes zum Menschen nachfolgen, wie das Gute, nachdem

das Böse entfernt worden ist.

 

330. Oben wurde bemerkt, inwieweit der Mensch das Böse fliehe, insoweit wolle er das Gute. Der Grund ist: weil das Gute und das Böse Gegensätze sind; denn das Böse ist aus der Hölle und das Gute ist aus dem Himmel; inwieweit daher die Hölle, das heißt, das Böse entfernt wird, insoweit naht sich der Himmel und hat der Mensch sein Absehen auf das Gute. Daß dem so sei, stellt sich deutlich heraus an acht Vorschriften der Zehn Gebote, wenn man sie aus diesem Gesichtspunkt betrachtet, als:

I. Inwieweit jemand nicht andere Götter verehrt, insoweit verehrt er den wahren Gott.

II. Inwieweit jemand nicht den Namen Gottes ins Eitle zieht, insoweit liebt er das, was von Gott ist.

III. Inwieweit jemand nicht morden, noch aus Haß und Rache handeln will, insoweit will er dem Nächsten wohl.

IV. Inwieweit jemand nicht Unzucht treiben will, insoweit will er keusch mit seinem Weibe leben.

V. Inwieweit jemand nicht stehlen will, insoweit folgt er der Redlichkeit.

VI. Inwieweit jemand nicht falsch zeugen will, insoweit will er das Wahre denken und reden.

VII. und VIII. Inwieweit jemand nicht begehrt was des Nächsten ist, insoweit will er, daß dem Nächsten aus dem Seinigen wohl sei.

Hieraus erhellt, daß die Vorschriften der Zehn Gebote alles in sich enthalten, was zur Liebe gegen Gott und zur Nächstenliebe gehört; weshalb Paulus sagt: „Wer den anderen liebt, hat das Gesetz erfüllt; denn jenes: du sollst nicht Unzucht treiben, nicht morden, nicht stehlen, nicht falsch zeugen, dich nicht gelüsten lassen, und so ein ander Gebot mehr ist, das faßt sich in diesem Wort zusammen: du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Des Gesetzes Erfüllung ist also die Liebe“: Rö.13/8-10. Diesem sind noch zwei Regeln, die für die neue Kirche dienen, beizufügen:

I. Niemand kann das Böse als Sünde fliehen, noch das Gute, das vor Gott gut ist, aus sich tun; inwieweit aber jemand das Böse als Sünde flieht, insoweit tut er das Gute nicht aus sich, sondern aus dem Herrn.

II. Der Mensch soll das Böse als Sünde fliehen und gegen dasselbe kämpfen wie von sich; und wenn jemand das Böse aus irgendeinem anderen Grunde flieht, als weil es Sünde ist, so flieht er es nicht, sondern macht nur, daß es nicht vor der Welt erscheint.

 

331. Daß das Böse und das Gute nicht beisammen sein können, und daß man insoweit, als das Böse entfernt wird, sein Absehen auf das Gute hat und es fühlt, hat seinen Grund darin, daß in der geistigen Welt aus jeglichem eine Sphäre seiner Liebe hervorwallt, welche sich rings umher verbreitet und anregt, und Sympathien und Antipathien erzeugt; durch diese Ausströmungen werden die Guten von den Bösen geschieden. Daß das Böse entfernt werden muß, bevor das Gute erkannt, wahrgenommen und geliebt wird, kann mit vielen Dingen in der natürlichen Welt verglichen werden, wie z.B. mit folgenden: es kann keiner zu einem anderen, der einen Leoparden und einen Panther in seinem Zimmer verwahrt, und weil er ihnen zu fressen gibt, sicher mit ihnen zusammen wohnt, hineintreten, wenn er nicht vorher diese wilden Tiere entfernt hat. Wer, der zur Tafel des Königs und der Königin geladen ist, wäscht nicht erst Angesicht und Hände, bevor er sich hinbegibt; und wer tritt ins Brautgemach mit der Braut nach der Hochzeit ein, ohne sich erst ganz gewaschen und ein Hochzeitgewand angelegt zu haben? Wer reinigt nicht die Erze durch das Feuer, und scheidet sie von den Schlacken, bevor er reines Gold und Silber gewinnt? Wer sondert nicht das Unkraut von der Weizenernte, bevor er diese in die Scheune bringt? Und wer schlägt nicht die Spelzen von der Gerstenernte mit Dreschflegeln ab, bevor er diese ins Haus sammelt? Wer schäumt nicht

erst das rohe Fleisch beim Kochen ab, bevor es eßbar und auf die Tafel gesetzt wird? Wer schüttelt nicht die Raupen von den Blättern der Bäume im Garten, damit die Blätter nicht verzehrt werden, und so die Frucht nicht verlorengehe? Wem ist nicht der Schmutz in den Häusern und Vorhöfen zuwider, und wer reinigt sie nicht, besonders wenn der Fürst erwartet wird, oder die Braut, des Fürsten Tochter? Wer liebt eine Jungfrau und beabsichtigt sie zu heiraten, während sie doch mit bösartiger Seuche behaftet, oder mit Blattern und Geschwüren überdeckt ist, wie sehr sie auch das Gesicht schminkt, sich prächtig kleidet, und durch einschmeichelnde Worte Liebe zu erwecken sucht. Daß der Mensch sich selbst vom Bösen

reinigen, und nicht erwarten soll, daß der Herr dies unmittelbar tue, ist vergleichsweise so, wie wenn ein Knecht mit von Ruß und Kot besudeltem Gesicht und Kleid einhergehend zu seinem Herrn träte und sagte: Herr, wasche mich ab! Würde nicht der Herr zu ihm sagen: Törichter Knecht, was sprichst du? siehe, hier ist Wasser, Seife und Leintuch; hast du nicht Hände und Kraft in ihnen? wasche dich selbst ab! und Gott der Herr wird sagen: ‚Es gibt Mittel der Reinigung von Mir, und auch dein Wollen und dein Können ist von Mir; gebrauche also diese Meine Geschenke und Gaben wie die deinigen, so wirst du rein werden‘, und so weiter. Daß der äußere Mensch gereinigt werden müsse, jedoch durch den inneren, lehrt der Herr bei Matthäus Kap.23 von Anfang bis zu Ende.

 

332. Diesem sollen vier Denkwürdigkeiten beigefügt werden. Die erste ist die: Einst hörte ich laute Rufe, welche wie durch Wasser aus der Unterwelt heraufgegurgelt wurden, einen zur Linken: o wie gerecht! einen anderen zur Rechten: o wie gelehrt! und einen dritten von hinten: o wie weise! Und weil sich mir die Frage aufdrängte, ob es denn auch in der Hölle Gerechte, Gelehrte und Weise gäbe, so wandelte mich das Verlangen an, zu sehen, ob es dort wirklich dergleichen gibt; und es ward mir aus dem Himmel gesagt: Du wirst sehen und hören. Ich verließ nun das Haus im Geist, und sah vor mir eine Öffnung; zu dieser ging ich hin und blickte hinab, und siehe da eine Treppe; durch diese stieg ich hinab, und als ich unten

war, erblickte ich ebene Strecken, die mit Gebüschen und zwischen hinein mit Dornen und Nesseln übersät waren. Und ich fragte, ob hier die Hölle sei, und man sagte: Es ist die untere Erde, welche zunächst über der Hölle ist; und nun ging ich den lauten Rufen nach in ihrer Reihenfolge, zu dem ersten: O wie gerecht! und ich sah eine Versammlung von solchen, die in der Welt Richter nach Freundschaft und Geschenken gewesen waren; hernach zu dem zweiten Ruf: O wie gelehrt! und ich sah eine Versammlung von solchen, die in der Welt Vernünftler gewesen waren; und zu dem dritten Ruf: O wie weise! und ich sah eine

Versammlung von solchen, die in der Welt Begründer gewesen waren. Von diesen wandte ich mich jedoch wieder zu den ersten um, wo sich die Richter der Freundschaft und Geschenke befanden, die als Gerechte ausgerufen worden waren; und ich sah zur Seite eine Art von Amphitheater aus Backsteinen gebaut und mit schwarzen Ziegeln bedeckt; und es ward mir gesagt, daß hier ihr Gerichtshof sei. Zu diesem standen drei Zugänge von der Mitternachtseite her offen, und drei von der Abendseite, keine aber von der Mittagsund Morgenseite; ein Zeichen, daß ihre Urteile nicht Urteile der Gerechtigkeit, sondern Willkürlichkeiten

waren. In der Mitte des Amphitheaters sah man einen Herd, auf den die Herdwärter Schwefel- und Pechfackeln warfen, deren Schein auf die übertünchten Wände fiel, und gemalte Bilder von Abend- und Nachtvögeln darstellte; allein jener Herd und die Ausstrahlungen des Lichtes aus ihm, die sich zu jenen Bildern gestalteten, waren Vorbildungen ihrer Urteilssprüche, sofern sie die Gegenstände jeder Frage mit einer Schminke bemalen, und sie Jesajah nach der Gunst gestalten konnten. Nach einer halben Stunde sah ich Greise und junge Männer in mit Purpurstreifen verbrämten Oberkleidern und Mänteln hereintreten, und nach Ablegung der Hüte sich auf die Stühle an den Tischen niederlassen, um zu Gericht zu sitzen.

Und ich hörte und ward gewahr, wie gewandt und scharfsinnig sie aus Rücksicht auf Freundschaft die Urteile wendeten und drehten, um ihnen den Schein der Gerechtigkeit zu geben, und dies bis dahin, daß sie selbst das Ungerechte nicht anders als wie gerecht, und umgekehrt das Gerechte als ungerecht ansahen; die Selbstberedung hiervon zeigte als solche in ihren Gesichtern, und ließ sich aus dem Ton ihrer Rede heraushören. Es wurde mir jetzt Erleuchtung aus dem Himmel gegeben, durch die ich erkannte, ob das einzelne dem Rechte gemäß oder rechtswidrig war; und ich sah, wie sorgfältig sie das Ungerechte verdeckten, und ihm das Ansehen des Gerechten gaben, und aus den Gesetzen das Begünstigende

auswählten, nachdem sie dann den fraglichen Gegenstand drehten, und die übrigen durch geschicktes Räsonnement beseitigten. Nachdem die Entscheidung erfolgt war, wurden die Urteilssprüche zu den Schützlingen, Freunden und Gönnern herausgebracht; und diese riefen, um ihnen die Gunst zu vergelten, auf langem Wege hin: O wie gerecht! O wie gerecht! Nach diesem sprach ich über sie mit den Engeln des Himmels, und erzählte ihnen einiges über das Gesehene und Gehörte; und die Engel sagten: Dergleichen Richter erscheinen anderen als mit dem höchsten Scharfblick des Verstandes ausgerüstet, während sie doch nichts Gerechtes und Billiges sehen. Nimmst du die Freundschaft für jemanden weg, so sitzen sie in den Gerichten wie Bildsäulen, und sagen bloß: Ich stimme bei, ich komme mit dem oder dem überein; die Ursache ist, weil alle ihre Urteile Vorurteile sind, und das Vorurteil mit der Vorgunst der Sache von Anfang bis zu ihrem Ende folgt; daher sie nichts anderes sehen, als was im Interesse des Freundes ist.

Bei allem, was gegen ihn ist, verdrehen sie die Augen, und werfen ihm nur einen schielenden Blick zu, und wenn sie die Sache wieder aufnehmen, so umspinnen sie dieselbe mit Vernünfteleien, wie die Spinne ihren Fang mit Fäden, und verzehren sie. Daher kommt, daß sie, wenn sie nicht das Gewebe ihres Vorurteils verfolgen, nichts vom Recht sehen; sie wurden geprüft, ob sie es sehen können, und man fand, daß sie es nicht können. Daß dem so ist, darüber werden die Bewohner deiner Welt sich wundern; sag ihnen aber, daß dies eine von den Engeln des Himmels erprobte Wahrheit sei. Weil sie gar nicht sehen, was gerecht

ist, so sehen wir im Himmel sie nicht als Menschen an, sondern als Zerrbilder des Menschen, deren Köpfe das bildet, was im Interesse der Freundschaft ist, die Brust was Sache der Ungerechtigkeit ist, die Hände und Füße das, was zur Begründung gehört, und die Fußsohlen, was Forderung der Gerechtigkeit ist, und das sie, ist es dem Freunde nicht günstig, niederwerfen und zertreten. Wie sie aber an sich betrachtet sind, wirst du sehen, denn ihr Ende ist vor der Tür; und siehe, plötzlich tat sich jetzt der Boden auf, und Tische

fielen auf Tische, und sie wurden zugleich mit dem ganzen Amphitheater verschlungen und in Höhlen geworfen und eingekerkert. Und nun wurde mir gesagt: Willst du sie dort sehen? Und siehe, sie erschienen das Gesicht wie on poliertem Stahl, der Leib vom Nacken bis zu den Lenden wie Schnitzbilder mit Pardelfellen bekleidet, und die Füße wie Nattern; und ich sah die Gesetzbücher, die sie auf dem Tische liegen hatten, in Spielkarten verwandelt, und statt des Richtens ward ihnen jetzt das Geschäft aufgetragen, Mennig zu Schminke zuzubereiten, um damit die Gesichter der Buhldirnen zu bestreichen, und so diese in Schönheiten zu verwandeln. Nachdem ich dies gesehen, wollte ich zu den zwei anderen Versammlungen

hingehen, der einen in der bloß Vernünftler waren, und der anderen, in der bloß Begründer waren; es wurde mir jedoch gesagt: Ruhe ein wenig aus; es werden dir als Begleiter Engel aus der nächsten Gesellschaft über ihnen mitgegeben werden, durch diese wirst du Licht vom Herrn erhalten, und Wunderdinge sehen.

 

333. Zweite Denkwürdigkeit. Nach einiger Zeit hörte ich wieder aus der Unterwelt dieselben Stimmen, wie früher: O wie gelehrt, o wie gelehrt! Und ich sah mich um, wer zugegen sein möchte, und siehe, es waren Engel, die im Himmel unmittelbar über denen sich befanden, welche schrieen: O wie gelehrt! Ich sprach mit ihnen über das Geschrei, und sie sagten: Es sind solche Gelehrte, welche bloß vernünfteln ob es sei, oder nicht sei, und selten denken, daß es so sei; weshalb sie sind wie Winde, welche wehen und vorüberstreichen, und wie Rinden um Bäume, die kein Mark haben, und wie Hülsen um Mandeln ohne Kern, und wie die Oberflächen um Früchte ohne Fleisch; denn ihre Gemüter sind ohne tieferes Urteil,

und bloß mit den Sinnen des Körpers vereint; daher sie, wenn die Sinne nicht selbst urteilen, keinen Schluß machen können; mit einem Wort, sie sind bloß sinnlich, und werden von uns Vernünftler genannt. Sie werden aber Vernünftler genannt, weil sie nirgends etwas erschließen, sondern aufnehmen, was sie nur immer hören, und darüber streiten, ob es sei, indem sie fortwährend widersprechen. Sie lieben nichts mehr, als die Wahrheiten anzugreifen, und so sie zu zerreißen, indem sie dieselben zum Gegenstand des Streites machen; sie sind es, welche sich für gelehrter als alle in der Welt halten. Nachdem ich dies gehört, bat

ich die Engel, mich zu denselben hinzuführen, und sie führten mich zu einer Höhlung, von der Stufen zur Unterwelt hinab gingen, und wir stiegen hinab, und folgten dem Geschrei: O wie gelehrt, und siehe, es waren einige Hunderte, die an einem Ort standen und auf den Boden stampften. Hierüber verwundert fragte ich: Warum stehen sie so, und stampfen mit den Fußsohlen auf den Boden? So können sie, setzte ich hinzu, mit den Füßen bald den Boden aushöhlen. Hierüber lächelten die Engel und sagten: Es scheint als ob sie so stehen, weil sie bei keinem Gegenstand denken, daß er so sei, sondern bloß, ob er so sei, und darüber streiten, und wenn das Denken nicht weiter geht, so erscheint es, als ob man bloß eine Scholle

stampfte und zerträte, und nicht weiterschritte. Auch sagten die Engel, diejenigen, welche aus der natürlichen Welt in diese kommen, und hören, daß sie in einer anderen Welt seien, sammeln sich an vielen Orten in Scharen und fragen wo der Himmel und wo die Hölle, und wo Gott sei; sind sie aber hierüber belehrt, so fangen sie dennoch an zu vernünfteln, zu streiten und zu zanken, ob ein Gott sei. Dies tun sie, weil es heutzutage in der natürlichen Welt so viele Naturalisten gibt, und diese unter sich und mit anderen, so oft die Rede auf Religion kommt, jene Frage zum Gegenstand der Erörterung machen, und diese

Fragestellung und Erörterung selten endigt mit Bejahung des Glaubens, daß ein Gott sei; solche gesellen sich in der Folge mehr und mehr den Bösen bei, und dies geschieht, weil niemand irgend Gutes aus Liebe zum Guten tun kann, außer von Gott. Hierauf ward ich zur Versammlung hingeführt, und siehe, sie erschienen mir als Menschen von nicht ungefälligem Gesicht und in geschmackvollen Kleidern; und die Engel sagten: Sie erscheinen als solche in ihrem eigenen Licht, fällt aber Licht aus dem Himmel ein, so verändern sich die Gesichter und auch die Kleider; und es geschah so, und nun erschienen sie mit rußfarbigen

Gesichtern, angetan mit schwarzen Säcken; nachdem aber dieses Licht zurückgezogen war, erschienen sie wieder wie zuvor. Bald darauf sprach ich mit einigen aus der Versammlung und sagte: Ich hörte ein Geschrei des Haufens um euch her: O wie gelehrt! Darum erlaubt mir, über Gegenstände, die zu den höchsten Aufgaben der Gelehrsamkeit gehören, mit euch Rede zu wechseln; und sie antworteten: Sag, was dir beliebt, und wir werden Genüge leisten; und ich fragte: Wie muß die Religion beschaffen sein, durch die der Mensch selig wird? Und sie sagten: Wir wollen diese Frage in mehrere zerlegen, und bevor wir diese zum Schluß

gebracht haben, können wir keine Antwort geben; und zwar wird die Erörterung sein:

1. Ob die Religion ein Etwas ist.

2. Ob es eine Seligmachung gibt, oder nicht.

3. Ob eine Religion mehr wirkt als die andere.

4. Ob es einen Himmel und eine Hölle gibt.

5. Ob es ein ewiges Leben nach dem Tode gibt, und anderes mehr.

Ich fragte nun über das erste, ob die Religion etwas sei, und sie begannen das Für und Wider mit einer Menge von Beweisgründen zu belegen, und ich bat, sie möchten die Sache an die Versammlung bringen, und sie trugen sie vor; und die gemeinsame Antwort war, die aufgestellte Frage bedürfe so vielseitiger Untersuchung, daß sie nicht in einem Abend zu Ende gebracht werden könne. Ich fragte aber: Könnte sie von euch innerhalb eines Jahres abgemacht werden? Und einer sagte: Nicht in hundert Jahren. Und ich bemerkte: Inzwischen seid ihr ohne Religion, und weil die Seligmachung davon abhängt, so seid ihr

ohne die Idee, ohne den Glauben und ohne die Hoffnung der Seligmachung; und er antwortete: Muß nicht zuerst nachgewiesen werden, ob es eine Religion gibt, und was sie ist, und ob sie Etwas ist? Ist sie, so wird sie auch für die Weisen sein; ist sie nicht, so wird sie bloß für die Menge sein; es ist bekannt, daß die Religion ein Band genannt wird; allein es fragt sich, für welche; ist sie es bloß für die Menge, so ist sie an sich nichts Reelles; ist sie es auch für die Weisen, so ist sie reell. Wie ich dies hörte, sagte ich: Ihr seid nichts weniger als Gelehrte, weil ihr nichts anderes denken könnt, als ob es sei, und dies nach beiden Seiten hin wenden. Wer kann ein Gelehrter heißen, wenn er nicht etwas gewiß weiß, und in dasselbe weiter eindringt, wie ein Mensch von Schritt zu Schritt, und allmählich zur Weisheit fortschreitet; widrigenfalls berührt ihr die Wahrheiten nicht einmal mit der Fingerspitze, sondern verliert sie mehr und mehr aus dem Gesicht. Vernünfteln also, ob es sei, heißt vernünfteln über einen Hut, der niemals aufgesetzt wird, oder über einen Schuh, der nie angezogen wird. Was geht daraus hervor, als daß ihr nicht wisset, ob es etwas gibt, und ob es irgend etwas anderes ist als eine Vorstellung, sowie ob es eine Seligmachung gibt, ob ein

ewiges Leben nach dem Tode, ob eine Religion besser ist als die andere, ob es einen Himmel und eine Hölle gibt; hierüber könnt ihr nichts denken, solange ihr beim ersten Schritt stehenbleibet und den Sand da stampfet, ohne einen Fuß vor den anderen zu setzen, und weiterzuschreiten. Nehmet euch in acht, daß nicht eure Gemüter, während sie so außerhalb des Urteiles stehen, inwendig sich verhärten und zu Salzsäulen werden. Nachdem ich dies gesagt, ging ich weg, und sie warfen mir aus Unwillen Steine nach, und erschienen mir nun als Schnitzbilder, denen nichts von menschlicher Vernunft innewohnt. Und ich fragte

die Engel über ihr Los, und sie sagten, die Untersten von ihnen werden in die Tiefe, und da in eine Wüste hinabgelassen, und zum Lasttragen angehalten, und nun, da sie nichts aus der Vernunft vorbringen können, schwatzen und plaudern sie leere Dinge, und erscheinen hier von ferne als lasttragende Esel.

 

334. Dritte Denkwürdigkeit: Nach diesem sagte einer von den Engeln zu mir: Folge mir an den Ort, wo sie schreien: O wie weise, und du wirst, sagte er, Wunderexemplare von Menschen sehen, du wirst Gesichter und Leiber sehen, welche die eines Menschen sind und doch sind sie nicht Menschen. – Dann sind sie wohl Tiere? sagte ich; er antwortete: Sie sind keine Tiere, sondern Tiermenschen; sie sind nämlich solche, die durchaus nicht sehen können, ob das Wahre wahr ist oder nicht, und doch können sie machen, daß als wahr erscheint, was sie nur wollen; solche werden von uns Begründer genannt. Und wir folgten dem Geschrei und kamen an den Ort, und siehe, es war eine Versammlung von Männern, und um die

Versammlung her ein Haufen Volks, und in dem Haufen einige von edler Herkunft, welche, als sie hörten, daß jene alles, was man sagte, begründeten, und sie durch so offenkundige Zustimmung begünstigten, sich umwandten, und riefen: O wie weise! Allein der Engel sprach zu mir: Wir wollen nicht zu ihnen hingehen, sondern einen aus der Versammlung herausrufen; und wir riefen einen heraus und gingen mit ihm beiseite, und sprachen mit ihm Verschiedenes, und er begründete jegliches, so daß es ganz als wahr erschien. Nun fragten wir ihn, ob er auch das Gegenteil begründen könne; er sagte, er könne es so gut als das vorige; und hier sagte er offen und vom Herzen weg: Was ist wahr? Gibt es irgendeine Wahrheit

in der Natur der Dinge, außer was der Mensch zum Wahren macht? Sag, was dir gefällt, und ich will machen, daß es Wahrheit ist; und ich sagte: Mache zur Wahrheit, daß der Glaube alles zur Kirche Gehörige ist, und er tat dies so geschickt und gewandt, daß die umherstehenden Gebildeten sich verwunderten, und Beifall zuklatschten; hierauf bat ich, zur Wahrheit zu machen, daß die tätige Liebe alles zur Kirche Gehörige ausmacht, und er tat es; und nachher, daß die Liebe nichts zur Kirche Gehöriges ist, und er kleidete beides ein, und schmückte es so mit Scheinbarkeiten aus, daß die Dabeistehenden einander ansahen und sagten: Ist dieser nicht ein Weiser? Ich aber sprach: Weißt du nicht, daß recht leben Liebtätigkeit, und daß recht glauben Glaube ist, und ist es nicht so, daß wer gut lebt auch gut glaubt, und somit der Glaube zur Liebtätigkeit, und die Liebtätigkeit zum Glauben gehört? Siehst du nicht, daß dieses wahr ist? Er antwortete: Ich will es zum Wahren machen, und werde sehen, und er tat so, und sagte: Nun sehe ich es; bald aber machte er das Gegenteil davon zur Wahrheit, und sagte dann: Ich sehe, daß auch dieses wahr ist. Hierüber lächelten wir und sagten: Sind dies nicht Gegensätze? Wie können zwei entgegengesetzte Sätze als wahr erscheinen? Darauf erwiderte er unwillig: Ihr irrt; es ist beides wahr, weil nichts anderes wahr ist, als was der Mensch zum Wahren macht. Es stand in der Nähe einer, der in der Welt ein Gesandter ersten Ranges gewesen war; dieser wunderte sich darüber und sagte: Ich gebe zu, daß es etwas Ähnliches in der Welt gibt, dennoch aber sprichst du Verrücktes; mache, wenn du kannst, zur Wahrheit, daß das Licht Finsternis, und die Finsternis Licht sei; und er antwortete: Dies will ich leicht machen: Was sind Licht und Finsternis anderes als Zustände des Auges? Verwandelt sich nicht das Licht in Schatten, wenn das Auge aus der

Sonnenhelle kommt; so wie auch, wenn der Mensch das Auge fest in die Sonne richtet? Wer weiß nicht, daß der Zustand des Auges alsdann sich ändert, und daß das Licht infolgedessen als Schatten erscheint, und umgekehrt, wenn der Zustand des Auges wiederkehrt, daß dieser Schatten als Licht erscheint? Sieht nicht die Nachteule das Dunkel der Nacht als Tageslicht, und das Licht des Tages als Dunkel der Nacht, und die Sonne selbst als eine ganz dunkle und finstere Kugel? Hätte ein Mensch Augen wie die Eule, was würde er Licht, und was Finsternis nennen? Was sonst ist alsdann das Licht, als ein Zustand des Auges, und ist es bloß ein Zustand des Auges, ist dann nicht das Licht Finsternis, und die Finsternis Licht? Folglich

ist das eine wahr und das andere ist auch wahr. Weil aber diese Begründung einige in Verwirrung setzte, so sagte ich: Ich habe bemerkt, daß dieser Begründer nicht weiß, daß es ein echtes und ein unechtes Licht gibt und daß diese beiden Lichter als Lichter erscheinen, dennoch aber das unechte Licht an sich nicht Licht ist, sondern gegenüber dem echten Licht Finsternis ist; im unechten Licht ist die Nachteule; denn innerhalb ihrer Augen ist die Begierde, die Vögel zu verfolgen und zu fressen, und dieses Licht macht, daß ihre Augen zur Nachtzeit sehen, ganz so wie bei den Katzen, deren Augen in den Kellern als Lichter

erscheinen; es ist ein unechtes Licht, entspringend aus der Begierde, die Mäuse zu verfolgen und zu fressen, inwendig in ihren Augen, welches dies hervorbringt. Daraus erhellt, daß das Licht der Sonne das wahre Licht, und das Licht der Begierde ein unechtes ist. Nach diesem bat der Gesandte den Begründer, zur Wahrheit zu machen, daß der Rabe weiß und nicht schwarz sei, und er antwortete: Auch dies will leicht tun; und er sagte: Nimm eine Nadel oder ein Messer, und öffne die Flügel- und Flaumfedern des Raben, entferne sodann die Flügel- und Flaumfedern und betrachte den Raben auf der Haut, ist er nicht weiß?

Das Schwarze, das rings umher ist, was ist es anderes als ein Schatten, nach dem man doch nicht über die Farbe des Raben urteilen darf? Daß das Schwarze nur ein Schatten ist, darüber frage die der Sehwissenschaft Kundigen, und sie werden es sagen, oder mahle einen schwarzen Stein oder Glas zu dünnem Pulver, und du wirst sehen, daß der Staub weiß ist; der Gesandte erwiderte aber: Erscheint nicht der Rabe als schwarz vor dem Auge? Der Begründer jedoch entgegnete: Willst du, der du ein Mensch bist, etwa nach dem Schein denken? Zwar kannst du nach dem Schein sagen, der Rabe sei schwarz, allein du kannst es nicht denken; so kannst du z.B. nach dem Schein sagen, die Sonne gehe auf und gehe unter, weil du

aber ein Mensch bist, so kannst du es nicht denken, da die Sonne unbeweglich stehenbleibt, und der Erdkörper sich fortbewegt; ebenso verhält es sich mit dem Raben. Schein ist Schein; du magst sagen, was du willst; der Rabe ist ganz und gar weiß, und wird auch weiß, wenn er alt wird, ich habe es gesehen. Hier blickten die Dabeistehenden auf mich; weshalb ich sagte: Es ist wahr, daß die Flügel- und Flaumfedern des Raben inwendig weißlich sind und ebenso seine Haut, allein dies findet nicht nur bei den Raben, sondern auch bei allen Vögeln im Weltall statt, und jedermann unterscheidet die Vögel nach der Erscheinung ihrer

Farben; geschähe dies nicht, so würden wir von jedem Vogel sagen, er sei weiß, was abgeschmackt und unrichtig wäre. Nun fragte der Gesandte: Kannst du zur Wahrheit machen, daß du verrückt bist? Er sagte: Ich kann es, aber ich will es nicht; wer ist nicht verrückt? Hierauf bat man ihn, offenherzig zu sagen, ob er Scherz treibe, oder ob er wirklich glaube, daß es nichts Wahres gäbe, als was der Mensch zum Wahren macht, und er antwortete: Ich schwöre, daß ich es glaube. Nach diesem wurde dieser Alles-Begründer zu den Engeln geschickt, ihn zu prüfen, wie er beschaffen wäre, und diese sagten nach der Prüfung, er

besitze auch nicht ein Körnchen Verstand, weil alles, was oberhalb des Vernünftigen ist, bei ihm verschlossen, und nur das, was unterhalb des Vernünftigen ist, geöffnet sei; oberhalb des Vernünftigen ist das geistige Licht, und unterhalb des Vernünftigen ist das natürliche Licht, und dieses Licht ist bei dem Menschen so beschaffen, daß er alles Beliebige begründen kann; fließt aber das geistige Licht nicht in das natürliche ein, so sieht der Mensch nicht, ob irgend etwas Wahres wahr ist, und infolgedessen auch nicht, ob irgend etwas Falsches falsch ist, und dieses und jenes sehen, kommt aus dem geistigen Licht in dem natürlichen Licht, und das geistige Licht ist aus dem Gott des Himmels, welcher der Herr ist; und deshalb ist jener Alles-Begründer nicht Mensch und nicht Tier, sondern ein Tiermensch. Ich fragte die Engel nach dem Los von solchen, ob sie mit Lebendigen zusammen sein können, da ja der Mensch das

Leben habe vom geistigen Licht, und von diesem sein Verstand herrührt; und sie sagten, daß solche, wenn sie allein sind, nicht vermöchten, etwas zu denken und infolgedessen zu reden, sondern stumm wie Automaten dastehen, und wie in tiefem Schlaf; daß sie aber erwachen, sobald sie mit den Ohren etwas auffangen; und setzten sie hinzu, diejenigen werden solche, die inwendigst böse sind; in diese kann das geistige Licht nicht von oben her einfließen, sondern bloß etwas Geistiges durch die Welt, daher sie die Fähigkeit des Begründens haben. Nachdem sie dies gesagt, hörte ich eine Stimme von den Engeln her, die ihn geprüft hatten, sagen: Zieh aus dem Gehörten einen allgemeinen Schluß, und ich zog diesen: Begründen können, was einem nur beliebt, ist kein Zeichen des Verständigen, sondern sehen können, daß

das Wahre wahr, und daß das Falsche falsch ist, und es begründen, ist ein Zeichen des Verständigen. Nach diesem sah ich nach der Versammlung hin, wo die Begründer standen, und der Haufen um sie her rief: O wie weise! Und siehe, eine schwärzliche Wolke umhüllte sie, und in der Wolke flogen Eulen und Fledermäuse; und man sagte mir: Die in jener Wolke fliegenden Eulen und Fledermäuse sind Entsprechungen und somit Erscheinungsformen ihrer Gedanken, weil die Begründungen der Falschheiten bis dahin, daß sie als Wahrheiten erscheinen, in dieser Welt vorgebildet werden unter den Gestalten von Nachtvögeln,

deren Augen von innen her ein unechtes Licht erleuchtet, aus dem sie die Gegenstände in der Finsternis wie im Licht sehen. Ein solches geistiges Irrlicht haben die, welche das Falsche begründen bis es als Wahrheit erscheint, und nachher für Wahrheit gehalten wird; diese alle sind in einem aposteriorischen Sehen und nicht in irgendwelcher apriorischen Anschauung.

 

335. Vierte Denkwürdigkeit: Als ich einst vom Schlaf erwachte, sah ich in der Morgendämmerung wie Gespenster in mancherlei Gestalten vor meinen Augen; und nachher, als es Morgen war, sah ich Irrlichter in verschiedenen Formen, einige wie vollgeschriebene Pergamentrollen, welche wieder und wieder zusammengewickelt zuletzt als Sternschnuppen erschienen, die niederfielen und in der Luft verschwanden, und einige wie aufgeschlagene Bücher, deren etliche schimmerten wie kleine Monde, und etliche brannten wie Kerzen. Unter diesen befanden sich Bücher, welche sich in die Höhe hoben und in der Höhe vergingen,

und andere, welche zur Erde niederfielen und dort in Staub aufgelöst wurden. Aus diesen Erscheinungen schloß ich, daß unterhalb dieser Meteore solche stehen werden, welche über eingebildete Dinge, die sie für hochwichtig halten, sich herumzanken; denn in der geistigen Welt erscheinen solche Phänomene in den Atmosphären infolge der Vernünfteleien der Untenstehenden. Und bald ward mir das Gesicht meines Geistes geöffnet und ich gewahrte eine Anzahl von Geistern, deren Häupter mit Lorbeerblättern umkränzt waren, und der Leib mit einer geblümten Toga bekleidet, zum Zeichen, daß sie Geister waren, die in der

natürlichen Welt im Ruf großer Gelehrsamkeit gestanden hatten. Und weil ich im Geiste war, so ging ich hinzu und mischte mich in die Versammlung; und nun hörte ich, daß sie scharf und heftig stritten über die angeborenen Ideen, ob den Menschen von Geburt an welche innewohnten, wie den Tieren. Die, welche es leugneten, wandten sich von denen ab, die es bejahten, und zuletzt standen sie einander gesondert gegenüber, wie die dicht geschlossenen Scharen zweier Kriegsheere, die im Begriff waren, mit dem Degen handgemein zu werden, weil sie aber keine Degen hatten, so stritten sie mit der Spitze der Worte. Plötzlich

aber stellte sich ein gewisser Engelgeist in ihre Mitte und sagte mit erhobener Stimme: Ich hörte von ferne nicht weit von euch, daß ihr euch miteinander in hitzigem Streit befindet über die angeborenen Ideen, ob die Menschen welche haben wie die Tiere; ich aber sage euch, daß gar keine Ideen den Menschen angeboren sind, und auch die Tiere keine Ideen haben; weshalb ihr über ein Nichts streitet, oder, wie man sagt, über Ziegenwolle oder den Bart dieses Jahrhunderts. Als sie dies hörten, entbrannten sie alle und schrien: Werfet diesen hinaus, er redet wider den allgemeinen Menschenverstand. Als sie aber sich anschickten, ihn hinauszuwerfen, sahen sie ihn von himmlischem Licht umgeben, durch das sie nicht

einzudringen vermochten, denn er war ein engelischer Geist; sie traten daher zurück und entfernten sich ein wenig von ihm; und nachdem jenes Licht einwärts gezogen war, sagte er zu ihnen: Warum seid ihr entbrannt, höret erst an, und sammelt die Gründe, die ich anführen werde, und zieht dann selbst einen Schluß aus denselben; und ich sehe voraus, daß diejenigen, welche Urteilskraft haben, beitreten, und die in euren Gemütern entstandenen Stürme stillen werden. Auf diese Worte sagten sie, obwohl mit unwilligem Ton: So sprich denn, wir wollen hören! Und nun begann er zu reden und sprach: Ihr glaubt, die Tiere hätten angeborene Ideen, und ihr schloßet dies daraus, daß ihre Tätigkeiten wie aus einem Denken hervorgehend

erscheinen, während sie doch gar kein Denken haben, die Ideen aber nur von daher sich aussagen lassen; und das Unterscheidungsmerkmal des Denkens ist, daß man aus diesem oder jenem Grunde so oder so handelt. Erwäget nun, ob wohl die Spinne, die höchst kunstvoll ein Gewebe spinnt, in ihrem winzigen Kopf denkt: In dieser Ordnung will ich Fäden ziehen und sie durch Querfäden verbinden, damit mein Gewebe nicht bei einbrechendem Luftstoß auseinandergehe; und an den Ausgangspunkten der Fäden, welche die Mitte bilden, will ich mir einen Sitz bereiten, in dem ich alles, was hineinfällt, wahrnehmen werde, um dann hinzuzulaufen, damit wenn eine Fliege einfällt, sie sich darin verstricke, und ich dann

schnell sie anfalle und umbinde, und sie mir zur Speise diene. Ob ferner eine Biene in ihrem winzigen Kopf denkt: Ich will ausfliegen, ich weiß, wo blühende Auen sind, und da will ich aus diesen Blumen Wachs, und aus jenen Honig saugen, und aus dem Wachs will ich aneinanderstoßende Zellchen bauen, so eingerichtet, daß ich mit meinen Genossen wie auf Straßen frei ein- und ausgehen kann, und dann wollen wir darin Honig aufspeichern, so reichlich, daß er auch für den kommenden Winter ausreicht, damit wir nicht sterben; außer anderen wunderbaren Dingen, in denen sie nicht nur mit der staatlichen und

wirtschaftlichen Klugheit des Menschen wetteifern, sondern diese auch in einigen Dingen übertreffen (man sehe oben Nr. 12, Pkt. V 4.Abs.). Ferner, ob die größere Wespe in ihrem winzigen Kopf denkt: Ich will mit meinen Genossen ein Häuschen aus dünnen Holzfäserchen machen, dessen Wandungen wir inwendig in labyrinthische Form rings herum ziehen und im Innersten eine Art von öffentlichem Platz anlegen, in den wir einen Eingang und aus dem wir einen Ausgang haben, und diesen mit solcher Kunst angebracht, daß kein anderes lebendiges Wesen, außer unserer Sippschaft den Weg zum Innersten findet, wo wir uns versammeln. Und wieder, ob wohl die Seidenraupe, solange sie noch Raupe ist, in ihrem winzigen Kopf denkt: Jetzt ist es Zeit, daß ich mich zum Seidenspinnen anschicke, und dies zu dem Ende,

um, wenn gesponnen ist, auszufliegen und in der Luft, in die ich mich früher nicht aufschwingen konnte, mit meinesgleichen zu spielen und mir Nachkommenschaft zu verschaffen? Ebenso die übrigen Raupen, die unter den Wänden durchkriechen, und Nymphen, Goldpuppen, Chrysalliden und zuletzt Schmetterlinge werden. Hat wohl die Fliege irgendeine Idee von der Begattung mit einer anderen Fliege, daß hier und nicht dort die rechte Stelle sei? Die gleiche Bewandtnis, wie mit diesen Tierchen, hat es auch mit Tieren

von größerem Körper, wie z.B. mit den Vögeln und Flügeltieren jeder Art, wenn sie sich begatten; dann auch wenn sie sich Nester bauen, Eier in diese legen, auf ihnen sitzen, die Jungen ausbrüten, diesen Speise reichen, sie aufziehen bis sie ausfliegen, und sie dann von ihren Nestern wegtreiben, als wären sie nicht ihre Kinder, außer unzähligen anderen Dingen. Ebenso verhält es sich auch mit den Tieren der Erde, mit den Schlangen und den Fischen; wer von euch könnte nicht aus dem oben Angeführten sehen, daß ihre willkürlichen Tätigkeiten nicht einem Denken entfließen, bei dem doch allein von einer Idee die Rede sein kann? Der Irrtum, daß die Tiere Ideen haben, floß aus nichts anderem, als aus der Überredung, daß

die Tiere denken gleich den Menschen, und das nur die Sprache den Unterschied mache. Nach diesem blickte der Engelgeist umher, und weil er sie noch schwankend sah, ob die Tiere ein Denken haben oder nicht, so fuhr er fort und sagte: Ich werde gewahr, daß euch infolge der Ähnlichkeit, welche die Tätigkeiten der unvernünftigen Tiere mit den menschlichen haben, noch der Wahnbegriff von ihrem Denken anhängt; deshalb will ich sagen, woher jene Tätigkeiten kommen: Es hat nämlich jedes reißende Tier, jeder Vogel, jeder Fisch, jedes Kriechtier und Insekt seinen sinnlichen und körperhaften Naturtrieb, dessen Wohnsitz

ihr Kopf, und in diesem das Gehirn ist; durch diese fließt die geistige Welt in ihre Körpersinne unmittelbar ein und bestimmt durch diese ihre Tätigkeiten, und dies ist die Ursache warum die Sinne ihres Körpers viel schärfer sind als die menschlichen. Jener Einfluß aus der geistigen Welt ist es, was Instinkt heißt, und er heißt Instinkt, weil er ohne Vermittlung eines Denkens statthat. Es gibt auch Zusätze zum Instinkt infolge der Gewöhnung. Ihr Trieb aber, durch den von der geistigen Welt her die Bestimmung zu den

Tätigkeiten bewirkt wird, geht bloß auf die Ernährung und Fortpflanzung, nicht aber auf irgendeine Wissenschaft, Einsicht und Weisheit, durch die sich allmählich die Liebe bei den Menschen bildet. Daß auch der Mensch keine angeborenen Ideen hat, kann deutlich daran erhellen, daß ihm kein Denken angeboren ist, und wo kein Denken ist, da ist auch keine Idee; denn das eine setzt das andere voraus. Dies läßt sich an den neugeborenen Kindern abnehmen, sofern sie außer dem Saugen und Atmen nichts können, und daß sie saugen können, ist nicht Folge von etwas Angeborenem, sondern vom beständigen Saugen im Leib der Mutter; und atmen können sie, weil sie leben; dies ist das Allumfassende des Lebens; selbst die Sinne

ihres Körpers sind in höchster Dunkelheit, und aus dieser arbeiten sie sich allmählich heraus durch die Gegenstände, und in gleicher Weise ihre Bewegungen durch die Angewöhnungen; und nach und nach, wie sie lernen Wörter hervorzulallen und sie tönen zu lassen, anfänglich ohne Idee, entsteht ein gewisses Dunkel von Phantasie; und wie dieses heller wird, bildet sich ein Dunkel von Einbildungskraft und aus diesem von Denken; Jesajah nach der Hervorbildung dieses Zustandes erstehen Ideen, welche, wie gesagt, mit dem Denken eins ausmachen, und das Denken wächst aus seinem Nichtsein heraus durch Unterweisungen;

daher die Menschen Ideen haben, aber keine angeborene, sondern angebildete, und aus diesen

fließen ihre Reden und Tätigkeiten hervor. Daß dem Menschen nichts anderes angeboren wird, als das Vermögen des Wissens, der Einsicht und Weisheit, so wie auch die Neigung, nicht nur diese, sondern auch den Nächsten und Gott zu lieben, sehe man oben in der Denkwürdigkeit Nr. 48, und auch unten in einer Denkwürdigkeit. Nach diesem blickte ich umher, und sah in der Nähe Leibnitz und Wolf, welche den vom Engelgeist vorgebrachten Gründen mit Aufmerksamkeit folgten; und nun trat Leibnitz herzu und äußerte seinen Beifall, Wolf hingegen ging weg, verneinend und bejahend, denn er hatte nicht die tiefer eindringende Urteilskraft, die Leibnitz besaß.