Die Verbindung der Liebe zu Gott und der Liebe gegen den Nächsten

456. Es ist bekannt, daß das vom Berge Sinai herab verkündete Gesetz auf zwei Tafeln geschrieben war, und daß die eine derselben von Gott, und die andere von den Menschen handelt, und daß sie in der Hand des Moses eine Tafel ausmachten, auf deren rechter Seite die Schrift von Gott, und auf der linken die von den Menschen war, und daß so, den Augen der Menschen dargeboten, die Schrift der einen und der anderen Seite zugleich erblickt wurde, somit die eine Seite der anderen gegenüberstand, wie die des mit Moses redenden Jehovah, und die des mit Jehovah redenden Moses, von Angesicht zu Angesicht, wie man liest. Dies ist darum geschehen, damit die so vereinten Tafeln die Verbindung Gottes mit den Menschen, und umgekehrt, die der Menschen mit Gott vorbilden möchten; und aus diesem Grunde wurde das darauf geschriebene Gesetz Bund und Zeugnis genannt; der Bund bezeichnet die Verbindung, und das Zeugnis das den Verträgen gemäße Leben. An diesen zwei also vereinten Tafeln kann man die Verbindung der Liebe zu Gott und der Liebe gegen den Nächsten sehen: die erste Tafel schließt alles in sich, was zur Liebe zu Gott gehört und hauptsächlich darin besteht, daß man einen Gott, die Göttlichkeit Seines Menschlichen und die Heiligkeit des Wortes anerkennen müsse, und daß man Ihn verehren soll durch das Heilige, das von Ihm ausgeht. Daß jene Tafel dieses in sich schließt, erhellt aus dem, was im fünften Kapitel über die Vorschriften der Zehn Gebote ausgeführt worden ist. Die zweite Tafel schließt alles in sich, was zur Liebe gegen den Nächsten gehört; ihre fünf ersten Gebote diejenigen Dinge, die sich auf das Tun beziehen und Werke heißen, und die zwei letzten diejenigen, die den Willen angehen, somit diejenigen, die zur Liebtätigkeit in ihrem Ursprung gehören; denn in diesem heißt es: „Du sollst dich nicht gelüsten lassen“, und wenn der Mensch sich dessen, was des Nächsten ist, nicht gelüsten läßt, dann will er diesem wohl. Daß die zehn Vorschriften der Zehn Gebote alles in sich schließen was zur Liebe zu Gott, und alles, was zur Liebe gegen den Nächsten gehört, sehe man oben Nr. 329-331, wo auch gezeigt worden ist, daß eine Verbindung beider Tafeln statthat bei denen, die in der Liebtätigkeit sind.

457. Anders ist es bei denen, die im bloßen Gottesdienst sind und nicht zugleich in den guten Werken aus der Liebtätigkeit; diese gleichen denen, die den Bund zerreißen; noch anders bei denen, die Gott in drei zerteilen, und jeden besonders verehren; und wieder anders bei denen, die Gott nicht in Seinem Menschlichen anbeten; sie sind es, die nicht durch die Türe eingehen, sondern anderswoher einsteigen: Joh.10/[1,] 9; und noch anders bei denen, welche die Göttlichkeit des Herrn aus Bestärkung leugnen; bei diesen und jenen findet keine Verbindung mit Gott, und folglich auch keine Seligmachung statt; ihre Liebtätigkeit ist keine andere, als eine unechte, und diese verbindet nicht von Angesicht, sondern von der Seite oder vom Rücken her. Wie die Verbindung geschieht, soll auch mit wenigem gesagt werden: Gott fließt bei jedem Menschen mit der Anerkennung Seiner in die Kenntnisse von Ihm ein, und zugleich fließt Er ein mit Seiner Liebe gegen die Menschen. Der Mensch, der bloß das Erstere und nicht das Letztere aufnimmt, der nimmt jenen Einfluß im Verstand und nicht im Willen auf, und bleibt in den Erkenntnissen ohne inwendige Anerkennung Gottes, und sein Zustand ist wie der eines Gartens zur Zeit des Winters.

Ein Mensch hingegen, der das Erstere und das Letztere aufnimmt, der nimmt den Einfluß im Willen und von daher im Verstand auf, sonach mit dem ganzen Gemüt, und er hat eine inwendige Anerkennung Gottes, welche die Erkenntnisse von Gott bei ihm lebendig macht; sein Zustand ist wie der eines Gartens zur Zeit des Frühlings. Daß die Verbindung durch die Liebtätigkeit geschieht, hat seinen Grund darin, daß Gott jeglichen Menschen liebt, und weil Er ihm nicht unmittelbar wohltun kann, sondern nur mittelbar durch Menschen, so haucht Er diesen Seine Liebe ein, wie Er den Eltern die Liebe zu ihren Kindern einhaucht, und der Mensch, der diese aufnimmt, wird mit Ihm verbunden und liebt den Nächsten aus der Liebe Gottes; bei einem solchen ist es die inwendig in der Liebe des Menschen gegen den Nächsten wohnende Liebe Gottes, die das Wollen und Können bei ihm wirkt. Und weil der Mensch nichts Gutes tut, wenn es ihm nicht scheint, als seien das Können, Wollen und Tun aus ihm selbst, darum ist ihm dies gegeben, und wenn er es mit Freiheit ‚wie von sich‘ tut, so wird es ihm zugerechnet und angenommen als das Gegenseitige, durch das die Verbindung geschieht. Es verhält sich damit wie mit einem Tätigen und dem Leidenden, und dessen Mitwirkung, die aus dem Tätigen im Leidenden geschieht; und mit diesem verhält es sich wie mit dem Wollen in den Handlungen und dem Denken in der Rede, und wie mit der Seele, die vom Innersten aus in beide einwirkt; auch verhält es sich wie mit dem Streben in der Bewegung, und wieder wie mit dem Befruchtenden des Samens, das vom Inwendigen aus wirkt in den Säften, durch die der Baum bis zu den Früchten fortwächst, und durch die Früchte neue Samen hervorbringt; auch verhält es sich wie mit dem Licht in den Edelsteinen, das Jesajah nach dem Gewebe der Teile zurückgeworfen wird, woraus die mancherlei Farben entstehen, die von den Steinen zu kommen scheinen, in Wirklichkeit aber vom Licht herrühren.

458. Hieraus erhellt, woher und wie beschaffen die Verbindung der Liebe zu Gott und der Liebe gegen den Nächsten ist, daß dies ein Einfluß der Liebe Gottes gegen die Menschen ist, und daß deren Aufnahme von seiten des Menschen, und die Mitwirkung bei ihm, die Liebe gegen den Nächsten ist; kurz, es ist die Verbindung nach folgendem Wort des Herrn: „An jenem Tage werdet ihr erkennen, daß Ich in Meinem Vater bin, und ihr in Mir, und Ich in euch“: Joh.14/20; und nach folgendem Wort: „Wer Meine Gebote hat und sie tut, der ist es, der Mich liebt, und Ich werde ihn lieben und Mich ihm offenbaren und Wohnung bei ihm machen“: Joh.14/21-23. Die Gebote des Herrn beziehen sich alle auf die Liebe gegen den Nächsten, und sind ihrem Hauptinhalt nach, ihm nichts Böses tun, sondern ihm Gutes tun; daß diese Gott lieben, und Gott sie liebt, liegt in jenen Worten des Herrn. Weil diese zwei Arten der Liebe so verbunden sind, so sagt Johannes: „Wer die Gebote Jesu Christi hält, der bleibt in Ihm, und Er in ihm.

Wenn jemand sagt: Ich liebe wirklich Gott, und haßt doch seinen Bruder, so ist er ein Lügner; denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, Den er nicht sieht? Dies Gebot haben wir von Ihm, daß wer Gott liebt, auch seinen Bruder liebe“: 1Joh.3/24; 4/20,21.

459. Diesem sollen folgende Denkwürdigkeiten beigefügt werden: Die erste. Ich sah von ferne fünf Gymnasien, die von verschiedenartigem Licht umflossen waren, das erste von flammendem Licht, das zweite von gelbem Licht, das dritte von blenden weißem Licht, das vierte von einem zwischen dem Mittagund Abendschein die Mitte haltenden Licht, das fünfte war kaum sichtbar, denn es stand wie im Schatten des Abends. Und ich sah auf den Straßen einige zu Pferd, einige zu Wagen, und einige zu Fuß gehend, und einige laufend und rennend, und zwar diese dem ersten Gymnasium zu, das mit flammigem Licht umhüllt war. Als ich dies sah, faßte und trieb mich das Verlangen, mich dorthin zu begeben und zu hören, was daselbst verhandelt wurde. Ich machte mich daher schnell fertig und gesellte mich denen bei, die zum ersten Gymnasium eilten und trat zugleich mit ihnen ein, und siehe, es war eine große Versammlung da, von der ein Teil sich zur Rechten, und ein Teil sich zur Linken stellte, um auf den Bänken sich niederzulassen, die an den Wänden standen; mehr nach vorne sah ich einen niederen Rednerstuhl, auf dem einer stand, der die Stelle des Vorsitzenden bekleidete, und einen Stab in der Hand, einen Hut auf dem Kopf und ein Gewand anhatte, das mit dem flammigen Licht des Gymnasiums gefärbt war. Dieser erhob, nachdem man versammelt war, seine Stimme und sagte: Brüder, untersucht heute, was tätige Liebe sei; jeder von euch kann wissen, daß die Liebtätigkeit ihrem Wesen nach geistig, und in ihrer Ausübung natürlich ist.

Und alsbald erhob sich einer von der ersten Bank zur Linken, auf dem die, welche für Weise galten, ihren Sitz genommen hatten, und begann also zu reden: Meine Meinung ist, daß die Liebtätigkeit die vom Glauben beseelte Sittlichkeit ist; und dies begründete er so: Wer weiß nicht, daß die Liebtätigkeit dem Glauben folgt, wie die Zofe der Gebieterin, und daß ein Mensch, der den Glauben hat, das Gesetz, und somit die Liebtätigkeit, so von selbst übt, daß er nicht einmal weiß, daß es das Gesetz und die Liebtätigkeit ist, wonach er lebt, weil wenn er es wüßte und so es täte, und zugleich an die Seligkeit als den Beweggrund dächte, er den heiligen Glauben mit seinem Eigenen beflecken, und so dessen Wirksamkeit entkräften würde?

Ist dies nicht nach der Lehrbestimmung der unseren? Und hier blickte er nach den auf den Seiten Sitzenden, unter denen Geistliche waren, die ihm zunickten. Was ist aber die von selbst sich bildende Liebtätigkeit anderes, als die Sittlichkeit, in die jeder von Kindheit an eingeleitet wird, und die deshalb an sich natürlich ist, dann aber, wenn ihr der Glaube eingehaucht wird, geistig wird? Wer sieht dem moralischen Leben der Menschen an, ob sie Glauben haben oder nicht, da ja jeder moralisch lebt? Nur allein Gott, Der den Glauben eingibt und versiegelt, erkennt und unterscheidet sie; daher ich behaupte, daß die Liebtätigkeit die vom Glauben beseelte Sittlichkeit ist, und daß diese Sittlichkeit vermöge des in ihrem Schoße wohnenden Glaubens seligmachend, jede andere aber nicht seligmachend, weil auf Verdienst ausgehend ist. Es wenden also alle die ihr Öl vergeblich auf, welche die Liebtätigkeit und den Glauben vermischen, welche sie nämlich von innen her verbinden und nicht von außen her einander beifügen; denn sie vermischen und verbinden, wäre soviel als den hinten aufstehenden Diener in den Wagen zum Kirchenhaupt hineinsetzen, oder den Türsteher hinein in das Speisezimmer führen und ihn mit den Großen zur Tafel sitzen lassen. Hierauf erhob sich einer von der ersten Bank zur Rechten und hob also zu reden an: Meine Ansicht ist, daß die Liebtätigkeit die vom Mitleiden beseelte Frömmigkeit ist, und dies begründe ich damit, daß nichts anderes Gott mehr zur Gnade bewegen kann, als Frömmigkeit aus demütigem Herzen, wie denn auch die Frömmigkeit fortwährend bittet, daß Gott den Glauben und die Liebe geben wolle, und der Herr sagt: „Bittet, so wird euch gegeben werden“: Matth.7/7; und weil gegeben wird, so sind sie beide in ihr. Ich sage, die vom Mitleiden beseelte Frömmigkeit sei Liebtätigkeit, weil alle andächtige Frömmigkeit Mitleiden hat; denn die Frömmigkeit rührt das Herz des Menschen, daß es aufseufzt, und was ist dies anderes als Mitleiden?

Dieses tritt zwar nach dem Gebet wieder zurück, kehrt jedoch immer mit diesem wieder, und wenn es wiederkehrt, so ist Frömmigkeit in ihm, und so in der Liebtätigkeit. Unsere Priester schreiben alles, was das Heil befördert, dem Glauben zu, und gar nichts der Liebtätigkeit; was bleibt aber alsdann übrig, als die ängstlich um beide bittende Frömmigkeit? Als ich das Wort las, konnte ich nicht anders sehen, als daß der Glaube und die Liebtätigkeit die zwei Heilsmittel seien; als ich aber die Diener der Kirche befragte, hörte ich, daß der Glaube das einzige Heilsmittel, und die Liebtätigkeit gar nichts sei, und nun kam es mir vor, als befände ich mich auf dem Meer in einem zwischen zwei Klippen hin und her getriebenen Schiff, und als ich dessen Zerschellen fürchtete, begab ich mich in ein Boot, und fuhr ab; mein Boot ist die Gottseligkeit; und überdies ist ‚die Gottseligkeit zu allen Dingen nütze‘.

Nach diesem erhob sich einer von der zweiten Bank zur Rechten, nahm das Wort und sprach: Meine Ansicht ist, daß die Liebtätigkeit ist, jeglichem Gutes tun, sowohl dem Bösen, als dem Guten, und dies begründe ich so: Was ist die Liebtätigkeit anderes, als Herzensgüte? Und das gute Herz will allen Gutes, sowohl den Bösen, als den Guten; und der Herr sagte, man solle auch den Feinden wohltun; wenn du also die tätige Liebe irgend jemanden vorenthältst, wird dann nicht die Liebtätigkeit nach dieser Seite hin zunichte, und so der Mensch wie einer, der auf einem Fuß hüpfend einhergeht, nachdem ihm der andere genommen ist? Der Schlechte ist ebensowohl Mensch als der Gute, und die Liebtätigkeit betrachtet den Menschen als Menschen; ist er schlecht, was gehet es mich an? Mit der Liebtätigkeit verhält es sich wie mit der Sonnenwärme; diese belebt sowohl reißende als zahme Tiere, sowohl Wölfe als Schafe, und bringt Wachstum sowohl in schädliche als in nützliche Bäume, sowohl in Dornsträucher als in Weinstöcke. Bei diesen Worten nahm er eine frische Traube in die Hand und sagte: Mit der Liebtätigkeit ist es wie mit dieser Traube; teilst du sie, so zerfließt alles was darin ist - und er zerteilte sie, worauf sie zerfloß. Nach diesem Ausspruch erhob sich ein anderer von der zweiten Bank zur Linken und sprach: Meine Ansicht ist, daß die Liebtätigkeit ist, den Verwandten und Freunden in jeglicher Weise dienen, und dies begründe ich so: Wer weiß nicht, daß die Liebtätigkeit bei der eigenen Person anfängt, denn jeder ist sich selbst der Nächste. Die Liebtätigkeit schreitet daher von der eigenen Person aus fort durch die nächsten Verwandtschaften, zuerst zu den Brüdern und Schwestern, und von diesen zu den Verwandten und Verschwägerten, und so wird das Fortschreiten der Liebtätigkeit von ihr selbst aus begrenzt. Diejenigen, die außerhalb dieses Kreises sind, sind Fremde, und die Fremden werden nicht innerlich anerkannt, sind also dem inneren Menschen entfremdet; die Geschwister aber und die Anverwandten verbindet die Natur, und die Freunde die Gewohnheit, welche die andere Natur ist, und so werden sie der Nächste; und die Liebtätigkeit vereint sich den anderen von innen her, und so auch von außen, und solche, die nicht von innen her vereinigt sind, sind bloß Genossen zu nennen. Erkennen nicht alle Vögel ihre Verwandtschaft, - nicht an den Federn, sondern - am Laut, und, wenn sie nahe sind, an der aus ihren Körpern hervortretenden Lebenssphäre? Diese Verwandtschaftsneigung und daraus hervorgehende Verbindung heißt bei den Vögeln Instinkt; ebendieselbe findet sich aber auch bei den Menschen, und ist, wenn sie auf die Seinigen und die Angehörigen geht, der Instinkt der wahrhaft menschlichen Natur. Was macht zum Gleichartigen, als das Blut? Dieses fühlt und wittert gleichsam des Menschen Gemüt, das auch sein Geist ist; in diesem Gleichartigen und der daher rührenden Sympathie besteht das Wesen der Liebtätigkeit. Umgekehrt aber ist das Ungleichartige, aus dem auch die Antipathie hervorgeht, wie das Nicht-Blut, und daher wie die Nicht-Liebtätigkeit; und weil die Gewohnheit die andere Natur ist, und diese auch Gleichartiges macht, so folgt, daß Liebtätigkeit auch ist, den Freunden Gutes tun. Wer, der aus der See in irgendeinen Hafen kommt und hört, daß das Land ein fremdes ist, in dem er die Sprachen und Sitten der Bewohner nicht kennt, ist dann nicht wie ganz außerhalb seiner, und fühlt nichts von Lust der Liebe gegen sie? Hört er hingegen, daß es vaterländisches Gebiet ist, in dem er die Sprachen und Sitten der Bewohner kennt, so ist er wie innerhalb seiner, und fühlt dann das Angenehme aus der Liebe, die auch die Freude der Liebtätigkeit ist.

Hierauf erhob sich einer von der dritten Bank zur Rechten und sprach mit erhobener Stimme also: Meine Ansicht ist, daß die Liebtätigkeit ist, Almosen den Armen geben und Hilfe den Notleidenden bringen. Dies ist gewiß die Liebtätigkeit, weil dies das göttliche Wort lehrt, dessen Ausspruch keinen Widerspruch zuläßt. Den Reichen und Besitzenden zeitliche Güter geben, was ist dies anderes, als eitler Ruhm, in dem nicht Liebtätigkeit ist, sondern ein Absehen auf Wiedervergeltung? Und in dieser ist kein echtes Gefühl der Liebe gegen den Nächsten denkbar, sondern ein unechtes Gefühl, das wohl Geltung hat auf Erden, aber nicht in den Himmeln; man muß also der Dürftigkeit und dem Mangel Hilfe leisten, weil in diese keine Vorstellung von Wiedervergeltung eindringt. In der Stadt meines Aufenthalts, wo ich weiß, wer rechtschaffen und wer schlecht ist, sah ich, wie alle Rechtschaffenen beim Anblick eines Armen auf der Straße stehen blieben und Almosen gaben, alle Schlechten hingegen, mit einem Seitenblick auf den Armen, vorübergingen wie blind gegen seinen Anblick, und wie taub gegen seine Stimme; und wer weiß nicht, daß die Rechtschaffenen Liebtätigkeit haben, und die Schlechten sie nicht haben? Derjenige, der den Armen gibt und den Notleidenden beisteht, ist gleich einem Hirten, der die hungernden und dürstenden Schafe auf die Weide und zur Tränke führt; derjenige hingegen, der bloß den Reichen und Begüterten gibt, gleicht dem, der falsche Götter verehrt, und Speise und Wein den sich Berauschenden aufdrängt. Nach diesem erhob sich einer von der dritten Bank zur Linken, nahm das Wort und sprach: Meine Ansicht ist, daß die Liebtätigkeit ist, Hospitäler, Krankenhäuser, Waisenhäuser und Pilgerhäuser erbauen, und mit Gaben unterstützen; und dies begründe ich damit, daß solche Wohltaten und Hilfeleistungen öffentlich sind, und die Privat-Wohltaten viele Meilen weit übertreffen, daher die Liebtätigkeit reicher und fruchtbarer an Gutem wird, welches Gute der Zahl nach vielfältig ist, wie denn auch der gehoffte Lohn vermöge der Verheißungen im Wort viel reichlicher wird; denn wie jemand den Acker bestellt und besät, so erntet er auch; heißt dies nicht in reichem Maß den Armen geben und den Notleidenden beistehen? Wer erwirbt sich nicht dadurch Ruhm bei der Welt und zugleich Lobeserhebungen mit demütiger Danksagung von seiten der darin Aufgenommenen? Erhebt dies nicht das Herz und zugleich die Neigung, die Liebtätigkeit heißt, bis zu ihrem Gipfel? Die Reichen, die nicht auf den Straßen gehen, sondern fahren, können ihre Augen nicht auf die zur Seite an den Wänden Sitzenden richten und kleine Münzen darreichen, sondern sie geben Beiträge zu solchem, was vielen zugleich zugute kommt; Geringere aber, die auf den Straßen wandeln und nicht solchen Überfluß haben, mögen das andere tun. Bei diesen Worten übertönte seine Stimme plötzlich ein anderer auf derselben Bank und sprach: Möchten nur die Reichen niemals die Freigebigkeit und Großartigkeit ihrer tätigen Liebe dem Scherflein vorziehen, das der Arme dem Armen gibt; denn wir wissen, daß jeder, der handelt, seiner Person Würdiges tut, der König Würdiges der seinigen, der General Würdiges der seinigen, der Oberst Würdiges der seinigen und der Trabant Würdiges der seinigen; denn die Liebtätigkeit wird, an sich betrachtet, nicht nach dem Vorrang der Person und daher der Gabe, sondern nach der Fülle des Gefühls, das dieselbe hervorbringt, geschätzt, so daß der geringe Bediente, wenn er einen Heller gibt, aus völligerer Liebtätigkeit spenden kann, als der Große, der einen Schatz gibt oder vermacht; und dies ist auch übereinstimmend mit den Worten: „Jesus sah die Reichen ihre Gaben in den Gotteskasten werfen, Er sah aber auch eine arme Witwe zwei kleine Scherflein einlegen; da sprach Er: Wahrlich, Ich sage euch, diese arme Witwe hat mehr als alle hineingelegt“: Luk.21/1-3.

Nach diesen erhob sich einer von der vierten Bank zur Linken und sprach also: Meine Ansicht ist, daß die Liebtätigkeit ist, die Kirchen bereichern und ihren Dienern wohltun; und dies begründe ich damit, daß, wer dies tut, Heiliges in seinem Gemüt bewegt, und aus dem Heiligen in diesem handelt und auch seine Gaben heiligt; dies fordert die Liebe, weil sie in sich heilig ist. Ist nicht aller Gottesdienst in den Kirchen heilig? Denn der Herr sagt: „Wo zwei oder drei versammelt sind in Meinem Namen, da bin Ich mitten unter ihnen“; die Priester aber, Seine Diener, versehen jenen. Daraus schließe ich, daß die Gaben, die an diese und an die Kirchen verteilt werden, höher stehen, als die Gaben, die an andere und zu anderem gespendet werden; und überdies ist dem Geistlichen die Macht gegeben zu segnen, vermöge welcher er dieselben auch heiligt; und nachher erweitert nichts das Gemüt mehr und erfreut es, als seine Weihgeschenke als ebenso viele Heiligtümer zu sehen. Nach diesem erhob sich einer von der vierten Bank zur Rechten und sprach also: Meine Ansicht ist, daß die alte christliche Brüderschaft die Liebtätigkeit ist, und dies begründe ich damit, daß jede Kirche, die den wahren Gott verehrt, mit der Liebtätigkeit anfängt, gerade wie die alte christliche; und weil diese Liebtätigkeit, die Gemüter vereinigt, und aus vielen eines macht, darum nannten sie sich Brüder, aber in Jesu Christo, ihrem Gott. Weil sie aber damals von rohen Menschen aus den Heiden umzingelt waren, vor denen sie sich fürchteten, so errichteten sie ein Gemeinschaft ihrer Güter, infolge derer sie sich zusammen und einmütig erfreuten, und in ihren Zusammenkünften sich täglich über den Herrn Gott, ihren Heiland, unterhielten, und bei ihren Mittags- und Abendmahlen über die Liebtätigkeit sprachen; daher ihre Verbrüderung. Nach ihren Zeiten hingegen, als Spaltungen zu entstehen begannen, und zuletzt die verabscheuungswerte arianische Ketzerei, die bei vielen den Begriff von der Göttlichkeit des Menschlichen des Herrn aufhob, da kam die Liebtätigkeit in Abgang, und die Brüderschaft löste sich auf. Wahr ist, daß alle, die in Wahrheit den Herrn verehren und Seine Gebote halten, Brüder sind: Matth.23/8, aber Brüder im Geist. Weil hingegen heutzutage keiner erkannt wird, wie er dem Geist nach beschaffen ist, so ist nicht notwendig, daß sie sich gegenseitig Brüder nennen. Die Brüderschaft des bloßen Glaubens ist nicht Brüderschaft, und noch weniger die des Glaubens an einen anderen Gott als an den Herrn Gott Heiland, weil die Liebtätigkeit, die jene macht, in diesem Glauben nicht ist; deshalb ziehe ich den Schluß, daß die alte christliche Brüderschaft die Liebtätigkeit war; allein diese war, und ist nicht; ich weissage jedoch, daß sie kommen wird. Als er dies sagte, zeigte sich durch das Fenster von Osten her ein flammiges Licht und färbte seine Wangen, ob welcher Erscheinung die Versammlung in Staunen geriet.

Zuletzt erhob sich einer von der fünften Bank zur Linken und bat um die Erlaubnis, zu den Worten des letzten Sprechers noch einen Beitrag hinzufügen zu dürfen, und sagte nach erhaltener Zustimmung: Meine Ansicht ist, Liebtätigkeit sei, jeglichem seine Fehltritte vergeben, und diese Ansicht habe ich gefaßt aus der gewöhnlichen Rede derer, die zum heiligen Abendmahl gehen; denn manche sprechen dann zu ihren Freunden: „Vergebt mir, worin ich mich verfehlt habe“, in der Meinung, so alle Pflichten der Liebtätigkeit erfüllt zu haben; allein ich dachte bei mir, dies sei nur ein gemaltes Bild der Liebtätigkeit und nicht die wirkliche Form ihres Wesens, denn so sprechen sowohl die, welche nicht vergeben, als die, welche der Liebtätigkeit in keiner Weise nachstreben; und diese sind nicht begriffen unter jenen in dem Gebet, daß der Herr selbst gelehrt hat: ‚Vater, vergib uns unsere Sünden, wie auch wir vergeben denen, die gegen uns sich verfehlen!‘ Denn die Versündigungen sind wie Geschwüre, in denen sich, wenn sie nicht geöffnet und geheilt werden, Eiter sammelt, der die benachbarten Teile verdirbt, und einer Schlange gleich umherschleicht und das Blut allenthalben in Eiter verwandelt. Ebenso verhält es sich mit den Versündigungen gegen den Nächsten; wofern diese nicht entfernt werden durch die Buße und durch ein den Geboten des Herrn gemäßes Leben, so bleiben sie und fressen um sich; und die, welche ohne Buße bloß zum Herrn beten, daß Er ihnen ihre Sünden vergeben möchte, gleichen den mit einer ansteckenden Krankheit behafteten Bürgern einer Stadt, die zum Vorstand hingehen und sagen: Herr, heile uns! Zu welchen der Vorstand sagen wird: Was heilen? Gehet zum Arzt und lernt die Heilmittel kennen, und verschaffet euch dieselben vom Apotheker und nehmet sie ein, so werdet ihr geheilt werden; der Herr aber wird zu denen sagen, die um Sündenvergebung ohne wirkliche Buße bitten: Öffnet das Wort und leset was Ich bei Jesajas geredet habe: „Wehe der sündigen Völkerschaft, schwer von Missetat! Daher Ich, wenn ihr eure Hände ausstreckt, Meine Augen vor euch verberge; ob ihr das Gebet vervielfältigt, höre Ich doch nicht. Wascht euch, reinigt euch, entfernt die Bosheit eurer Werke von Meinen Augen, höret auf, Böses zu tun, lernt Gutes tun, und dann werden eure Sünden entfernt und vergeben werden“: Jes.1/4,15-18.

Nachdem dies verhandelt war, reckt ich meine Hand aus und bat, mir zu erlauben, daß ich, obwohl ein Fremder, auch meine Ansicht anführe. Der Vorsitzende trug es vor, und nach erfolgter Zustimmung sprach ich folgendes: Meine Ansicht ist, daß die Liebtätigkeit ist, aus Liebe zur Gerechtigkeit mit Urteil handeln in jeglichem Werk und Beruf, jedoch aus einer Liebe, die nirgend anderswoher stammt, als aus dem Herrn Gott Heiland. Alles, was ich von den auf den Bänken zur Rechten und zur Linken Sitzenden vernommen habe, sind ausgezeichnete Kundgebungen der Liebtätigkeit, allein, wie der Vorsitzende dieser Versammlung voraus bemerkte, die Liebtätigkeit ist in ihrem Ursprung geistig und in ihrer Ableitung natürlich, und die natürliche Liebtätigkeit, wenn sie inwendig geistig ist, erscheint vor den Engeln durchsichtig wie ein Diamant, ist sie dagegen inwendig nicht geistig, und daher bloß natürlich, so erscheint sie vor den Engeln in der Gestalt einer Perle, ähnlich dem Auge eines gesottenen Fisches. Es ist nicht meine Sache, zu sagen, ob die ausgezeichneten Kundgebungen der tätigen Liebe, die ihr der Reihe nach vorgebracht habt, von der geistigen Liebtätigkeit eingegeben sind oder nicht; das aber ist hier meine Pflicht, zu sagen, worin das Geistige, das denselben innewohnen soll, bestehen muß, damit sie die natürlichen Formen der Liebtätigkeit seien: ihr Geistiges selbst ist dies, daß sie aus Gerechtigkeitsliebe mit Urteil geschehen, das heißt, daß der Mensch bei den Übungen der Liebtätigkeit sich genau prüft, ob er aus Gerechtigkeit handelt, und dieses durchschaut er mit der Urteilskraft; denn der Mensch kann durch Wohltaten Böses tun, und dann auch durch Handlungen, die als Übeltaten erscheinen, Wohl tun, wie zum Beispiel durch Wohltaten derjenige Böses tut, der einen dürftigen Räuber die Mittel gibt, sich ein Schwert zu kaufen, obgleich dieser dies nicht sagt, wenn er ihn darum bittet; oder wenn er ihn dem Kerker entreißt und ihm den Weg in den Wald zeigt und bei sich spricht: Es ist nicht meine Schuld, daß derselbe Straßenraub begeht, ich bin dem Menschen zu Hilfe gekommen. Um noch ein anderes Beispiel zu geben, es ist, wie wenn einer einen Faulen nährt und beschützt, damit er nicht zu den Mühen der Arbeiten angehalten werde, und spricht: Geh’ in ein Zimmer meines Hauses und lege dich zu Bett: warum sollst du dich abmühen? Ein solcher begünstigt die Trägheit; dann auch wer Anverwandte und Freunde nichtswürdiger Art zu Ehrenstellen befördert, in denen sie viele Arten der Bosheit ausführen können. Wer kann nicht sehen, das dergleichen Werke der Liebtätigkeit nicht aus irgendeiner Liebe zur Gerechtigkeit mit Urteil stammen? umgekehrt aber, daß der Mensch durch Dinge, die wie Übeltaten erscheinen, wohltun kann? Als Beispiel diene ein Richter, der den Übeltäter freispricht, weil er weint, sich in fromme Reden ergießt und bittet, er möchte ihm verzeihen, weil er sein Nächster sei, während doch der Richter ein Werk der Liebtätigkeit verrichtet, wenn er dem Gesetz gemäß Strafe über ihn verhängt; denn so leistet er Vorschub, daß derselbe nicht wieder Böses tut, und der Gesellschaft, die in höherem Grade der Nächste ist, schädlich wird, und daß nicht ein solches Urteil Ärgernis erregt. Wer weiß ferner nicht, daß es den Dienern zum Besten gereicht, wenn sie von ihren Herren, und den Kindern, wenn sie von den Eltern ihrer Übeltaten wegen gezüchtigt werden?

Das gleiche ist der Fall bei denen in der Hölle, die alle in der Liebe zum Böses tun stehen, und daher im Gefängnis verschlossen gehalten, und, wenn sie Böses tun, bestraft werden; dies läßt der Herr zu um der Besserung willen, und es geschieht, weil der Herr die Gerechtigkeit selbst ist, und alles, was Er tut, aus der Urteilskraft selbst tut. Hieraus kann man sehen, woher es kommt, daß, wie oben gesagt worden, die tätige Liebe geistig wird aus der Liebe zur Gerechtigkeit mit Urteil, allein aus einer Liebe, die nicht anderswoher stammt, als aus dem Herrn Gott Seligmacher. Der Grund ist, weil alles Gute der Liebtätigkeit vom Herrn stammt, denn Er sagt: „Wer in Mir bleibt, und Ich in ihm, der bringt viele Frucht; denn ohne Mich könnt ihr nichts tun“: Joh.15/5; und daß Er alle Gewalt habe im Himmel und auf Erden: Matth.28/18; und alle Gerechtigkeitsliebe mit Urteil stammt nirgend anders woher, als aus dem Gott des Himmels, Der die Gerechtigkeit selbst ist, und von Welchem dem Menschen alle Urteilskraft kommt: Jer.23/5; 33/15. Hieraus ergibt sich der Schluß, daß alles, was von den Bänken zur Rechten und zur Linken von der Liebtätigkeit gesagt worden ist, daß nämlich die Liebtätigkeit sei die vom Glauben beseelte Sittlichkeit; daß sie sei die vom Mitleiden beseelte Frömmigkeit; daß sie sei Gutes tun sowohl dem Guten, als dem Schlechten; daß sie sei in jeder Weise dienen den Anverwandten und Freunden; daß sie sei den Armen geben und den Notleidenden beistehen; daß sie sei Krankenhäuser bauen und durch Gaben erhalten; daß sie sei die Kirchen bereichern und deren Dienern wohltun; daß sie sei die alte christliche Brüderschaft; daß sie sei jedem seine Versündigungen vergeben. Alle diese Dinge sind vortreffliche Erweisungen der tätigen Liebe, sobald sie aus Gerechtigkeitsliebe mit Urteil geschehen, widrigenfalls sind sie nicht tätige Liebe, sondern bloß wie Bäche, die von ihrem Quell getrennt, und wie Zweige, die von ihrem Baum abgerissen sind; denn die echte Liebtätigkeit ist: an den Herrn glauben, und gerecht und redlich handeln in jedem Werk und Beruf. Wer also aus dem Herrn die Gerechtigkeit liebt und sie mit Urteil übt, der ist die Liebtätigkeit in deren Bild und Ähnlichkeit. Auf diese Worte entstand eine Stille, wie sie bei denen ist, die aus dem inneren Menschen etwas sehen und anerkennen, daß es so ist, aber noch nicht im äußeren; dies bemerkte ich an ihren Gesichtern. Allein nun wurde ich schnell ihrem Anblick entrückt; ich trat nämlich aus dem Geist wieder zurück in meinen materiellen Körper; denn der natürliche Mensch wird, weil er mit einem materiellen Körper angetan ist, keinem geistigen Menschen, das heißt, keinem Geist und Engel sichtbar, noch umgekehrt.  

460. Zweite Denkwürdigkeit. Einst als ich mich in der geistigen Welt umsah, hörte ich etwas wie ein Zähneknirschen, und auch wie ein Stampfen, und diesen untermischt wie etwas Heisertönendes; ich fragte, was das sei, und die Engel, die bei mir waren, sagten: Es sind Kollegien, die von uns Unterhaltungsplätze genannt werden, in denen sie miteinander streiten; ihre Streitigkeiten werden in der Ferne so gehört, in der Nähe aber nur als Streitigkeiten vernommen. Da trat ich hinzu, und sah kleine aus Binsen zusammengefügte und mit Lehm verbundene Häuser, und ich wollte durch das Fenster hineinsehen, es war aber keines da; denn durch die Tür durfte man nicht hineingehen, weil sonst Licht aus dem Himmel einfließen und eine Verwirrung mit sich bringen würde. Doch auf einmal entstand auf der rechten Seite ein Fenster, und nun hörte ich sie klagen, daß sie sich in der Finsternis befänden; bald aber ward auf der linken Seite ein Fenster, während das Fenster auf der rechten Seite sich schloß, wo dann die Finsternis nach und nach verschwand, und sie sich in ihrem Licht erschienen. Hierauf durfte ich durch die Türe eingehen und zuhören. Es stand ein Tisch in der Mitte und Bänke rings umher; alle aber schienen mir auf den Bänken stehend, und heftig miteinander streitend über den Glauben und die Liebe; von der einen Seite, daß der Glaube das Wesentliche der Kirche sei, und von der anderen, daß es die Liebe sei. Diejenigen, die den Glauben zum Wesentlichen machten, sagten: Haben wir nicht im Glauben mit Gott, und in der Liebe mit Menschen zu tun? Ist nicht also der Glaube himmlisch, die Liebe aber irdisch? Und ist es nicht das Himmlische, durch das wir selig werden, nicht aber das Irdische? Ferner: Ist es nicht Gott, Der den Glauben aus dem Himmel geben kann, weil er himmlisch ist, und muß nicht der Mensch selbst sich die Liebe geben, da diese irdisch ist? Was aber der Mensch sich gibt, das ist nicht Sache der Kirche und macht daher auch nicht selig; wie könnte auf diese Weise jemand durch die Werke, welche Werke der Liebe heißen, vor Gott gerechtfertigt werden? Glaubet uns, daß wir durch den bloßen Glauben nicht nur gerechtfertigt, sondern auch geheiligt werden, wenn anders der Glaube nicht durch das Verdienstliche, das aus den Werken der Liebe kommt, befleckt wird; und so mehreres dergleichen. Diejenigen aber, welche die Liebe zum Wesentlichen der Kirche machten, bestritten dies heftig und sagten: Die Liebe macht selig und nicht der Glaube. Hat nicht Gott alle lieb, und will Er nicht allen Gutes tun? Und wie könnte Gott dies tun, wenn es nicht durch Menschen geschähe? Gibt Gott bloß die Kraft mit den Menschen über Gegenstände des Glaubens zu reden; gibt Er nicht auch die Kraft, ihnen das zu tun, was die Liebe will?

Seht ihr nicht, daß ihr etwas Ungereimtes behauptet, wenn ihr von der Liebe sagt, sie sei irdisch? Die Liebe ist himmlisch, weil ihr aber das Gute der Liebe nicht tut, so ist euer Glaube irdisch; empfanget ihr wohl den Glauben anders, als wie ein Klotz oder Stein? Ihr sagt, [ihr empfanget denselben] durch das bloße Hören des Wortes; allein wie kann das Wort durch das bloße Hören wirken, und wie auf einen Klotz oder Stein? Vielleicht werdet ihr ganz ohne euer Wissen belebt, allein worin anders besteht diese Belebung, als darin, daß ihr sagen könnt, der bloße Glaube rechtfertige und mache selig; was aber der Glaube, und welcher Glaube der seligmachende sei, wisset ihr nicht. Hier erhob sich aber einer, der von dem mit mir sprechenden Engel ein Synkretist [Religionsmenger] genannt wurde; dieser nahm seine Kopfbedeckung und legte sie auf den Tisch, setzte sie aber, weil er kahl war, schnell wieder auf und sprach: Höret, ihr irrt alle. Es ist wahr, daß der Glaube geistig und die Liebe sittlich ist, allein sie werden doch verbunden, und zwar werden sie verbunden durch das Wort, und alsdann durch den Heiligen Geist und durch die Wirkung, die man zwar Gehorsam nennen kann, an der jedoch der Mensch gar keinen Teil hat, weil, wenn der Glaube eingeflößt wird, der Mensch nicht mehr davon weiß, als eine Bildsäule. Ich habe über diese Dinge lange bei mir nachgedacht und endlich gefunden, daß der Mensch den Glauben, der geistig ist, von Gott empfangen, zu einer Liebe aber, die geistig wäre, von Gott nicht anders gebracht werden kann, als ein Klotz. Diesen Worten klatschten die, welche im bloßen Glauben waren, Beifall zu, die aber für die Liebe waren, bezeugten ihr Mißfallen; und diese sagten im Unwillen: Höre, Geselle! Du weißt nicht, daß es ein geistig sittliches, und dann auch ein bloß natürlich sittliches Leben gibt, ein geistig sittliches Leben bei denen, die das Gute aus Gott, und doch wie von sich tun, ein bloß natürlich sittliches Leben aber bei denen, die das Gute aus der Hölle, und doch wie von sich tun.

Es wurde gesagt, daß der Streit wie ein Zähneknirschen und wie ein Stampfen, und zwischen hinein etwas heiser Tönendes gehört worden sei. Daß der Streit wie ein Zähneknirschen gehört wurde, kam von denen her, die den Glauben zum einzigen Wesentlichen der Kirche gemacht hatten, und das Stampfen kam von denen, welche die Liebe zum einzigen Wesentlichen der Kirche gemacht hatten, und das zwischeneingemischte Heisere kam von dem Synkretisten her. Ihre Töne wurden in der Ferne so gehört, weil sie alle in der Welt gestritten, und nicht irgendwelches Böse geflohen, und darum auch nicht irgendwelches Gute aus geistiger Abstammung getan hatten, und auch gar nicht wußten, daß alles, was zum Glauben gehört, aus Wahrem, und alles, was zur Liebe gehört, aus Gutem besteht, und daß das Wahre ohne das Gute nicht Wahres dem Geiste nach, und das Gute ohne das Wahre nicht Gutes dem Geiste nach ist, und daß so das eine das andere bilden soll.

461. Dritte Denkwürdigkeit. Einst ward ich im Geist in die mittägliche Gegend der geistigen Welt, und in ein gewisses Paradies daselbst entrückt, und sah, daß dasselbe die übrigen, die ich bisher durchwandert hatte, übertraf, und dies darum, weil der Garten die Einsicht bezeichnet, und in den Mittag alle die versetzt werden, welche die anderen an Einsicht überragen; der Garten Eden, in dem Adam mit seinem Weibe war, bezeichnet auch nichts anderes; weshalb ihr Vertriebenwerden aus demselben in sich schließt ihr Entferntwerden von der Einsicht, aber so auch von der Lauterkeit des Lebens. Während ich mich in diesem südlichen Paradies erging, bemerkte ich einige, die unter einem Lorbeerbaum saßen und Feigen aßen; zu diesen trat ich hin und bat sie um Feigen, und sie gaben mir; und siehe, die Feigen wurden in meiner Hand zu Trauben; und als ich mich darüber wunderte, sagte mir der Engelgeist, der bei mir stand: Die Feigen sind in deiner Hand zu Trauben geworden, weil die Feigen vermöge der Entsprechung das Gute der Liebtätigkeit, und somit auch des Glaubens im natürlichen oder äußeren Menschen bezeichnen, die Trauben aber das Gute der Liebtätigkeit und daher des Glaubens im geistigen oder inneren Menschen; und weil du die geistigen Dinge liebst, so ist dir dies geschehen; denn in unserer Welt geschieht alles und tritt in Erscheinung nach den Entsprechungen. Hier kam mich nun plötzlich ein Verlangen an, zu wissen, wie der Mensch das Gute aus Gott tun könne, und doch ganz wie aus sich; weshalb ich die, welche Feigen aßen, fragte, wie sie dies verstehen. Sie sagten, sie können es nicht anders verstehen, als daß Gott es inwendig im Menschen und durch den Menschen wirke, ohne daß er sich dessen bewußt ist, weil der Mensch, wenn er sich dessen bewußt wäre, und es so täte, nicht Gutes täte, außer bloß scheinbares, das inwendig böse ist; denn alles, was aus dem Menschen hervorgeht, das gehe aus seinem Eigenen hervor, und dieses sei von der Geburt her böse; wie sich denn unter solchen Umständen das Gute von Gott und das Böse vom Menschen verbinden, und so verbunden in Tat übergehen könnte? Auch gehe das Eigene des Menschen in Sachen des Heils beständig auf Verdienst aus, und inwieweit es dies tue, insoweit entziehe es dem Herrn Sein Verdienst, was die höchste Ungerechtigkeit und Gottlosigkeit sei: es kürzer zu sagen, wenn das Gute, das Gott im Menschen wirkt, in des Menschen Wollen und somit auch in sein Tun einflösse, so würde dies Gute durchaus befleckt und auch entheiligt, was jedoch Gott niemals zulasse; der Mensch könne zwar von dem Guten, das er tue, denken, es sei von Gott, und könne es auch das Gute Gottes durch ihn nennen; allein daß es dies sei, begreifen wir nicht. Da eröffnete ich ihnen aber meinen Sinn und sprach: Ihr fasset es nicht, weil ihr nach dem Schein denkt, und das durch den Schein begründete Denken Täuschung ist; Schein und somit Täuschung findet sich bei euch, weil ihr glaubt, alles, was der Mensch will und denkt, und daher tut und redet, sei in ihm, und folglich auch aus ihm, während doch nichts hiervon in ihm ist, außer die Disposition zur Aufnahme dessen, was einfließt. Der Mensch ist nicht Leben in sich, sondern er ist ein Leben aufnehmendes Organ; der Herr ist das Leben in sich, wie Er auch sagt bei Johannes: „Gleichwie der Vater das Leben in Sich selbst hat, so hat Er auch dem Sohn gegeben, das Leben in Sich selbst zu haben“: Joh.5/26, und so auch anderwärts, als Joh.11/25; 14/6,19. Zweierlei ist, was das Leben ausmacht, die Liebe und die Weisheit, oder, was dasselbe ist, das Gute der Liebe und das Wahre der Weisheit; diese fließen von Gott ein und werden vom Menschen aufgenommen, wie wenn sie sein Eigen wären, und weil sie so gefühlt werden, so gehen sie auch vom Menschen hervor, wie wenn sie sein Eigen wären. Daß sie so gefühlt werden vom Menschen, ist vom Herrn gegeben worden, damit das, was einfließt, ihn anrege, und so aufgenommen werde und bleibe. Weil aber alles Böse ebenfalls einfließt, nicht von Gott, sondern von der Hölle her, und dieses mit Lust aufgenommen wird, (da der Mensch als ein solches Organ zur Welt kommt), so wird nicht mehr Gutes aus Gott aufgenommen, als vom Menschen wie aus sich selbst Böses entfernt wird, und dies geschieht durch die Buße und zugleich durch den Glauben an den Herrn. Daß die Liebe und die Weisheit, die Liebtätigkeit und der Glaube, oder allgemeiner zu reden, das Gute der Liebe und der Liebtätigkeit und das Wahre der Weisheit und des Glaubens einfließen, und das, was einfließt, im Menschen ganz als das Seinige erscheint, und daher als das Seinige von ihm ausgeht, kann man deutlich sehen an dem Gesichts-, dem Gehör-, dem Geruchs-, dem Geschmacks- und dem Tastsinn; alles, was in den Organen dieser Sinne empfunden wird, fließt von außen ein und wird in ihnen empfunden; ebenso in den Organen der inneren Sinne, nur mit dem Unterschied, daß in diese Geistiges einfließt, das nicht erscheint, in jene aber Natürliches, das erscheint. Mit einem Wort, der Mensch ist ein aufnehmendes Organ des Lebens aus Gott, mithin ein Aufnehmer des Guten, inwieweit er vom Bösen absteht. Das Vermögen, vom Bösen abzustehen, gibt der Herr jedem Menschen, weil Er ihm das Wollen und das Verstehen gibt, und alles, was der Mensch aus dem Willen nach dem Verstand, oder, was dasselbe ist, alles, was er aus der Freiheit des Willens nach der Vernunft des Verstandes tut, das bleibt; dadurch versetzt der Herr den Menschen in den Zustand der Verbindung mit Ihm, und in diesem bessert, wiedergebiert und beseligt Er ihn. Das Leben, das einfließt, ist das vom Herrn ausgehende Leben, welches Leben auch der Geist Gottes heißt, im Wort der Heilige Geist, von dem es auch heißt, daß er erleuchte und belebe, ja daß er wirke in ihm; aber dieses Leben erhält eine verschiedene Gestalt und wird modifiziert je nach der Organisation, die es erhält durch seine Liebe. Ihr könnt auch wissen, daß alles Gute der Liebe und Liebtätigkeit, und alles Wahre der Weisheit und des Glaubens einfließt und nicht im Menschen ist, daraus nämlich, daß, wer denkt, so etwas sei von der Schöpfung her im Menschen, am Ende notwendig auch denken muß, Gott habe Sich dem Menschen eingegossen, und die Menschen seien sonach teilweise Götter, während doch die, welche so denken, weil sie es glauben, Teufel werden, und bei uns wie Leichname einen üblen Geruch verbreiten. Überdies, was ist die Handlung des Menschen anderes als das handelnde Gemüt? Denn was das Gemüt will und denkt, das tut und redet es durch den Körper als sein Organ; wird daher das Gemüt vom Herrn geführt, so wird auch die Handlung und Rede geführt, die Handlung und die Rede aber werden vom Herrn geführt, wenn man an Ihn glaubt. Wäre dem nicht so, nun so saget doch, wenn ihr könnt, warum hat der Herr im Wort in tausend Stellen geboten, der Mensch solle den Nächsten lieben, solle das Gute der Liebtätigkeit wirken und Früchte bringen wie ein Baum, und die Gebote halten, und jenes und dieses, damit er selig werde? Warum hat Er ferner gesagt, der Mensch werde nach seinen Taten oder Werken gerichtet werden, wer Gutes getan, zum Himmel und zum Leben, und wer Böses getan hat, zur Hölle und zum Tod? Wie hätte der Herr so reden können, wenn alles, was vom Menschen ausgeht, auf Verdienst ausgehend und somit böse wäre? Wisset also, daß, wenn das Gemüt Liebtätigkeit ist, auch die Handlung Liebtätigkeit ist, wenn aber das Gemüt bloßer Glaube ist, der auch ein von der geistigen Liebtätigkeit getrennter Glaube ist, auch die Handlung jener Glaube ist. Nachdem sie dies gehört, sagten die, welche unter dem Lorbeerbaum saßen: Wir fassen, daß du recht geredet hast, und fassen es gleichwohl nicht. Meine Antwort war: Ihr fasset, daß ich recht geredet habe, vermöge der allgemeinen Wahrnehmung, die der Mensch hat infolge eines Einflusses des Lichtes aus dem Himmel, wenn er etwas Wahres hört; ihr fasset es aber nicht vermöge der eigenen Wahrnehmung, die der Mensch hat infolge eines Einflusses des Lichtes aus der Welt. Diese beiden Wahrnehmungen, nämlich die innere und die äußere, oder die geistige und die natürliche, machen eins aus bei den Weisen; und auch ihr könnt sie zu einer machen, wenn ihr zum Herrn aufseht und das Böse entfernt. Da sie dies einsahen, so nahm ich Zweige vom Weinstock und reichte sie ihnen hin und sprach: „Glaubt ihr, daß dies von mir ist oder vom Herrn?“ Sie sagten, es sei aus mir vom Herrn, und siehe jene Zweige trieben in ihren Händen Trauben hervor. Als ich aber wegging, sah ich einen Tisch von Zedernholz, auf dem ein Buch lag, unter einem grünenden Ölbaum, dessen Stamm ein Weinstock umwand; ich sah hin, und siehe es war ein durch mich geschriebenes Buch, genannt »Die Himmlischen Geheimnisse«, und ich sagte, in jenem Buche sei vollständig gezeigt worden, daß der Mensch ein Leben aufnehmendes Organ, nicht aber selbst Leben sei; und daß dieses nicht geschaffen werden, und so als Geschaffenes dem Menschen ebensowenig innewohne könne, als das Licht dem Auge.

462. Vierte Denkwürdigkeit. Ich blickte in der geistigen Welt nach der Seeküste hin und sah einen prächtigen Seehafen; und als ich hinzuging und hineinsah, siehe so waren da große und kleine Fahrzeuge, und in diesen Waren aller Art, und auf den Ruderbänken saßen Knaben und Mädchen, die sie denen, die davon wollten, austeilten und dabei sagten: Wir hoffen unsere schönen Schildkröten zu sehen, die jetzt gleich aus dem Meer zu uns heraufsteigen werden; und siehe da, ich sah große und kleine Schildkröten, auf deren Schalen und Schuppen junge Schildkrötchen saßen, die gegen die Inseln rings umher hinsahen. Die Schildkrötenväter hatten zwei Köpfe, einen großen, der mit einem Schild umgeben, und dem Schild ihres Leibes ähnlich war, und von dem aus sie einen rötlichen Schimmer von sich gaben; und einen kleinen, dergleichen die Schildkröten sonst haben, und den sie in den Vorderteil ihres Körpers zurückzogen, und dann auch auf unmerkliche Weise in ihren größeren Kopf hineinsteckten. Ich heftete aber meinen Blick auf den großen rötlichen Kopf, und sah, daß dieser ein Gesicht wie ein Mensch hatte, und mit den Knaben und Mädchen auf den Ruderbänken sprach und ihnen die Hände leckte; worauf dann die Knaben und Mädchen sie streichelten, und ihnen Eßwaren und schöne Sachen, und auch Kostbarkeiten gaben, als: seidene Zeuge zu Kleidern, wohlriechend Holz zu Hausgerät, Purpur zum Schmuck und Scharlachfarbe zur Schminke. Nachdem ich dies gesehen, wünschte ich zu wissen, was diese Dinge vorstellten; denn ich wußte, daß alles, was in der geistigen Welt erscheint, Entsprechung ist und etwas Geistiges vorstellt, das Gegenstand einer Neigung und hieraus des Denkens ist; und nun sprach man auch aus dem Himmel mit mir und sagte: Was das Schiffswerft, was die Fahrzeuge und was die Knaben und Mädchen auf den Ruderbänken vorstellen, weißt du; allein du weißt nicht, was die Schildkröten bedeuten. Sie sagten daher, die Schildkröten stellen diejenigen von der Geistlichkeit dort vor, die den Glauben gänzlich von der Liebe und ihren guten Werken trennen, indem sie sich darin bestärken, daß durchaus keine Verbindung zwischen denselben stattfinde, sondern der Heilige Geist, durch den Glauben an Gott den Vater um des Verdienstes Seines Sohnes willen, beim Menschen eingehe und sein Inwendiges reinige bis auf seinen eigenen Willen, aus dem sie eine Art von länglich runder Fläche machen, um welche die Wirksamkeit des Heiligen Geistes, wenn sie sich derselben nähert, von deren linken Seite her herumgehend sich ablenke, und sie gar nicht berühre; und daß so der inwendige oder obere Teil des menschlichen Geistes für Gott, der auswendige oder untere Teil aber für den Menschen sei, und auf diese Weise vor Gott nichts von dem, was der Mensch tut, erscheine, weder Gutes noch Böses; nicht das Gute, weil dieses auf Verdienst ausgehend sei, und nicht das Böse, weil dieses böse sei; denn würde jenes oder dieses vor Gott erscheinen, so würde der Mensch durch beides verlorengehen; daß daher, weil es hiermit diese Beschaffenheit habe, der Mensch wollen, denken, reden und tun dürfe, was ihn gelüstet, wenn er sich nur vor der Welt in acht nähme. Als ich fragte, ob sie auch behaupten, daß man von Gott denken dürfe, daß Er nicht allgegenwärtig und allwissend sei, war die Antwort aus dem Himmel, daß sie dies auch für erlaubt halten, weil Gott bei dem, der den Glauben erlangt hat, und durch diesen gereinigt und gerechtfertigt ist, gar nicht auf sein Denken und Wollen sehe; daß ein solcher den Glauben, den er im Akt desselben empfangen, im inwendigen Grund oder oberen Gebiete seines Gemüts oder Geistes immerhin behalte, und daß jener Akt zuweilen wiederkehren könne, ohne daß der Mensch es wisse. Dies sei das, was durch den kleinen Kopf vorgestellt worden sei, den sie in den Vorderteil des Leibes zurückziehen, und auch in den großen Kopf hineinstecken, wenn sie mit Laien sprechen; denn aus dem kleinen Kopf sprechen sie nicht mit diesen, sondern aus dem großen, der vorne wie mit einem Menschenangesicht erscheine; und zwar reden sie mit ihnen aus dem Wort von der Liebe, von der Liebtätigkeit, von den guten Werken, von den Zehn Geboten, von der Buße, und nehmen fast alles aus dem Wort auf, was dasselbe über diese Gegenstände enthält. Allein dann stecken sie den kleinen Kopf in den großen, und legen aus diesem inwendig bei sich den Sinn unter, daß man jenes alles nicht um Gottes und der Seligkeit, sondern bloß um des Wohles des Staates und der einzelnen willen tun müsse. Weil sie aber hierüber, besonders über das Evangelium, über das Wirken des Heiligen Geistes und über die Seligmachung angenehm und zierlich aus dem Wort reden, so erscheinen sie vor ihren Zuhörern als schöne Menschen, allen anderen in der ganzen Welt an Weisheit überlegen; weshalb du auch gesehen, daß ihnen von den Knaben und Mädchen, die auf den Ruderbänken der Fahrzeuge saßen, schöne und kostbare Sachen gegeben wurden. Dies sind nun die, welche du unter dem Bild der Schildkröten vorgestellt gesehen hast. In deiner Welt unterscheiden sie sich wenig, nämlich nur darin von anderen, daß sie sich für weiser als alle halten und andere auslachen, und zwar auch die, welche in der gleichen Lehre hinsichtlich des Glaubens, aber nicht in jenen Geheimnissen sind. Sie führen ein gewisses Zeichen bei sich an ihrem Kleid, wodurch sie machen, daß man sie von anderen unterscheiden kann. Der mit mir redete, sprach: Ich will dir nicht sagen, wie sie von den übrigen Dingen des Glaubens denken, als: von der Erwählung, vom freien Willen, von der Taufe, vom heiligen Abendmahl; denn es ist von der Art, daß sie es nicht unter die Leute kommen lassen; wir im Himmel jedoch wissen es. Weil sie aber in der Welt so beschaffen sind, und nach dem Tode keinem erlaubt ist, anders zu reden, als er denkt, sie aber alsdann nur aus dem Unsinn ihrer Gedanken reden können, so werden sie als Wahnsinnige angesehen, von den Gesellschaften ausgeworfen und zuletzt in den Brunnen des Abgrundes hinab verwiesen, von dem in der Offb.9/2 die Rede ist, und werden körperliche Geister, und erscheinen zuletzt wie ägyptische Mumien; denn das Inwendige ihres Geistes ist mit einer harten Haut überzogen, weil sie es auch in der Welt durch eine Einschließung abgeteilt hatten.

Die höllische Gesellschaft, die aus ihnen zusammengesetzt ist, grenzt an die höllische Gesellschaft, die aus Machiavellisten besteht. Sie gehen auch zuweilen von einer in die andere, und nennen sich Genossen, verlassen sie aber wieder, weil ein Unterschied zwischen ihnen ist, indem bei ihnen wenigstens Religionsmeinungen vom Akt der Rechtfertigung durch den Glauben waren, bei den Machiavellisten aber nichts dergleichen war.

Nachdem ich gesehen, wie sie von den Gesellschaften ausgestoßen und versammelt waren, um hinabgeworfen zu werden, erschien ein Fahrzeug in der Luft mit sieben Segeln fliegend, und in demselben Schiffsherren und Matrosen mit Purpurkleidern angetan und prächtigen Lorbeeren auf den Hüten; diese riefen: „Seht uns im Himmel! Wir sind bepurpurte Doktoren, und vor allen mit Lorbeeren bekränzt, weil wir die Häupter der Weisen unter der ganzen Geistlichkeit in Europa sind!“ Ich wunderte mich, was dies bedeuten sollte, und es ward mir aus dem Himmel gesagt, daß es Bilder der Aufgeblasenheit, und Gedankendinge, die man Phantasien heißt, von denen seien, die vorher als Schildkröten erschienen, und nun als Wahnsinnige von den Gesellschaften ausgestoßen und in eins verbunden seien, und an einem Ort stehen. Und nun verlangte ich mit ihnen zu sprechen und näherte mich dem Ort, wo sie standen, grüßte sie und sprach: Seid ihr die, welche das Innere der Menschen von ihrem Äußeren, und die Wirksamkeit des Heiligen Geistes, sofern sie sich im Glauben äußere, von seinem Zusammenwirken mit dem Menschen, sofern dieses außerhalb des Glaubens sei, getrennt, und so Gott vom Menschen geschieden haben? Habt ihr nicht auf diese Weise nicht bloß die Liebtätigkeit und deren Werke vom Glauben entfernt, wie viele andere Doktoren unter der Geistlichkeit, sondern auch den Glauben selbst in Ansehung seines Offenbarwerdens vor Gott vom Menschen? Sagt mir, wollt ihr, daß ich aus der Vernunft, oder nach der Heiligen Schrift darüber mit euch rede? Sie sagten: Rede mit uns zuerst aus der Vernunft! Da nahm ich das Wort und sprach: Wie kann das Innere und Äußere beim Menschen getrennt werden? Wer sieht oder kann nicht vermöge des gewöhnlichen Menschenverstandes einsehen, daß alles Inwendige des Menschen seine Richtung nimmt und stetig fortläuft nach seinem Auswendigen hin und bis zu seinem Äußersten, um seine Wirkungen hervorzubringen und seine Werke zu wirken? Ist nicht das Innere des Äußeren wegen da, um sich in dasselbe zu endigen, auf ihm zu stehen, und so in Erscheinung zu treten, kaum anders als die Säule auf ihrem Fußgestell ruht? Ihr könnt einsehen, daß, wenn kein stetiger Zusammenhang und dadurch eine Verbindung wäre, das Äußerste sich auflösen und wie Blasen in der Luft zerfließen würde. Wer kann leugnen, daß es Myriaden von Myriaden inwendiger Wirkungen Gottes beim Menschen gibt, von denen der Mensch nichts weiß? Und was nützte es ihm auch, wenn er sie wüßte? Ist es ja genug, daß er das Äußerste weiß, in dem er mit seinem Denken und Wollen mit Gott zugleich ist; doch dies soll durch ein Beispiel erläutert werden: „Weiß der Mensch wohl die inwendigen Wirkungen seiner Rede, wie z.B. die Lunge die Luft anzieht, die Bläschen, die Luftröhrenäste und die Lungenlappen damit anfüllt, wie sie diese Luft in die Luftröhre herausstößt, und in dieser zum Ton bildet, wie dieser Ton, mittelst des Luftröhrenkopfes, in der Stimmritze sich besonders gestaltet, und wie die Zunge hernach ihn artikuliert und die Lippen diese Artikulation vollenden, damit sie zur Rede werde? Sind nicht alle diese inwendigen Wirkungen, von denen der Mensch nichts weiß, um des Äußersten willen da, daß der Mensch reden könne? Entferne oder trenne nur eines jener inneren Wirkungen von seinem stetigen Zusammenhang mit dem Äußersten, ob dann der Mensch nicht ebenso wenig reden könnte als ein Klotz? Doch noch ein Beispiel! Die zwei Hände sind die äußersten Teile des Menschen; nimmt nicht das Inwendige, das bis zu ihnen fortläuft, seine Richtung vom Kopf durch den Nacken, von da durch die Brust, die Schultern, die Arme und die Ellenbogen, und sind nicht unzählige Muskelgewebe da, unzählige Reihen von Bewegfibern, unzähligen Nervenbüschel und Blutgefäße, so manche Knochengelenke mit ihren Häuten und Bändern? Weiß der Mensch irgend etwas von diesen, und sind nicht gleichwohl seine Hände in Wirksamkeit durch alle und jede derselben?

Man nehme an, jenes Inwendige nehme seine Richtung um das Handgelenk herum nach der Linken oder Rechten hin, ohne in stetigem Lauf [in die Hand] einzugehen; würde dann nicht die Hand vom Vorderarm abfallen, und als etwas Abgerissenes, Lebloses verfaulen? Ja, wenn ihr es glauben wollt, es verhielte sich gerade wie mit dem Leib eines Menschen, der enthauptet wird. Ganz der gleiche Fall wäre mit dem menschlichen Gemüt und seinen beiden Leben, dem Willen und Verstand, wenn die göttlichen Einwirkungen, welche die des Glaubens und der Liebtätigkeit sind, mitten im Wege stehen blieben und nicht in stetigem Zug bis zum Menschen sich erstreckten; gewiß, der Mensch wäre dann nicht bloß ein vernunftloses Tier, sondern ein fauliger Klotz. Dies wäre nach der Vernunft. Wollt ihr es nun hören, so ist ebendasselbe auch der Heiligen Schrift gemäß: Sagt nicht der Herr: „Bleibet in Mir, und Ich in euch!

Ich bin der Weinstock und ihr die Reben: wer in Mir bleibt, und Ich in ihm, der bringt viele Frucht“: Joh.15/4,5. Sind nicht die Früchte die guten Werke, die der Herr durch den Menschen, und die der Mensch aus sich vom Herrn tut? Der Herr sagt auch, „daß Er vor der Türe stehe und anklopfe, und daß Er zu dem, der Ihm öffnet, eingehe und Abendmahl mit demselben halte, und dieser mit Ihm“: Offb.3/20. „Gibt nicht der Herr Minen und Talente, damit der Mensch Geschäfte damit treibe und etwas gewinne, und Er jedem, Jesajah nachdem er gewinnt, das ewige Leben gebe?“: Matth.25/14-34; Luk.19/13-26. Ferner, „daß Er jedem Lohn gebe gemäß seiner Arbeit in Seinem Weinberg?“: Matth.20/1-17. Doch dies ist weniges; es könnten aber ganze Bogen mit Stellen aus dem Wort angefüllt werden, die sagen, daß der Mensch Früchte bringen soll wie ein Baum, und daß er den Geboten gemäß wirken, Gott und den Nächsten lieben soll, und dergleichen mehr. Allein ich weiß, daß euer eigener Verstand nichts mit dem, was aus dem Wort, wie dieses an sich ist, gemein haben kann; denn wenn ihr gleich so sprecht, so wird es doch immer von euren Vorstellungen verkehrt; und ihr könnt auch nicht anders, weil ihr alles, was Gottes ist, in Beziehung auf die Gemeinschaft und somit auch die Verbindung vom Menschen entfernt. Was bleibt aber dann übrig, als daß ihr auch alles entfernet, was zur Gottesverehrung gehört? - Nachher erschienen sie mir im Licht des Himmels, welches aufdeckt und offenbart, welcher Art ein jeder ist; und da erschienen sie nicht wie vorher in einem Fahrzeug in der Luft, als ob sie im Himmel wären, und nicht in purpurnen Gewändern, noch mit Lorbeeren das Haupt umkränzt, sondern auf einem sandigen Boden und in zerlumpten Kleidern, und mit Netzen, die wie Fischernetze aussahen, die Lenden umgürtet, durch die ihre Blöße hindurchschien; und darauf wurden sie hinabgelassen in die Gesellschaft, die an der Grenze der Machiavellisten war.