Die Liebtaetigkeit oder die Naechstenliebe und die guten Werke  

392. Es ist vom Glauben gehandelt worden, nun folgt von der Liebtätigkeit, weil der Glaube und die Liebtätigkeit verbunden sind wie das Wahre und Gute, und diese beiden wie das Licht und die Wärme zur Zeit des Frühlings; so wird gesagt, weil das geistige Licht, welches das Licht ist, das aus der Sonne der geistigen Welt hervorgeht, seinem Wesen nach das Wahre ist, weshalb das Wahre in jener Welt, wo immer es erscheint, Jesajah nach seiner Reinheit mit Glanz leuchtet, und die geistige Wärme, die gleichfalls aus jener Sonne hervorgeht, ihrem Wesen nach das Gute ist. Dies ist gesagt worden, weil es sich mit der Liebtätigkeit und dem Glauben in ähnlicher Weise verhält, wie mit dem Guten und Wahren; denn die Liebtätigkeit ist der Inbegriff aller Dinge des Guten, die der Mensch dem Nächsten erweist, und der Glaube ist der Inbegriff aller Dinge des Wahren, die der Mensch denkt über Gott und über die göttlichen Dinge.

Da also das Wahre des Glaubens geistiges Licht und das Gute der Liebtätigkeit geistige Wärme ist, so folgt, daß es die gleiche Bewandtnis hat mit diesen beiden, wie mit den beiden Dingen desselben Namens in der natürlichen Welt, daß nämlich [wie] infolge der Verbindung der letzteren alles auf Erden blüht, so in gleicher Weise infolge der Verbindung jener alles im menschlichen Gemüt blüht; jedoch mit dem Unterschied, daß auf der Erde das Erblühen bewirkt wird durch natürliche Wärme und natürliches Licht, im menschlichen Gemüt aber das Erblühen bewirkt wird durch geistige Wärme und geistiges Licht, und daß dieses Erblühen, weil es geistig ist, Weisheit und Einsicht ist. Es besteht auch ein Entsprechungsverhältnis zwischen ihnen; weshalb das menschliche Gemüt, in dem die Liebtätigkeit mit dem Glauben, und der Glaube mit der Liebtätigkeit verbunden ist, im Wort einem Garten verglichen, und auch verstanden wird unter dem Garten Eden. Daß dem so ist, ist in den zu London herausgegebenen »Himmlischen Geheimnissen« vollständig nachgewiesen worden. Weiter ist zu wissen, daß, wofern nicht gehandelt wird von der Liebtätigkeit, nachdem gehandelt worden ist vom Glauben, nicht begriffen werden kann, was der Glaube ist, weil, wie im vorhergehenden Kapitel gesagt und gezeigt worden ist, der Glaube ohne Liebtätigkeit nicht Glaube, noch die Liebtätigkeit ohne Glauben Liebtätigkeit ist, und beide nur vom Herrn her leben, Nr. 355-361. Ferner, daß der Herr, die Liebtätigkeit und der Glaube eins ausmachen, wie das Leben, der Wille und der Verstand, und daß, wenn sie geteilt werden, jegliches zugrunde geht, wie eine in Staub zerfallene Perle, Nr. 362-367, und überdies, daß die Liebtätigkeit und der Glaube beisammen sind in den guten Werken, Nr. 373f.

393. Unverbrüchliche Wahrheit ist, daß der Glaube und die Liebtätigkeit nicht getrennt werden können, wenn dem Menschen geistiges Leben, und somit Seligkeit zuteil werden soll; daß dem so ist, fällt von selbst in den Verstand eines jeden Menschen ein, auch wenn er nicht durch Talente und Minen wissenschaftlicher Bildung gehoben worden ist. Wer sieht nicht aus einer gewissen inneren Anschauung, und stimmt folglich nicht mit dem Verstand bei, wenn er jemand sagen hört, daß, wer gut lebt und recht glaubt, selig werde? Und wer wirft es nicht aus dem Verstand, wie einen ins Auge gefallenen Splitter, aus, wenn er hört, daß, wer recht glaubt, und nicht gut lebt, auch selig werde? Denn es dringt sich ihm infolge inwendiger Wahrnehmung sogleich der Gedanke auf: wie kann jemand recht glauben, während er doch nicht gut lebt, und was ist alsdann das Glauben anderes, als die Figur eines gemalten Glaubens, und nicht ein lebendiges Bild desselben? Ebenso, wenn jemand hörte, daß, wer gut lebt, obgleich er nicht glaubt, selig werde, muß nicht der Verstand, wenn er dieses hin und her bewegt oder erwägt, sehen, wahrnehmen und denken, daß auch dies nicht zusammen hänge, weil das gut leben aus Gott ist; denn alles Gute, das an sich gut, ist aus Gott; was ist alsdann gut leben und nicht glauben anderes, als Ton in der Hand des Töpfers, der sich nicht bilden läßt zu einem brauchbaren Gefäß im geistigen Reich, sondern nur im natürlichen Reich? Und überdies, wer sieht nicht den inneren Widerspruch in jenen beiden Sätzen, nämlich in dem, daß selig werde wer glaubt und nicht gut lebt, und dann in dem, daß selig werde wer gut lebt und nicht glaubt? Da man nun, was gut leben, d.h. was tätige Liebe ist, heutzutage weiß und nicht weiß, sofern man weiß was das natürlich-gute Leben, und nicht weiß, was das geistig-gute Leben ist, so soll von diesem, weil es das der Liebtätigkeit ist, gehandelt werden, was der Reihe nach, gehörig geschieden durch Abschnitte, geschehen wird.