V. Die Lehre der Kirche soll aus dem Buchstabensinn des Wortes geschöpft und durch ihn begründet werden  

225. Im vorhergehenden Abschnitt ist gezeigt worden, daß das Wort im Buchstabensinn in seiner Fülle, in seinem Heiligtum und in seiner Macht sei; und daß der Herr das Wort, und der Erste und der Letzte ist, wie Er selbst sagt in der Offb.1/17, so folgt, daß der Herr in diesem Sinne ganz besonders gegenwärtig ist, und daß Er aus demselben den Menschen lehrt und erleuchtet. Doch dies soll in folgender Ordnung bewiesen werden:

I. Das Wort ohne Lehre wird nicht verstanden.

II. Die Lehre muß aus dem Buchstabensinn des Wortes geschöpft werden.

III. Das göttliche Wahre, das Gegenstand der Lehre ist, wird nur solchen sichtbar werden, die in der Erleuchtung vom Herrn sind.

226. I. Das Wort ohne Lehre wird nicht verstanden, weil das Wort im Buchstabensinn aus lauter Entsprechungen besteht, zu dem Ende, damit die geistigen und die himmlischen Dinge in ihm beisammen seien, und jedes Wort eine Hülle und Stütze derselben sei; um deswillen sind die göttlichen Wahrheiten im Buchstabensinn selten nackte, sondern bekleidete Wahrheiten, welche Scheinbarkeiten des Wahren genannt werden, und vieles ist der Fassungskraft der Einfältigen angepaßt, welche die Gedanken nicht über die Dinge, die sie vor Augen sehen, erheben; und einiges, was als Widerspruch erscheint, während es doch im Wort, wenn man es in seinem geistigen Licht betrachtet, keinen Widerspruch gibt; auch sind in einigen Stellen bei den Propheten Namen von Orten und Personen zusammengestellt, aus denen kein Sinn herausgebracht werden kann. Da nun also das Wort im Buchstabensinn diese Beschaffenheit hat, so kann erhellen, daß es ohne Lehre nicht verstanden werden kann, doch Beispiele mögen dies beleuchten: es heißt, daß es Jehovah gereue: 2Mo.32/12,14; Jon.3/9; 4/2; und es heißt auch, daß es Jehovah nicht gereue: 4Mo.23/19; 1Sa.15/29. Dies läßt sich ohne Lehre nicht vereinigen. Es heißt, daß Jehovah die Missetat der Väter heimsuche an den Söhnen bis ins dritte und vierte Glied: 4Mo.14/18; es heißt aber auch, der Vater solle nicht um des Sohnes, und der Sohn nicht um des Vaters willen, sondern jeglicher in seiner Sünde sterben: 5Mo.24/16; dies widerspricht sich nicht, sondern stimmt zusammen nach der Lehre. Jesus sagt: „Bittet, so wird euch gegeben werden, suchet, so werdet ihr finden und dem, der anklopft wird aufgetan werden: Matth.7/7,8; 21/21,22; ohne Lehre würde man glauben, es werde jeder empfangen was er bittet; aus der Lehre aber weiß man, daß das, was der Mensch aus dem Herrn bittet gegeben wird; dies lehrt auch der Herr: „Wenn ihr in Mir bleibt und Meine Worte in euch bleiben, so bittet was ihr wollt, und es wird euch werden“: Joh.15/7. Der Herr sagt: „Selig sind die Armen, denn ihrer ist das Himmelreich“: Luk.6/20; ohne Lehre könnte man denken, der Himmel sei für die Armen und nicht für die Reichen; die Lehre aber lehrt, daß die Armen am Geiste verstanden werden, denn der Herr sagt: „Selig sind die Armen am Geist, denn ihrer ist das Himmelreich“: Matth.5/3. Weiter sagt der Herr: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet; denn mit welcherlei Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden“: Matth.7/1,2; Luk.6/37; ohne Lehre könnte jemand verleitet werden, damit zu begründen, daß man über den Bösen nicht urteilen dürfe, daß er böse sei; allein nach der Lehre darf man urteilen, jedoch gerecht; denn der Herr sagt: „Richtet ein gerechtes Gericht“: Joh.7/24. Jesus sagt: „Laßt euch nicht Lehrer nennen, denn Einer ist euer Lehrer, Christus; nennet niemanden auf Erden euren Vater; denn Einer ist euer Vater, Der in den Himmeln; laßt euch auch nicht Meister nennen, denn Einer ist euer Meister, Christus“: Matth.23/8-10; ohne Lehre hieße dies, man dürfe niemand Lehrer, Vater, Meister heißen; aus der Lehre aber weiß man, daß man es darf im natürlichen Sinn, nur nicht im geistigen. Jesus sagte zu den Jüngern: „Wenn des Menschen Sohn sitzen wird auf dem Throne Seiner Herrlichkeit, so werdet auch ihr sitzen auf zwölf Thronen, und richten die zwölf Stämme Israels“: Matth.19/28; aus diesen Worten könnte man schließen, daß auch die Jünger des Herrn richten werden, während sie doch niemanden richten können; die Lehre nun wird dies Geheimnis dahin enthüllen, daß allein der Herr, Welcher der Allwissende ist und aller Herzen kennt, richten wird und richten kann, und daß unter Seinen zwölf Jüngern verstanden wird die Kirche hinsichtlich alles Wahren und Guten, das sie vom Herrn durch das Wort hat; woraus die Lehre schließt, daß diese jeglichen richten werden, gemäß den Worten des Herrn bei Joh.3/17,18; 12/47,48. Diesen ähnlich sind viele andere Stellen im Wort, aus denen deutlich erhellt, daß das Wort ohne Lehre nicht verstanden wird.

227. Das Wort wird mittelst der Lehre nicht nur verstanden, sondern leuchtet auch im Verstand, denn es ist wie ein Leuchter mit angezündeten Lichtern; der Mensch sieht alsdann mehr, als er früher gesehen hatte, und versteht auch Dinge, die er früher nicht verstanden hatte; das Dunkle und Nichtübereinstimmende sieht er entweder nicht und übergeht es, oder er sieht es und erklärt es so, daß es mit der Lehre zusammenstimmt.

Daß das Wort aus der Lehre angesehen und auch nach ihr erklärt wird, bezeugt die Erfahrung in der christlichen Welt: alle Protestanten sehen das Wort aus ihrer Lehre und erklären das Wort derselben gemäß; ebenso die Päpstlichen aus der ihrigen und derselben gemäß; ja auch die Juden aus der ihrigen und derselben gemäß; folglich Falsches aus der falschen Lehre, und Wahres aus der wahren Lehre. Hieraus erhellt, daß die wahre Lehre wie eine Leuchte in der Finsternis und wie ein Wegweiser an den Wegen ist.

228. Hieraus kann man sehen, daß diejenigen, welche das Wort ohne Lehre lesen, in Ansehung aller Wahrheit im Dunkeln sind, und daß ihr Gemüt unstet und ungewiß zu Irrtümern geneigt, und auch für Ketzereien zugänglich ist, die sie auch wirklich annehmen, wenn Gunst oder Ansehen winkt, und der Ruf nicht gefährdet ist; denn das Wort ist ihnen wie ein Leuchter ohne Licht, und sie meinen im Schatten vieles zu sehen, während sie doch kaum etwas sehen; denn die Lehre allein ist die Leuchte. Ich sah, wie dergleichen von den Engeln geprüft, und als solche erfunden wurden, die alles, was sie wollten, aus dem Wort begründen konnten, und vor allem solches begründen, was mit ihrer Liebe zu sich und mit der Liebe zu denen zusammenhängt, denen sie günstig sind; ich sah sie aber von Kleidern entblößt, zum Zeichen, daß sie ohne Wahrheiten waren; die Kleider sind dort die Wahrheiten.

229. II. Die Lehre soll aus dem Buchstabensinn des Wortes geschöpft, und durch diesen begründet werden.

Und dies darum, weil der Herr in diesem gegenwärtig ist, und lehrt und erleuchtet; denn der Herr wirkt nirgends etwas, als in der Fülle, und das Wort ist, wie eben gezeigt worden, im Buchstabensinn in seiner Fülle; daher kommt, daß die Lehre aus dem Buchstabensinn geschöpft werden soll. Die Lehre des echten Wahren kann auch wirklich aus dem buchstäblichen Sinn des Wortes vollständig geschöpft werden; denn das Wort ist in diesem Sinn wie ein bekleideter Mensch, dessen Gesicht bloß ist, und dessen Hände bloß sind. Alles, was zum Glauben und Leben des Menschen, somit was zu seinem Heil gehört, ist in ihm unbekleidet, das übrige aber bekleidet; und in vielen Stellen, in denen Bekleidetes ist, scheint es durch, wie die aufstoßenden Gegenstände durch den dünnen Schleier vor dem Gesicht einer Frau. In dem Verhältnis, wie die Wahrheiten des Wortes infolge der Liebe zu ihnen vervielfältigt, und so durch diese geordnet werden, leuchten sie auch heller und heller durch, und kommen zum Vorschein.

230. Man könnte glauben, die Lehre des echten Wahren lasse sich erwerben durch den geistigen Sinn des Wortes, der durch die Wissenschaft der Entsprechungen gegeben wird; allein die Lehre wird durch denselben nicht erworben, sondern nur beleuchtet und befestigt; denn der Mensch kann, wie schon oben Nr. 208 gesagt worden ist, durch einige bekannte Entsprechungen das Wort verfälschen, indem er sie verbindet und anwendet zur Begründung dessen, was in seinem Gemüt infolge eines vorgefaßten Grundsatzes festsitzt. Überdies wird der geistige Sinn keinem gegeben, als vom Herrn allein, und wird von Ihm bewacht, wie der Engelhimmel bewacht wird, denn dieser ist in jenem.

231. III. Das echte Wahre, das Gegenstand der Lehre sein soll, erscheint im Buchstabensinn des Wortes keinen anderen, als denen, die in der Erleuchtung vom Herrn sind.

Die Erleuchtung ist vom Herrn allein, und bei denen, welche die Wahrheiten lieben, weil sie wahr sind, und sie auf das Leben anwenden; bei anderen findet keine Erleuchtung im Wort statt. Die Erleuchtung kommt aber vom Herrn allein, weil das Wort von Ihm ist, und somit Er in diesem ist. Daß die Erleuchtung denen zuteil wird, welche die Wahrheiten lieben, weil sie wahr sind, und sie auf das Leben anwenden, hat seinen Grund darin, daß diese im Herrn sind und der Herr in ihnen; denn der Herr ist die Wahrheit selbst, wie dies im Kapitel vom Herrn gezeigt worden ist; und der Herr wird alsdann geliebt, wenn man nach Seinen göttlichen Wahrheiten lebt, somit wenn man sie anwendet, gemäß den Worten bei Joh.14/20,21,23: „An jenem Tage werdet ihr erkennen, daß ihr in Mir seid und Ich in euch; wer Meine Gebote hat und sie tut, der liebt Mich, und Ich werde ihn lieben und Mich ihm offenbaren, und zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen“. Diese sind es, welche in der Erleuchtung sind, wenn sie das Wort lesen und bei denen das Wort leuchtet und durchsichtig ist. Daß das Wort bei ihnen leuchtet und durchsichtig ist, kommt daher, daß dem einzelnen des Wortes ein geistiger und himmlischer Sinn innewohnt, und diese Sinne im Licht des Himmels sind; weshalb der Herr durch sie und ihr Licht in den natürlichen Sinn des Wortes und in dessen Licht beim Menschen einfließt; daher der Mensch aus tieferem Innewerden das Wahre anerkennt und hernach in seinem Denken es sieht, und dies so oft, als er in der Neigung zum Wahren um des Wahren willen ist; denn aus der Neigung kommt das Innewerden, und aus dem Innewerden das Denken, und so entsteht die Anerkennung, welche Glaube heißt.

232. Das Gegenteil geschieht denen, welche aus der Lehre einer falschen Religion heraus das Wort lesen, und noch mehr denen, welche diese Lehre aus dem Wort begründen und dabei ihr Absehen auf ihre Verherrlichung und auf die Güter der Welt haben; bei diesen sind die Wahrheiten des Wortes wie im Schatten der Nacht, und das Falsche wie im Licht des Tages. Sie lesen die Wahrheiten, allein sie sehen dieselben nicht, und wenn sie deren Schatten sehen, so verfälschen sie dieselben. Sie sind diejenigen, von denen der Herr sagt: „sie haben Augen und sehen nicht, und Ohren und verstehen nicht“: Matth.13/14,15.

Daher wird ihr Licht in den geistigen Dingen, die zur Kirche gehören, bloß natürlich, und der Blick ihres Geistes wie der Blick dessen, der im Bett beim Erwachen Gespenster sieht, oder wie der eines Nachtwandlers, der sich wach glaubt, während er schläft.

233. Es ward mir gegeben, mit vielen nach ihrem Tode zu reden, welche geglaubt hatten, sie würden wie Sterne im Himmel leuchten, weil sie, wie sie sagten, das Wort heilig gehalten, es öfter durchgelesen, und vieles daraus gesammelt hatten, wodurch sie die Lehrbestimmungen ihres Glaubens begründeten, und deshalb als Gelehrte gefeiert wurden, infolgedessen sie glaubten, sie würden Michaele und Raphaele werden; allein viele von ihnen wurden geprüft, aus welcher Liebe sie sich mit dem Wort beschäftigt hatten, und man fand, daß einige es aus Liebe zu sich getan hatten, um als Häupter der Kirche verehrt zu werden, und einige aus Liebe zur Welt, um Reichtümer zu gewinnen; und als man diese noch weiter prüfte, was sie aus dem Wort wüßten, zeigte sich, daß sie nichts echt Wahres aus demselben wußten, sondern nur solches, das man verfälschtes Wahre nennt, was an sich fauliges Falsches ist; denn im Himmel hat es einen üblen Geruch. Und es ward ihnen gesagt, dies hätten sie darum so, weil sie selbst und die Welt ihnen, während sie das Wort lasen, die Endzwecke waren, nicht aber das Wahre des Glaubens und das Gute des Lebens; und wenn sie selbst und die Welt die Zwecke sind, so hängt das Gemüt während des Lesens des Wortes an ihnen selbst und der Welt, und denkt daher fortwährend aus seinem Eigenen, und das Eigene des Menschen ist in Finsternis hinsichtlich auf alles, was den Himmel und die Kirche betrifft; und in diesem Zustand kann der Mensch nicht vom Herrn herausgeführt und in das Licht des Himmels erhoben werden, mithin auch keinen Einfluß vom Herrn durch den Himmel in sich aufnehmen. Ich sah auch, wie diese in den Himmel eingelassen, und als man dort fand, daß sie ohne Wahrheiten wahren, hinabgeworfen wurden; dennoch aber blieb bei ihnen der Dünkel zurück, daß sie denselben verdient hätten. Anders ward es mit denen, die im Wort geforscht hatten aus dem Verlangen das Wahre zu wissen weil es wahr ist und den Zwecken des Lebens dient, nicht bloß des ihrigen, sondern auch desjenigen ihres Nächsten. Diese sah ich in den Himmel und so in das Licht, in dem das göttliche Wahre dort ist, erhöht, und zugleich dann erhoben in die Engelweisheit und in deren Glückseligkeit, in der die Engel des Himmels sind.