VIII. Die Kirche entsteht durch das Wort, und dieselbe ist beim Menschen so beschaffen, wie sein Verständnis des Wortes beschaffen ist  

243. Daß die Kirche aus dem Wort entstehe, unterliegt keinem Zweifel; denn es ist oben bewiesen worden, daß das Wort das göttliche Wahre ist, Nr. 189 - 192; daß aus dem Wort die Lehre der Kirche komme: Nr. 225 - 233, und daß durch das Wort eine Verbindung mit dem Herrn statthabe: Nr. 234 - 239.

Daß aber das Verständnis des Wortes die Kirche mache, das könnte in Zweifel gezogen werden, weil es solche gibt, die glauben, sie gehören zur Kirche, weil sie das Wort haben, es lesen oder vom Prediger hören, und etwas aus seinem buchstäblichen Sinn wissen; wie aber dieses und jenes im Wort zu verstehen sei, wissen sie nicht, und einige legen auch keinen so großen Wert darauf; weshalb denn hier dargetan werden soll, daß nicht das Wort die Kirche macht, sondern das Verständnis desselben, und daß die Kirche so beschaffen ist, wie das Verständnis des Wortes bei denen, die in der Kirche sind, beschaffen ist.  

244. Daß die Kirche dem Verständnis des Wortes gemäß ist, hat seinen Grund darin, daß die Kirche sich den Wahrheiten des Glaubens und dem Guten der Liebtätigkeit gemäß verhält, und diese beiden das Universelle sind, das nicht nur durch den ganzen buchstäblichen Sinn des Wortes verbreitet ist, sondern auch inwendig in ihm verborgen liegt wie die Kostbarkeiten in den Schatzkammern. Vor jedem Menschen erscheinen die im buchstäblichen Sinn desselben enthaltenen Dinge, weil sie unmittelbar in die Augen fallen; was hingegen im geistigen Sinn verborgen liegt, das erscheint nur denen, welche die Wahrheiten lieben, weil sie wahr sind, und das Gute tun, weil es gut ist; vor diesen offenbart sich der Schatz, den der buchstäbliche Sinn verhüllt und hütet; und dieses ist es, was wesentlich die Kirche macht.

245. Daß die Kirche sich ihrer Lehre gemäß verhält, und daß die Lehre aus dem Wort ist, ist bekannt; dennoch aber ist es nicht die Lehre, welche die Kirche gründet, sondern die Lauterkeit und Reinheit der Lehre, folglich das Verständnis des Wortes. Die besondere Kirche aber, die beim Menschen im einzelnen ist, gründet und macht nicht die Lehre, sondern der Glaube und das Leben gemäß demselben; ebensowenig ist es das Wort, was die Kirche im besonderen beim Menschen gründet und ausmacht, sondern der Glaube gemäß den Wahrheiten, und das Leben nach dem Guten, das er daraus schöpft und auf sich anwendet. Das Wort ist wie eine Fundgrube, in deren Tiefe Gold und Silber in aller Menge liegt, und wie eine Grube, in der tiefer und tiefer hinein edle und immer edlere Steine liegen; diese Gruben werden geöffnet je nach dem Verständnis des Wortes. Ohne das Verständnis des Wortes, wie es an sich, in seinem Schoß und in seiner Tiefe ist, würde es ebensowenig die Kirche beim Menschen ausmachen, als jene Bergwerke in der asiatischen Welt einen Europäer reich machen; anders aber wäre es, wenn er zu den Besitzern und Gewerken derselben gehörte. Das Wort bei denen, welche die Wahrheiten des Glaubens und das Gute des Lebens daraus erforschen, ist wie die Schätze beim König von Persien, oder beim Großmogul und dem Kaiser von China, und die Menschen der Kirche wie die Aufseher derselben, denen die Erlaubnis erteilt ist, für ihren Gebrauch davon zu nehmen, so viel ihnen beliebt. Diejenigen hingegen, welche das Wort bloß besitzen und es lesen, ohne jedoch die echten Wahrheiten für den Glauben, und das echte Gute für das Leben aufzusuchen, sind wie diejenigen, welche aus den Zeitungen wissen, daß so große Schätze sich dort befinden, gleichwohl aber keinen Heller davon erhalten. Diejenigen, welche das Wort besitzen und doch kein Verständnis des echten Wahren und keinen Willen zum echten Guten daraus schöpfen, sind wie die, welche sich für reich halten wegen des von anderen erborgten Vermögens, oder für Gutsbesitzer wegen der Ländereien, Häuser und Waren anderer; daß dies leere Einbildung ist, sieht jeder. Sie gleichen auch denen, die in prächtigen Kleidern einhergehen, in vergoldeten Wagen mit Dienerschaft hinten und auf den Seiten und mit Vorläufern fahren, während doch von all diesem nichts ihr Eigentum ist.

246. Von dieser Art war das jüdische Volk; weshalb dasselbe, weil es das Wort besaß, vom Herrn einem Reichen verglichen wurde, der mit Purpur und Byssus angetan war und alle Tage herrlich lebte,

und doch aus dem Wort nicht so viel Wahres und Gutes geschöpft hatte, um sich des armen Lazarus zu erbarmen, der mit Schwären bedeckt, vor seiner Türe lag. Dieses Volk eignete sich nicht nur keinerlei Wahrheiten aus dem Wort an, sondern Falsches in solcher Menge, daß ihnen zuletzt nichts Wahres mehr sichtbar wurde; denn die Wahrheiten werden durch das Falsche nicht nur verdeckt, sondern auch ausgelöscht und verworfen; daher kam es, daß sie auch den Messias nicht anerkannten, obgleich alle Propheten Seine Ankunft verkündigt hatten.

247. In vielen Stellen bei den Propheten wird die Kirche beim israelitischen und jüdischen Volk beschrieben, daß sie nämlich völlig zerstört und vernichtet worden sei dadurch, daß sie den Sinn oder das Verständnis des Wortes verfälscht hatten; denn nichts anderes zerstört die Kirche. Das Verständnis des Wortes, sowohl das wahre, als das Falsche, wird bei den Propheten unter Ephraim beschrieben, besonders bei Hosea; denn durch Ephraim wird im Wort das Verständnis des Wortes in der Kirche bezeichnet. Weil das Verständnis des Wortes die Kirche bildet, so wird Ephraim genannt der köstliche Sohn und das Kind des Vergnügens: Jer.31/20; der Erstgeborene: Jer.31/9; die Stärke des Hauptes Jehovahs: Ps.60/9; 108/9; der Mächtige: Sach.10/7; der mit gefülltem Bogen: Sach.9/13; und die Söhne Ephraims werden genannt Bewaffnete und Bogenschützen: Ps.78/9, denn durch den Bogen wird die gegen das Falsche kämpfende Lehre aus dem Wort bezeichnet. Darum auch ward Ephraim zur Rechten Israels versetzt und gesegnet, und dann auch an die Stelle Rubens aufgenommen: 1Mo.48/5,11f; deshalb auch wurde Ephraim mit seinem Bruder Menasse von Moses bei Segnung der Kinder Israels unter dem Namen Josephs, ihres Vaters, über alle erhöht: 5Mo.33/13-17. Wie aber die Kirche beschaffen ist, wenn das Verständnis des Wortes verlorengegangen ist, wird auch unter Ephraim beschrieben bei den Propheten, besonders bei Hosea, wie in folgenden Stellen: „Es werden Israel und Ephraim zusammenstürzen. Ephraim wird zur Öde werden.

Ephraim ist unterdrückt und im Gericht erschüttert“: Hos.5/5,9,11-14. „Was soll Ich dir tun, Ephraim, da deine Heiligkeit vergeht wie das Gewölk der Morgenröte, und wie der Tau, der in der Frühe fällt“: Hos.6/4. „Sie werden nicht im Land Jehovahs wohnen, umkehren wird Ephraim nach Ägypten, und in Assyrien Unreines essen“: Hos.9/3. Das Land Jehovahs ist die Kirche, Ägypten ist das Wissen des natürlichen Menschen; Assyrien ist das Vernünfteln daraus, und durch diese beiden zusammen wird das Wort hinsichtlich seines tieferen Verständnisses verfälscht; darum heißt es, Ephraim werde zurückkehren nach Ägypten und in Assyrien Unreines essen. „Ephraim weidet sich am Wind und verfolgt den Morgenwind; jeden Tag macht es des Lügens und Verwüstens mehr; mit Assyrien schließt es einen Bund, und Öl wird nach Ägypten abgeführt“: Hos.12/2. Sich am Wind weiden, den Morgenwind verfolgen und die Lüge und Verwüstung vervielfältigen, heißt die Wahrheiten verfälschen und so die Kirche zerstören.

Ähnliches wird auch bezeichnet durch die Unzucht Ephraims; denn die Unzucht bedeutet die Verfälschung des Verständnisses des Wortes, das heißt, seines echten Wahren; so in folgenden Stellen: „Ich kenne Ephraim, daß es in alle Wege Unzucht getrieben hat, und Israel befleckt worden ist“: Hos.5/3. „Im Hause Israels sah ich Schändliches, Unzucht trieb dort Ephraim, und Israel befleckte sich“: Hos.6/10. Israel ist die Kirche selbst, und Ephraim ist das Verständnis des Wortes, aus dem und nach dem sie Kirche ist; weshalb gesagt wird, daß Ephraim Unzucht getrieben und Israel sich befleckt habe. Weil die Kirche beim israelitischen und jüdischen Volke durch Verfälschungen des Wortes völlig zerstört war, darum wird von Ephraim gesagt: „Ich will dich machen, Ephraim, Ich will dich übergeben, Israel, wie Adama, und wie Zeboim dich hinstellen“: Hos.11/8. Weil nun bei dem Propheten Hosea vom ersten Kapitel bis zum letzten von der Verfälschung des echten Verständnisses des Wortes und von der Zerstörung der Kirche durch dieselbe gehandelt worden ist, und weil durch die Unzucht bezeichnet wird die Verfälschung des Wahren darin, darum ward jenem Propheten befohlen, den Zustand der Kirche dadurch vorzubilden, daß er eine Hure zum Weibe nehmen und Söhne mit ihr zeugen sollte: Hos.Kap.1; und wieder, daß er eine Ehebrecherin zum Weibe nehmen sollte: Hos.Kap.3. Diese Dinge sind angeführt worden, damit man aus dem Wort wisse und begründe, daß die Kirche so beschaffen ist, wie das Verständnis des Wortes in ihr beschaffen ist: vortrefflich und köstlich, wenn das Verständnis aus den echten Wahrheiten aus dem Wort gebildet ist, hingegen zerstört, ja scheußlich, wenn aus verfälschten.