Die Heilige Schrift oder das Wort des Herrn

I. Die Heilige Schrift oder das Wort ist das göttliche Wahre selbst

189. Es wird allgemein gesagt, das Wort sei von Gott, es sei von Gott eingegeben und daher heilig; dennoch aber hat man bisher nicht gewußt, wo in ihm das Göttliche liegt; denn das Wort erscheint im Buchstaben wie eine gewöhnliche Schrift, in einem fremdartigen Stil, der weder erhaben, noch lichtvoll ist, wie dies dem Anschein nach die Schriften der Welt sind. Daher kommt, daß der Mensch, der die Natur für Gott, oder der sie mehr als Gott verehrt, und daher aus sich und seinem Eigenen, und nicht aus dem Himmel vom Herrn her denkt, leicht in Irrtum über das Wort und in Verachtung desselben verfallen, und, wenn er es liest, bei sich sagen kann: Was soll dies, was jenes, ist dies göttlich, kann Gott, Der unendliche Weisheit hat, so sprechen? Wo und woher anders ist sein Heiliges, als aus dem Aberglauben und somit aus der Überredung?

190. Allein wer so denkt, erwägt nicht, daß Jehovah der Herr, Welcher der Gott des Himmels und der Erde ist, das Wort durch Moses und die Propheten gesprochen hat, und daß es daher nichts als das göttliche Wahre sein kann. Denn was Jehovah der Herr selbst spricht, das ist dieses; auch bedenkt er nicht, daß der Herr, der Heiland, Welcher mit Jehovah einer und Derselbe ist, das Wort bei den Evangelisten, vieles aus Seinem Munde, und das übrige aus dem Geist Seines Mundes, welcher der Heilige Geist ist, durch Seine zwölf Apostel gesprochen hat. Daher kommt, daß, wie Er selbst sagt, in Seinen Worten Geist und Leben ist, und daß Er das Licht ist, welches erleuchtet, und daß Er die Wahrheit ist; was aus folgenden Stellen erhellt: „Jesus sagte: Die Worte, die Ich zu euch rede, sind Geist, und sind Leben“: Joh.6/63. „Jesus sagte zu dem Weibe an der Quelle Jakobs: Wenn du wüßtest die Gabe Gottes, und wer Der ist, Der zu dir sagt: Gib mir zu trinken, du würdest Ihn bitten, und Er gäbe dir lebendiges Wasser; wer von dem Wasser trinkt, das Ich ihm geben will, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das Ich geben will, wird in ihm eine Quelle von Wasser werden, das in das ewige Leben springt“: Joh.4/6,10,11,[14]. Durch die Quelle Jakobs wird das Wort bezeichnet, wie auch 5Mo.33/28, daher auch der Herr, weil Er das Wort ist, Sich daselbst niederließ und mit dem Weibe sprach; und durch das lebendige Wasser wird das Wahre des Wortes bezeichnet. Jesus sprach: „Wenn jemand dürstet, der komme zu Mir und trinke; wer an Mich glaubt, aus dessen Leibe werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers fließen“: Joh.7/37,38. Petrus sagte zu Jesus: „Du hast Worte des ewigen Leben“: Joh.6/68. Jesus sagte: „Himmel und Erde werden vergehen, Meine Worte werden nicht vergehen“: Mark.13/31. Die Worte des Herrn sind aber Wahrheit und Leben, weil Er selbst die Wahrheit und das Leben ist, wie Er lehrt bei Joh.14/6: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“; und bei Joh.1/1-3: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort; in Ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen“. Unter dem Wort wird verstanden der Herr hinsichtlich des göttlichen Wahren, in dem allein das Leben und das Licht ist. Daher kommt, daß das Wort, das vom Herrn ist, und welches der Herr ist, genannt wird eine Quelle lebendiger Wasser: Jer.2/13; 17/13; 31/9; eine Quelle des Heils: Jes.12/2,3; eine Quelle: Sach.13/1; und ein Strom des Lebenswassers: Offb.22/1; und gesagt wird, daß das Lamm, das inmitten des Thrones ist, sie weiden werde zu den lebendigen Wasserquellen: Offb.7/17. Überdies in anderen Stellen, in denen das Wort genannt wird ein Heiligtum und eine Hütte, worin der Herr beim Menschen wohnt.

191. Allein der natürliche Mensch kann hierdurch doch nicht überzeugt werden, daß das Wort das göttliche Wahre selbst ist, in dem göttliche Weisheit und göttliches Leben ist; denn er beurteilt es nach dem Stil, in dem er dieselben nicht sieht. Gleichwohl ist der Stil des Wortes der göttliche Stil selbst, mit dem kein anderer Stil, wie erhaben und vortrefflich er auch erscheine, verglichen werden kann. Der Stil des Wortes ist von der Art, daß es heilig ist in jedem Sinn und in jedem Wort, ja hin und wieder selbst in den Buchstaben; daher das Wort den Menschen mit dem Herrn verbindet, und den Himmel öffnet. Zwei Dinge sind es, die vom Herrn ausgehen, die göttliche Liebe und die göttliche Weisheit, oder, was dasselbe ist, das göttliche Gute und das göttliche Wahre; das Wort ist seinem Wesen nach beides. Und weil es, wie gesagt, den Menschen mit dem Herrn verbindet, und den Himmel öffnet, so erfüllt das Wort den Menschen mit dem Guten der Liebe und mit den Wahrheiten der Weisheit, seinen Willen mit dem Guten der Liebe, und seinen Verstand mit den Wahrheiten der Weisheit, infolgedessen dem Menschen durch das Wort Leben zuteil wird. Doch ist wohl zu merken, daß nur denjenigen Leben aus dem Wort zuteil wird, die es in der Absicht lesen, die göttlichen Wahrheiten aus ihm als ihrer Quelle zu schöpfen, und zugleich auch in der Absicht, die daraus geschöpften Wahrheiten auf das Leben anzuwenden; und daß das Gegenteil bei denen geschieht, die das Wort nur in der Absicht lesen, Ehrenstellen zu erhaschen und die Welt zu gewinnen.

192. Kein Mensch, dem unbekannt ist, daß sich ein bestimmter geistiger Sinn im Wort befindet, wie die Seele im Körper, kann über das Wort nach etwas anderem urteilen, als nach dessen Buchstabensinn, während doch dieser wie ein Behältnis ist, das Kostbarkeiten enthält, die sein geistiger Sinn sind. Weiß man also nichts von diesem inneren Sinn, so kann man von der göttlichen Heiligkeit des Wortes nicht anders urteilen, als wie von einem Edelstein nach der Mutter, die ihn in sich schließt, und zuweilen wie ein gewöhnlicher Stein aussieht, oder wie nach einem Kästchen aus Jaspis, Lasurstein, Amiant oder Marienglas, oder Achat, in welchem der Reihe nach Diamanten, Rubine, Sardonyxe, orientalische Topase, usw. liegen; weiß man dieses nicht, so ist nicht zu verwundern, wenn jenes Kästchen nicht höher geschätzt wird, als nach dem Wert seines Stoffs, der vor dem Auge erscheint. In ähnlicher Weise verhält es sich mit dem Wort nach seinem Buchstabensinn. Damit nun der Mensch nicht im Zweifel sei, daß das Wort göttlich und höchst heilig ist, ist mir vom Herrn dessen innerer Sinn geoffenbart worden, der seinem Wesen nach geistig ist, und dem äußeren Sinn, welcher natürlich ist, innewohnt, wie die Seele dem Körper. Dieser Sinn ist der Geist, der den Buchstaben belebt; und deshalb kann auch dieser Sinn von der Göttlichkeit und Heiligkeit des Wortes zeugen, und selbst den natürlichen Menschen, wenn er sich überzeugen lassen will, überführen.