Die Engländer in der geistigen Welt

806. Es gibt zweierlei Zustände des Denkens beim Menschen, einen äußeren und einen inneren; im äußeren ist der Mensch in der natürlichen Welt, im inneren ist er in der geistigen Welt. Diese Zustände machen eins aus bei den Guten, nicht eins aber bei den Bösen. Wie der Mensch seinem Inneren nach beschaffen ist, stellt sich in der Welt selten heraus, weil er von Kindheit an gelernt hat, moralisch und vernünftig zu sein, und gerne so erscheint; in der geistigen Welt hingegen stellt sich deutlich heraus, wie er ist; denn er ist nun ein Geistmensch, und der Geist ist der innere Mensch. Da mir nun gestattet worden ist, in jener Welt zu sein, und dort zu sehen wie die inneren Menschen aus dem einen Reich, und wie sie aus dem anderen sind, so muß ich es, weil es von Wichtigkeit ist, offenbaren.

807. Was nun die englische Nation betrifft, so sind die Besseren aus ihnen im Mittelpunkt aller Christen, und dies darum, weil sie ein inwendigeres Verstandeslicht haben; dieses erscheint niemanden in der natürlichen Welt, es stellt sich aber deutlich in der geistigen Welt heraus. Dieses Licht haben sie von der Rede- und Schreibfreiheit, und damit der Denkfreiheit. Bei anderen, die nicht in dieser Freiheit sind, wird jenes Licht, weil es keinen Ausfluß findet, erstickt. Jenes Licht ist aber nicht in Tätigkeit aus sich heraus, sondern es wird in Tätigkeit gesetzt von anderen her, besonders von Männern von Ruf und Ansehen; sobald von diesen etwas ausgesprochen wird, strahlt jenes Licht hervor. Aus diesem Grund werden ihnen in der geistigen Welt Leiter vorgesetzt, und Geistliche von gefeiertem Namen und hervorragendem Genie gegeben, bei deren Urteil sie sich vermöge jener angeborenen Gemütsart beruhigen.

808. Es besteht unter ihnen eine Ähnlichkeit der Gemüter, vermöge deren sie mit Freunden, die aus ihrem Vaterland sind, ein vertrautes Verhältnis anknüpfen, selten aber mit anderen. Sie leisten sich auch gegenseitigen Beistand und lieben die Aufrichtigkeit. Sie sind warme Freunde des Vaterlandes, und Eiferer für dessen Ruhm; und auf die Ausländer blicken sie, wie jemand vom Dach seines Palastes durch ein Fernrohr nach den außerhalb der Stadt Wohnenden und Wandelnden hinsieht. Die Staatsangelegenheiten ihres Reiches beschäftigen ihre Gemüter und besitzen ihre Herzen, zuweilen so sehr, daß dieselben ihren Geist von Forschungen höherer Denkkraft, durch welche höhere Einsicht erworben wird, abziehen; zwar nehmen diejenigen, die auf den Hochschulen sich darauf legen, dergleichen in ihrer Jugend in sich auf; allein es geht vorüber, wie eine Erscheinung; dennoch aber wird dadurch ihre Vernunft lebendig und erglänzt von einem Licht, aus dem sie schöne Bilder ausgestalten, wie das der Sonne zugekehrte Kristallprisma Farbenbogen bildet, und die ihm gegenüberliegende Fläche mit hochgelben Farben bemalt.

809. Es sind zwei große, London ähnliche Städte, in welche die meisten Engländer nach dem Tode kommen. Die erste Stadt durfte ich sehen und auch durchwandeln. Die Mitte dieser Stadt ist da, wo in London die Versammlung der Kaufleute ist, welche Exchange [Börsenhalle] heißt; hier wohnen die Vorsteher; oberhalb dieser Mitte ist der Osten, unterhalb derselben ist der Westen, auf der rechten Seite ist der Süden, auf der linken Seite ist der Norden. In der östlichen Gegend wohnen die, welche mehr als die übrigen ein Leben der Liebtätigkeit geführt hatten; hier sind prächtige Paläste; in der südlichen Gegend wohnen die Weisen, bei denen es vieles Glänzende gibt; in der nördlichen Gegend wohnen die, welche mehr als die übrigen die Rede- und Schreibfreiheit geliebt hatten; in der westlichen Gegend wohnen die, welche die Rechtfertigung durch den bloßen Glauben anpreisen; zur Rechten hier in dieser Himmelsgegend ist der Eingang in diese Stadt, und ist auch der Ausgang aus ihr; die, welche böse leben, werden hier hinausgelassen. Die Geistlichen, welche im Westen sind, und jenen bloßen Glauben lehren, wagen nicht durch die Hauptstraßen, sondern nur durch die engeren Gassen in die Stadt zu kommen, weil in der Stadt selbst keine anderen Bewohner geduldet werden als solche, die im Glauben der Liebtätigkeit sind. Ich hörte solche, welche sich über die Prediger aus dem Westen beklagten, daß sie ihre Vorträge mit solcher Kunst und Redegabe ausarbeiten, und eine ihnen unbekannte Rechtfertigung durch den Glauben darin so einwickeln, daß man nicht wisse, ob man Gutes tun soll oder nicht; sie predigen den Glauben als inwendiges Gutes, und trennen dieses von dem Guten der Liebtätigkeit, das sie als verdienstlich und somit Gott nicht angenehm bezeichnen. Wenn aber die, welche in der Morgen- und Mittagsgegend der Stadt wohnen, solche Predigten hören, so verlassen sie die Tempel, und die Prediger werden nachher des Priesteramts entsetzt.  

810. Ich hörte in der Folge mehrere Gründe, warum jene Prediger des Priesteramtes entsetzt werden, wovon der hauptsächlichste der ist, daß sie ihre Predigten nicht aus dem Wort Gottes, und so nicht aus dem Heiligen Geist, sondern aus ihrem Vernunftlicht, und so aus dem eigenen Geist nehmen. Die Ausgangspunkte zwar nehmen sie als Vorspiele aus dem Wort, allein sie berühren diese bloß mit den Lippen, und verlassen sie als etwas Unschmackhaftes, und wählen bald etwas Schmackhaftes aus der eigenen Einsicht, das sie dann als Leckerbissen im Munde hin und her bewegen und auf der Zunge herumdrehen, und so es lehren. Es wurde mir gesagt, infolgedessen sei ebensowenig Geistiges in ihren Vorträgen, als in den Gesängen der Singvögel, und sie seien blumenreiche Allegorien, die den schön gekräuselten und mit Gerstenmehl weiß gepuderten Perücken auf einem kahlen Kopfe ähnlich sind. Die mystischen Dinge ihrer Vorträge über die Rechtfertigung durch den bloßen Glauben wurden mit den vom Meer her über das Lager der Israeliten getriebenen Wachteln verglichen, an denen viele Tausende starben: 4Mo.Kap.11, wogegen die theologischen Lehren von der Liebtätigkeit und dem Glauben zusammen, dem Manna aus dem Himmel verglichen wurden. Einst hörte ich ihre Geistlichen über den bloßen Glauben miteinander reden, und sah ein gewisses von ihnen gemachtes Bild, das ihren bloßen Glauben vorstellte; dieses erschien in ihrem Licht, das ein Werk der Phantasie war, wie ein großer Riese, sobald aber Licht aus dem Himmel darauf fiel, erschien es oben wie eine Mißgestalt, und unten wie eine Schlange; nach dessen Anblick entfernten sie sich, und dasselbe wurde von den Dabeistehenden in einen Sumpf geworfen.

811. Die andere große Stadt, die auch London heißt, ist nicht in der christlichen Mitte, sondern entfernt von jener gegen Norden; in diese kommen nach dem Tode die, welche inwendig böse sind. In ihrer Mitte ist eine offene Verbindung mit der Hölle, von der sie auch von Zeit zu Zeit verschlungen werden.

812. Von denen, die aus England in der geistigen Welt sind, erfuhr ich, daß sie eine doppelte Theologie haben, eine aus ihrer Glaubenslehre, und eine andere aus der Lehre der Liebtätigkeit; aus der Glaubenslehre die, welche ins geistliche Amt eingeweiht werden, und aus der Lehre der tätigen Liebe viele aus den Laien, besonders die, welche sich in Schottland und in den benachbarten Gegenden aufhalten. Mit diesen fürchten die Anhänger des bloßen Glaubens in Streit zu kommen, weil dieselben mit ihnen sowohl aus dem Wort, als der Vernunft kämpfen. Diese Lehre der Liebtätigkeit steht in der Anrede, die jeden Sonntag in den Kirchen denjenigen vorgelesen wird, die zum heiligen Abendmahl gehen; in dieser wird offen gesagt, daß sie, wofern sie nicht in der Liebtätigkeit stehen, und nicht das Böse als Sünde fliehen, sich in ewige Verdammnis stürzen, und wenn sie gleichwohl zum heiligen Abendmahl gehen, der Teufel in sie wie in Judas fahren werde.