Die Deutschen in der geistigen Welt

813. Bekannt ist, daß die Bewohner eines jeden in mehrere Gebiete geteilten Reiches nicht den gleichen Charakter haben, und daß sie voneinander im Besonderen ebenso verschieden sind, wie es im Allgemeinen die Bewohner besonderer Erdstriche sind, daß aber dennoch ein gemeinsamer Geist unter denen herrscht, die unter einem König und infolgedessen unter einer Gesetzgebung stehen. Was Deutschland betrifft, so ist es mehr, als die Reiche um dasselbe her in mehrere Gebiete zerstückelt; es ist in ihm [gegenwärtig, 1771] ein Kaisertum, unter dessen allgemeiner Obhut alle stehen; dennoch aber hat der Fürst eines jeden Gebiets ein zwingherrliches Recht im Besonderen; denn es gibt hier größere und kleinere Fürstentümer, und jeder gilt in dem seinigen als Alleinherrscher. Überdies ist hier die Religion geteilt: in einigen Fürstentümern gibt es sogenannte Evangelische, in einigen Reformierte, und in anderen Päpstliche; bei solcher Verschiedenheit der Regierungen und zugleich der Religionen, lassen sich die Deutschen hinsichtlich ihrer Sinnesart, ihrer Neigungen und ihrer Lebensweise weniger leicht nach dem in der geistigen Welt Gesehenen beschreiben, als die Völkerschaften und Völker anderwärts; weil aber dennoch überall unter den Völkern derselben Sprache ein gemeinsamer Geist herrscht, so kann dieser aus den in eins zusammengefaßten Anschauungen einigermaßen ersehen und dargestellt werden.

814. Da die Deutschen in jedem Fürstentum im besonderen unter zwingherrlichem Regiment stehen, so haben sie keine Rede- und Schreibfreiheit wie die Holländer und Briten; und wenn die Freiheit zu reden und zu schreiben eingeschränkt ist, so wird zugleich auch die Freiheit zu denken, das heißt, die Dinge in umfassender und erschöpfender Weise zu durchschauen, in Schranken gehalten. Denn es verhält sich damit wie mit dem ringsum eingeschlossenen Behälter eines Brunnquells, aus dem das darin befindliche Wasser sich bis zur [verschlossenen] Mündung der Ader erhebt, so, daß nun die Ader selbst nicht mehr springt; der Gedanke ist wie die Ader, und die Rede aus ihr wie der Wasserbehälter; mit einem Wort, der Einfluß richtet sich nach dem Ausfluß, ebenso der Verstand von oben her nach dem Verhältnis der Freiheit das Gedachte auszusprechen und herauszuführen. Deshalb weiht sich diese edle Nation weniger den Gegenständen der Urteilskraft, als denen des Gedächtnisses, und darin liegt der Grund, daß sie der Literaturgeschichte besonders ergeben sind, und in ihren Schriften den Männern, die unter ihnen Ruf und Gelehrsamkeit haben, vertrauen, und deren Urteile in Menge anführen, und irgendeinem beitreten. Dieser ihr Zustand wird in der geistigen Welt dargestellt durch einen Mann, der Bücher unter dem Arm trägt, und dann, wenn jemand über irgendeinen Gegenstand der Urteilskraft streitet, zu ihm sagt: Ich will dir die Antwort darauf geben, und sofort ein Buch unter dem Arm hervorlangt und daraus vorliest.

815. Aus diesem ihrem Zustand ergeben sich mehrere Folgen, und unter ihnen auch diese, daß sie die geistigen Dinge der Kirche ins Gedächtnis eingeschrieben festhalten, und sie selten in den oberen Verstand erheben, sondern nur in den unteren Verstand einlassen, aus dem sie über dieselben vernünfteln, somit ganz anders als die freien Nationen; diese sind hinsichtlich der geistigen Dinge der Kirche, welche die theologischen heißen, wie die Adler, die sich zu jeder Höhe emporschwingen, während die unfreien Nationen wie die Schwäne in einem Fluß sind. Auch sind die freien Nationen wie die größeren Hirsche mit hohem Geweih, welche die Felder, die Haine und die Wälder in voller Ungebundenheit durchlaufen, während dagegen die unfreien Nationen wie die Hirsche sind, die in Tiergärten gehalten werden, um dem Fürsten zu dienen. Weiter sind die Völker der Freiheit wie die geflügelten Pferde, von den Alten Pegasusse genannt, welche nicht nur über die Meere, sondern auch über die Hügel, die man die Parnassischen nennt, und über die Musen unterhalb derselben, hinfliegen, während dagegen die nicht freigelassenen Völker wie die edlen Pferde mit schönem Geschirr in den Ställen der Könige sind. Diesen ähnlich sind die Unterschiede der Urteile in den mystischen Dingen der Theologie: die Geistlichen schreiben dort, solange sie noch Studenten sind, aus dem Munde der Professoren auf den Hochschulen, Hefte zusammen und bewahren diese auf als Rüstkammern der Gelehrsamkeit, und wenn sie in das geistliche Amt eingeweiht, oder als Lektoren an den Gymnasien angestellt sind, so entlehnen sie, diese auf dem Katheder, jene auf der Kanzeln, ihre vorgeschriebenen Vorträge meistens aus den eben erwähnten Heften. Diejenigen ihrer Geistlichen, die nicht nach der kirchlichen Rechtgläubigkeit lehren, predigen gewöhnlich vom Heiligen Geist und seinen wunderbaren Wirkungen und Erweckungen frommer Gefühle in den Herzen. Diejenigen hingegen, die nach der heutigen Orthodoxie vom Glauben lehren, erscheinen den Engeln wie mit einem aus Eichblättern geflochtenen Kranz geziert; wogegen die, welche aus dem Wort von der Liebe und ihren Werken lehren, den Engeln wie mit einem aus wohlriechenden Lorbeerblättern gewundenen Kranz geschmückt erscheinen. Die Evangelischen kommen dort, wenn sie mit den Reformierten über die Wahrheiten streiten, zur Erscheinung, als ob sie die Kleider zerrissen, und dies darum, weil die Kleider die Wahrheiten bedeuten.

816. Ich fragte, wo denn in der geistigen Welt die Hamburger zu treffen seien, und man sagte, sie erscheinen nirgends in eine Gesellschaft, und noch weniger in eine Stadt versammelt, sondern seien umher zerstreut und unter die Deutschen in verschiedenen Gegenden vermischt; und auf die Frage nach der Ursache gab man an, es sei die Folge des beständigen Hinausblickens und gleichsam Wanderns ihrer Gemüter außerhalb ihrer Stadt, und des gar wenigen Beschäftigens mit den Dingen innerhalb derselben: denn wie der Zustand des Gemüts des Menschen in der natürlichen Welt beschaffen ist, so ist auch sein Zustand in der geistigen Welt beschaffen; das Gemüt des Menschen nämlich ist sein Geist, oder der nach seinem Austritt aus dem materiellen Körper nachgelassene und fortlebende Mensch.