Der Wille und der Verstand des Menschen sind in dieser Wahlfreiheit; aber das Tun des Bösen in beiden Welten, der geistigen und der natürlichen, wird durch Gesetze in Schranken gehalten, weil sonst in beiden die Gesellschaft zugrunde ginge

497. Daß jeglicher Mensch im freien Willen in geistigen Dingen sei, kann er schon aus der bloßen Beobachtung seines Denkens wissen; wer kann nicht mit Freiheit denken über Gott, über die Dreieinheit, über die tätige Liebe und den Nächsten, über den Glauben und dessen Wirksamkeit, über das Wort und alle aus diesem abgeleiteten Stücke, und nachdem er die theologischen Lehren gelernt hat, über deren Einzelheiten? Und wer kann nicht für und wider diese denken, ja Schlüsse ziehen, lehren und schreiben?

Würde diese Freiheit dem Menschen nur einen Augenblick entzogen werden, müßte dann nicht sein Denken stille stehen, seine Zunge verstummen und seine Hand erlahmen? Darum, mein Freund, kannst du schon infolge der bloßen Beobachtung deines Denkens jene ungereimte und verderbliche Ketzerei verwerfen und verwünschen, die heutzutage die Christenheit in betreff der himmlischen Lehre von der tätigen Liebe und dem Glauben und dem davon abhängigen Heil und ewigen Leben in tödliche Schlafsucht versetzt hat. Davon aber, daß jene Wahlfreiheit ihren Sitz im Willen und Verstand des Menschen hat, sind die Ursachen folgende:

1. Weil diese beiden Vermögen zuerst unterwiesen und umgebildet werden müssen, und durch sie die beiden Vermögen des äußeren Menschen, welche machen, daß er redet und handelt.

2. Weil jene beiden Vermögen des inneren Menschen seinen Geist ausmachen, der nach dem Tode lebt, und unter keinem anderen Gesetz steht, als dem göttlichen, dessen Vornehmstes ist, daß der Mensch das Gesetz denke, es übe und ihm gehorche aus sich, obwohl aus dem Herrn.

3. Weil der Mensch seinem Geist nach sich in der Mitte zwischen Himmel und Hölle, somit zwischen dem Guten und dem Bösen befindet, und infolgedessen im Gleichgewicht ist, vermöge dessen er freien Willen in geistigen Dingen hat, (über welches Gleichgewicht man oben Nr. 445f nachsehe,) solange er aber in der Welt lebt, seinem Geist nach im Gleichgewicht zwischen dem Himmel und der Welt ist, und dann der Mensch fast nichts davon weiß, daß er, inwieweit er vom Himmel sich ab und der Welt zuwendet, insoweit sich der Hölle nähert; was er nicht weiß, und doch auch wieder weiß, damit er auch hierin in der Freiheit sei und umgebildet werde.

4. Weil jene beiden, der Wille und der Verstand, die zwei Aufnahmegefäße des Herrn sind, der Wille das Aufnahmegefäß der Liebe und Liebtätigkeit, der Verstand das Aufnahmegefäß der Weisheit und des Glaubens, und der Herr diese im einzelnen wirkt, bei völliger Freiheit des Menschen, damit eine gegenseitige und wechselwirkende Verbindung und durch diese die Seligmachung sei.

5. Weil alles Gericht, das über den Menschen nach dem Tod ergeht, Jesajah nach dem Gebrauch seines freien Willens in geistigen Dingen statthat.

498. Hieraus ergibt sich dies, daß der eigentlich freie Wille in geistigen Dingen in der Seele des Menschen in aller Vollkommenheit wohnt, und von da aus, wie die Ader in die Quelle, in sein Gemüt einfließt, in dessen zwei Teile, nämlich den Willen und den Verstand, und durch diese in die Sinne des Körpers, und in die Reden und Handlungen. Denn es gibt drei Grade des Lebens beim Menschen: die Seele, das Gemüt und den sinnlichen Körper; alles das, was im höheren Grad ist, steht an Vollkommenheit über dem, das im niedrigeren Grad ist. Dies ist des Menschen Freiheit, durch welche, in welcher und mit welcher der Herr gegenwärtig ist im Menschen, und unablässig auf Seine Aufnahme dringt, niemals aber die Freiheit wegdrängt und aufhebt, weil, wie oben gesagt worden, alles, was nicht mit Freiheit in geistigen Dingen vom Menschen geschieht, nicht haften bleibt; und deshalb kann man sagen, diese Freiheit des Menschen sei das, worin der Herr bei ihm in seiner Seele wohnt! Daß aber das Tun des Bösen in beiden Welten, der geistigen und der natürlichen, durch Gesetze eingeschränkt worden ist, weil sonst die Gesellschaft nirgendwo bestehen würde, ist ohne Auslegung klar; dennoch aber soll beleuchtet werden, daß ohne diese äußeren Bande nicht nur die Gesellschaft nicht bestehen, sondern auch das ganze menschliche Geschlecht zugrunde gehen würde; denn der Mensch ist von zwei Lieblingsneigungen in Besitz genommen; welche sind die Sucht über alle zu herrschen, und die Sucht, die Güter aller zu besitzen; diese Triebe rennen, wenn ihnen die Zügel gelassen werden, ins Endlose fort. Die Erbübel, in die der Mensch geboren wird, sind hauptsächlich aus diesen zwei Trieben entstanden; und auch Adam hatte kein anderes, als daß er wie Gott werden wollte, welches Böse die Schlange ihm eingoß, wie man liest; weshalb bei seiner Verfluchung gesagt wird, das Land solle ihm Dorn und Disteln tragen: 1Mo.3/5,18, worunter verstanden wird alles Böse und daraus hervorgehende Falsche; alle, die sich diesen Trieben hingegeben haben, betrachten sich als das einzige, in dem und für das alle anderen sind; solche haben kein Mitgefühl, keine Gottesfurcht, keine Nächstenliebe, und darum ist bei ihnen Unbarmherzigkeit, Roheit und Grausamkeit, und die höllische Begierde und Gier, zu rauben und zu plündern; und um dazu zu gelangen, Arglist und Trug. Dergleichen ist den Tieren der Erde nicht angeboren, diese töten und verzehren andere aus keinem anderen Trieb, als den Magen zu sättigen und sich zu schützen; weshalb der böse Mensch, nach jenen Trieben betrachtet, roher, wilder und schlimmer ist als jedes Tier. Daß der Mensch inwendig so beschaffen ist, stellt sich deutlich heraus bei aufrührerischen Rotten, in denen die Bande des Gesetzes gelöst sind, sowie auch bei Metzeleien und Plünderungen, wenn Freiheit gegeben wird, die Wut auszulassen an den Überwundenen und Belagerten, wo kaum einer davon früher absteht, als bis man die Trommel hört, zum Zeichen, daß davon abgelassen werden soll. Hieraus erhellt, daß, wenn keine Furcht vor Strafen nach den Gesetzen die Menschen in Schranken hielte, nicht bloß die Gesellschaft, sondern das ganze Menschengeschlecht zerstört werden würde. Allein dies alles wird einzig entfernt durch den rechten Gebrauch des freien Willens in geistigen Dingen, welcher darin besteht, daß man seine Gedanken ernst und unverrückt auf den Zustand des Lebens nach dem Tode gerichtet hält.

499. Doch dies soll noch durch Vergleiche beleuchtet werden, und zwar durch folgende: Daß, wenn nicht eine gewisse Selbstbestimmung in allen erschaffenen Dingen, sowohl den beseelten, als den unbeseelten wäre, gar keine Schöpfung hätte statthaben können; denn ohne Selbstbestimmung in natürlichen Dingen wäre bei den Tieren keinerlei Auswahl der zu ihrer Ernährung dienlichen Speise, noch irgendwelche Zeugung und Erhaltung der Jungen, somit kein Tier. Wäre nicht eine solche Freiheit bei den Fischen des Meeres und den Schalentieren auf dessen Grund, so gäbe es keinen Fisch und kein Schalentier. Ebenso, wenn dieselbe nicht in jedem kleinen Insekt wäre, so gäbe es keine Seidenraupe, aus der Seidenstoffe, und keine Biene, aus der Honig und Wachs käme, und auch keinen Schmetterling, der mit seinesgleichen in der Luft spielt und sich von den Säften in den Blumen nährt, und den seligen Zustand des Menschen in der Himmelsluft vorstellt, nachdem dieser wie der Wurm seine äußere Hülle abgelegt hat. Wäre nicht etwas dem freien Willen Analoges im Boden der Erde, in dem in denselben geworfenen Samen, und in allen Teilen des daraus hervorgesproßten Baumes und in dessen Früchten, und wieder in den neuen Samen, so gäbe es gar keinen Pflanzenkörper. Wäre nicht etwas dem freien Willen Analoges in jedem Metall und in jedem Stein, dem edlen und unedlen, so gäbe es keinen Metall und keinen Stein, ja nicht einmal ein Sandkörnchen; denn dieses saugt frei den Äther ein, dünstet das ihm Angestammte aus, und stoßt das Abgenützte von sich und ergänzt sich mit Neuem; daher stammt die magnetische Sphäre um den Magnet, die eisenhaltige um das Eisen, die kupferhaltige um das Kupfer, die silberhaltige um das Silber, die goldhaltige um das Gold, die steinhaltige um den Stein, die salpeterhaltige um den Salpeter, die schwefelhaltige um den Schwefel, und eine verschiedene um jeden Staub der Erde, aus welcher Sphäre das Innerste eines jeden Samenkorns beschwängert wird und das Fruchtbringende vegetiert; denn ohne solches Aushauchen aus jedem Stäubchen der Erde gäbe es gar keinen Anfang des Keimens, noch eine daraus hervorgehende fortwährende Entwickelung. Wie hätte auch die Erde in den innersten Mittelpunkt des gesäten Korns mit Staub und Wasser anders eindringen können, als mittelst der aus ihr ausgedünsteten Substanzen, wie in „das Senfkorn, welches kleiner ist als alle Samen, dann aber, wenn es emporgewachsen ist, größer ist, als die Kohlkräuter, und ein großer Baum wird“: Matth.13/31,32; Mark.4/30-32. Wenn nun allen geschaffenen Subjekten eine Freiheit eingepflanzt ist, jeglichem Jesajah nach seiner Natur, warum nicht dem Menschen ein freier Wille, gemäß seiner Natur, die dahin geht, daß er geistig sei? Daher kommt, daß dem Menschen freier Wille in geistigen Dingen gegeben wurde von Mutterleib an bis in sein höchstes Alter in der Welt, und nachher in Ewigkeit.