Der Mensch wird, solange er in der Welt lebt, in der Mitte zwischen Himmel und Hölle, und hier im geistigen Gleichgewicht gehalten, welches der freie Wille ist

475. Um zu wissen, was und wie beschaffen der freie Wille ist, ist notwendig, daß man wisse, woher er stammt; aus der Erkenntnis seines Ursprungs wird am besten erkannt, nicht nur daß er ist, sondern auch wie er beschaffen ist. Sein Ursprung ist aus der geistigen Welt, in der das Gemüt des Menschen vom Herrn gehalten wird; das Gemüt des Menschen ist sein Geist, der nach dem Tode lebt, und sein Geist ist fortwährend in Gemeinschaft mit seinesgleichen in jener Welt, und durch den materiellen Körper, mit dem er umschlossen wird, ist sein Geist bei den Menschen in der natürlichen Welt. Daß der Mensch nicht weiß, daß er seinem Gemüt nach inmitten der Geister ist, kommt daher, daß jene Geister, mit denen er in der geistigen Welt in Gemeinschaft steht, geistig denken und reden, der Geist des Menschen aber, solange er im materiellen Körper ist, natürlich, und das geistige Denken und Reden vom natürlichen Menschen nicht verstanden, noch wahrgenommen werden kann, und auch nicht umgekehrt; woher denn kommt, daß sie auch nicht gesehen werden können. Ist hingegen der Geist des Menschen mit den Geistern in Gesellschaft in deren Welt, dann ist er ebenfalls in geistigem Denken und Reden mit ihnen, weil sein Gemüt inwendig geistig, auswendig aber natürlich ist; weshalb er durch sein Inwendiges mit ihnen, durch sein Auswendiges aber mit den Menschen verkehrt. Infolge dieses Verkehrs nimmt der Mensch Dinge wahr, und denkt analytisch über dieselben; hätte der Mensch dieses nicht, so würde er nicht weiter und nicht anders denken, als das Tier, so wie er auch, wenn ihm alle Gemeinschaft mit den Geistern genommen würde, augenblicklich sterben müßte. Damit aber begriffen werden könne, wie der Mensch in der Mitte zwischen Himmel und Hölle, und dadurch in geistigem Gleichgewicht gehalten werden kann, aus dem er freien Willen hat, so soll es mit wenigem gesagt werden. Die geistige Welt besteht aus Himmel und Hölle, der Himmel ist über dem Haupt, und die Hölle ist unter den Füßen, nicht jedoch in der Mitte der von den Menschen bewohnten Erde, sondern unterhalb der Erden jener Welt, die auch aus geistigem Ursprung, und daher nicht im Ausgedehnten, sondern in der Erscheinung des Ausgedehnten sind. Zwischen dem Himmel und der Hölle ist ein großer Zwischenraum, der denen, die sich dort befinden, wie ein ganzer Weltkreis erscheint; in diesen Zwischenraum dünstet von der Hölle her Böses in aller Fülle aus, und andererseits fließt aus dem Himmel Gutes da hinein, ebenfalls in aller Fülle. Dies ist der Zwischenraum, von dem Abraham zu den Reichen in der Hölle sagte: „Zwischen euch und uns ist eine große Kluft befestigt, so daß die, welche von hier zu euch hinüberschreiten wollen, es nicht können, noch die, welche dort sind, zu uns herüber kommen“: Luk.16/26. Inmitten dieses Zwischenraumes ist jeder Mensch seinem Geist nach, bloß zu dem Ende, daß er in freiem Willen sei. Dieser Zwischenraum, der so groß ist, und denen, die dort sind, wie ein großer Erdkreis erscheint, heißt die Geisterwelt, und ist auch voll von Geistern, weil jeder Mensch nach dem Tode zuerst dahin kommt, und daselbst entweder zum Himmel oder zur Hölle zubereitet wird; er befindet sich dort im Umgang mit jenen, wie zuvor mit den Menschen in der vorigen Welt; auch gibt es dort kein Fegfeuer, dieses ist ein von den Römisch-Katholischen erfundenes Märchen. Doch von jener Welt ist im besonderen gehandelt worden in dem zu London im Jahr 1758 herausgegebenen Werk »Vom Himmel und der Hölle«, Nr. 421-535.

476. Ein jeder Mensch wechselt von der Kindheit an bis zum Greisenalter die Orte und Lagen in jener Welt; als Kind wird er daselbst in der östlichen Gegend nach dem Norden zu gehalten; und als Knabe zieht er sich, Jesajah wie er die Anfangsgründe der Religion erlernt, allmählich vom Norden nach dem Süden; als Jüngling wird er, Jesajah wie er anfängt aus seinem Geist zu denken, nach dem Süden gezogen, und nachher, wenn er zu eigenem Urteil gelangt und sein eigener Herr geworden ist, gemäß seinen Fortschritten in Dingen, die das Tiefere von Gott und der Liebe gegen den Nächsten betreffen, in den Süden gegen Osten hin; ist er aber dem Bösen zugetan und saugt er dieses ein, so schreitet er gegen den Westen vor: denn alle in der geistigen Welt wohnen nach den Himmelsgegenden; im Osten die, welche im Guten vom Herrn sind, denn dort ist die Sonne, in deren Mitte der Herr ist; im Norden die, welche in der Unwissenheit sind; im Süden die, welche in der Einsicht sind, und im Westen die, welche im Bösen sind.

Der Mensch selbst wird nicht dem Leibe nach in jenem Zwischenraum oder Mittelreich gehalten, sondern seinem Geist nach, und Jesajah wie dieser seinen Zustand ändert, indem er sich dem Guten oder Bösen nähert, wird er an Orte oder Lagen in dieser oder jener Himmelsgegend versetzt, und kommt hier in gesellschaftliche Verbindung mit den Bewohnern. Man muß jedoch wissen, daß nicht der Herr den Menschen dahin oder dorthin versetzt, sondern der Mensch sich selbst in verschiedener Weise: erwählt er das Gute, so versetzt der Mensch zugleich mit dem Herrn, oder vielmehr der Herr zugleich mit dem Menschen dessen Geist gegen Morgen; wählt hingegen der Mensch das Böse, so versetzt der Mensch zugleich mit dem Teufel, oder vielmehr der Teufel zugleich mit dem Menschen dessen Geist gegen Abend. Zu bemerken ist, daß, wo hier der Himmel genannt wird, auch verstanden wird der Herr, weil der Herr alles in allem des Himmels ist, und wo der Teufel genannt wird, verstanden wird die Hölle, weil alle dort Teufel sind.

477. Daß der Mensch in diesem großen Zwischenraum gehalten wird, und zwar hier fortwährend in dessen Mitte, geschieht einzig zu dem Ende, daß er in freiem Willen in geistigen Dingen sei, denn dieses Gleichgewicht ist ein geistiges Gleichgewicht, weil es das zwischen Himmel und Hölle, somit zwischen dem Guten und Bösen ist. Alle, die in jenem großen Zwischenraum sind, sind ihrem Inwendigen nach entweder mit Engeln des Himmels oder mit Teufeln der Hölle verbunden, heutzutage aber entweder mit Engeln Michaels, oder mit Engeln des Drachen. Jeder Mensch begibt sich nach seinem Tode zu den Seinigen in jenem Zwischenreich, und gesellt sich zu denen, die in gleicher Liebe sind; denn die Liebe verbindet dort jeglichen mit gleichen, und macht, daß er frei Atem holt, und im Zustand seines vergangenen Lebens ist; allmählich jedoch wird dann das Äußere, das mit dem Inneren nicht eins ausmachte, abgelegt; und ist dies geschehen, so wird der Gute in den Himmel erhoben, und der Böse begibt sich in die Hölle, jeder zu solchen, mit denen er seiner herrschenden Liebe nach eins ausmacht.

478. Dies geistige Gleichgewicht, welches der freie Wille ist, kann aber versinnlicht werden durch die natürlichen Gleichgewichte. Es ist wie das Gleichgewicht eines Menschen, der um den Leib oder an den Armen zwischen zwei Männern von derselben Stärke gebunden ist, von denen der eine den in der Mitte befindlichen Menschen nach der Rechten, und der andere ihn nach der Linken hin zieht, wo dann der in der Mitte befindliche Mensch sich frei dahin und dorthin wenden kann, wie wenn er von keinerlei Kraft getrieben wäre, und wenn er sich zur Rechten hin wendet, so zieht er den zur Linken befindlichen Mann mit Gewalt an sich, bis der zur Linken befindliche Mann zur Erde fällt. Ebenso, wenn einer, selbst ein zum Kampf untauglicher, zwischen drei Männern zur Rechten, und ebenso vielen zur Linken von derselben Kraft gebunden wäre; und in gleicher Weise, wenn zwischen Kamelen oder Pferden. Das geistige Gleichgewicht, welches der freie Wille ist, kann verglichen werden mit einer Waage, in deren jegliche Schale gleich viel wiegende Gewichte gelegt sind, wo dann, wenn der Schale der einen Seite nur ein wenig zugelegt wird, der Waagbalken oben sich herüberschwingt; das gleiche geschieht auch mit einem Hebel oder einem großen Balken, der auf seinen Unterstützungspunkt gelegt ist. Alle und jede Dinge, die innerhalb des Menschen sind, wie das Herz, die Lunge, der Magen, die Leber, die Gekrösedrüse, Milz, Gedärme und die übrigen, sind in solchem Gleichgewicht, und daher kommt, daß jegliches in höchster Ruhe seinen Verrichtungen nachkommen kann; ebenso alle Muskeln, ohne ein solches Gleichgewicht derselben würde alle Wirkung und Gegenwirkung aufhören und der Mensch würde nicht mehr als Mensch handeln. Da also alle im Körper befindlichen Dinge in solchem Gleichgewicht stehen, so stehen auch alle im Gehirn befindlichen Dinge in einem ähnlichen, folglich auch die im Gemüt daselbst enthaltenen Dinge, die sich auf den Willen und Verstand beziehen. Auch die reißenden Tiere, die Vögel, Fische und Insekten, haben eine Freitätigkeit; allein diese werden von den Sinnen ihres Körpers getrieben, auf Eingebung der Gier und Lust; diesen wäre der Mensch nicht unähnlich, wenn er Freiheit des Handelns hätte, wie er Freiheit des Denkens hat. Auch er würde bloß von den Sinnen seines Körpers getrieben werden, unter Eingebung der Begierde und Lust; anders derjenige, der die geistigen Dinge der Kirche in sich aufnimmt und seinen freien Willen durch diese im Zaum hält; ein solcher wird vom Herrn von den Begierden und bösen Lüsten und deren angeborenen Gierigkeit abgeleitet und strebt nach dem Guten und verabscheut das Böse; dieser wird dann in der geistigen Welt vom Herrn näher nach Süd-Ost versetzt, und in die himmlische Freiheit, die wahrhaft Freiheit ist, eingeführt.