Der Glauben    

336. Aus der Weisheit der Alten floß das Dogma, daß das Weltall und alles und jedes in ihm sich auf das Gute und Wahre, und somit alles zur Kirche Gehörige auf die Liebe oder Liebtätigkeit und auf den Glauben zurückbeziehe, weil alles das, was aus der Liebe oder Liebtätigkeit hervorgeht, Gutes heißt, und alles, was aus dem Glauben hervorgeht, Wahres heißt. Da nun Liebtätigkeit und Glauben unterscheidbar zwei Dinge sind, gleichwohl aber im Menschen eins ausmachen, damit er ein Mensch der Kirche sei, das heißt, damit die Kirche im Menschen sei, so ist bei den Alten darüber gestritten und verhandelt worden, welches von diesen beiden das Erste sein solle, und was somit von Rechtswegen das Erstgeborene zu nennen sei. Einige von ihnen sagten, das Wahre, folglich der Glaube sei es, und einige das Gute, folglich die Liebtätigkeit; denn sie sahen, daß der Mensch sogleich nach der Geburt reden und denken, und durch dieses dem Verstand nach sich vervollkommnen lernt, was durch die Kenntnisse geschieht, und daß er so erfährt und einsehen lernt, was das Wahre ist, und hierdurch auch lernt und einsieht, was das Gute ist, mithin zuerst, was der Glaube, und nachher, was die Liebtätigkeit ist. Die, welche diese Sache so gefaßt hatten, meinten, das Wahre des Glaubens sei das Erstgeborene, und das Gute der Liebtätigkeit sei das Nachgeborene; weshalb sie auch dem Glauben den Vorrang und das Vorrecht der Erstgeburt zuerkannten. Allein diese überluden ihren Verstand mit einer solchen Menge von Beweisgründen für den Glauben, daß sie am Ende nicht sahen, daß der Glaube nicht Glaube ist, wenn er nicht mit der Liebtätigkeit verbunden, und daß auch die Liebtätigkeit nicht Liebtätigkeit ist, wenn sie nicht mit dem Glauben verbunden ist, und sie so eins

ausmachen, und daß widrigenfalls das eine und das andere nichts Wirkliches in der Kirche ist. Daß sie völlig eins ausmachen, wird im Nachfolgenden nachgewiesen werden: Allein in diesem Vorwort will ich mit wenigem enthüllen, wie oder in welcher Weise sie eins ausmachen; denn dies ist von Wichtigkeit, damit das Folgende in einigem Lichte stehe: der Glaube nämlich, unter dem auch das Wahre verstanden wird, ist das Erste der Zeit nach, die Liebtätigkeit hingegen, unter der auch das Gute verstanden wir, ist das Erste dem Endzweck nach, und das, was das Erste dem Endzweck nach ist, das ist in Wirklichkeit das Erste, weil das Vorzüglichere, somit auch das Erstgeborene; und das, was der Zeit nach das Erste ist, das ist nicht wirklich das Erste, sondern nur scheinbar.

Damit aber dies begriffen werde, soll es durch Vergleiche beleuchtete werden, und zwar mit der Erbauung eines Tempels, sowie auch eines Hauses, und mit der Anlegung eines Gartens und der Zurichtung eines Ackers: Mit der Erbauung eines Tempels: das erste der Zeit nach ist, den Grund legen, die Mauern aufführen, das Dach darauf setzen, und hernach den Altar hineinsetzen und eine Kanzel aufrichten; das Erste dem Endzweck nach aber ist der Gottesdienst darin, wegen dessen dies alles hergerichtet wird. Mit der Erbauung eines Hauses: das Erste der Zeit nach ist dessen Äußeres aufführen und es auch mit den mancherlei Dingen, welche notwendig sind versehen; das erste dem Endzweck nach aber ist die bequeme Wohnung für sich und die übrigen, die im Hause sein werden. Mit der Anlegung eines Gartens: das erste der Zeit nach ist, den Boden ebnen und das Erdreich zurichten, und die Bäume setzen und solches einsäen, was zum Nutzen dienen soll; das erste dem Endzweck nach aber ist die Nutznießung aus all diesem. Mit der Zurichtung eines Ackers: das erste der Zeit nach ist, das Land ebnen, pflügen eggen und hernach die Samen einsäen; das erste dem Endzweck nach aber ist die Ernte, somit auch der Nutzen. Aus diesen Vergleichen kann jeder den Schluß machen, was an sich das Erste ist. Beabsichtigt nicht jeder, wenn er einen Tempel oder ein Haus bauen, oder auch einen Garten anlegen und einen Acker urbar machen will, zuerst den Nutzen, und hält und bewegt er nicht diesen beständig im Gemüt, indem er die Mittel zu demselben herbeischafft? Wir schließen also, daß das Wahre des Glaubens das Erste der Zeit nach, das Gute der Liebtätigkeit hingegen das Erste dem Endzweck nach ist, und dies darum, weil es das Hauptsächliche, in Wirklichkeit im Gemüt das Erstgeborene ist. Allein, es ist notwendig zu wissen, was der Glaube und was die Liebtätigkeit, jedes seinem Wesen nach ist, und dies kann man nicht wissen, wenn nicht beide in ihre Abschnitte zerlegt werden, der Glaube in die seinigen und die Liebtätigkeit in die ihrigen. Die Abschnitte des Glaubens nun sind folgende:

I. Der seligmachende Glaube ist der an den Herrn Gott Heiland Jesus Christus.

II. Der Glaube besteht seinem kurzen Inhalt nach darin, daß, wer recht lebt und richtig glaubt, vom Herrn selig gemacht werde.

III. Der Mensch empfängt den Glauben dadurch, daß er sich an den Herrn wendet, die Wahrheiten aus dem Wort lernt und nach ihnen lebt.

IV. Die Menge der wie in einem Bündel zusammenhängenden Wahrheiten erhöht und vervollkommnet den Glauben.

V. Der Glaube ohne Liebtätigkeit ist kein Glaube, und die Liebtätigkeit ohne Glauben keine

Liebtätigkeit, und beide, wenn sie nicht vom Herrn kommen, sind nicht lebendig.

VI. Der Herr, die Liebtätigkeit und der Glaube machen eines aus, wie das Leben, der Wille und Verstand im Menschen, und wenn sie geteilt werden, geht jegliches zugrunde, wie eine in Staub zerfallene Perle.

VII. Der Herr ist die Liebtätigkeit und der Glaube im Menschen, und der Mensch ist die Liebtätigkeit und der Glaube im Herrn.

VIII. Die Liebtätigkeit und der Glaube sind beisammen in den guten Werken.

IX. Es gibt einen wahren Glauben, einen unechten Glauben und einen heuchlerischen Glauben.

X. Bei den Bösen ist kein Glaube.

Diese Punkte sollen nun im einzelnen erklärt werden.