Der Glaube an die Zurechnung des Verdienstes Christi war in der Apostolischen Kirche, die vorherging, nicht bekannt, und wurde nirgends im Wort verstanden

636. Die Kirche, die der Nicänischen Kirchenversammlung vorherging, hieß die Apostolische Kirche, und daß diese von großer Ausdehnung und in drei Weltteile Asien, Afrika und Europa verbreitet war, zeigt sich nicht nur am Kaiser Konstantin dem Großen, sondern auch an seiner Monarchie, die sich über mehrere, nachher geteilte Reiche Europas, aber auch auf die angrenzenden außerhalb Europas erstreckte, sofern er nämlich ein Christ und ein Eiferer für die Religion war, weshalb er, wie oben gesagt worden ist, die Bischöfe aus Asien, Afrika und Europa in seine Residenz zu Nicäa, einer Stadt in Bithynien, zusammenberief, um die Ärgernisse des Arius aus seinem Reiche zu verbannen. Dies ist infolge einer Fügung der göttlichen Vorsehung des Herrn geschehen, weil, wenn die Göttlichkeit des Herrn geleugnet wird, die christliche Kirche hinstirbt und zu einem Grabmal wird mit der Aufschrift: ‚Hier liegt sie‘. Die Kirche, die vor dieser Zeit bestand, hieß die Apostolische, und die ausgezeichneten Schriftsteller dieser Kirche wurden Väter, die wahren Christen aber, die ihnen zur Seite waren, Brüder genannt. Daß diese Kirche nicht drei göttliche Personen und daher auch nicht einen Sohn Gottes von Ewigkeit anerkannte, sondern bloß einen in der Zeit geborenen Sohn Gottes erhellt aus dem Glaubensbekenntnis, das von ihrer Kirche her das Apostolische genannt wurde, und in dem man folgendes liest: ‚Ich glaube an Gott den Vater, den Allmächtigen, Schöpfer Himmels und der Erde. Und an Jesus Christus, Seinen einzigen Sohn, unseren Herrn, Der empfangen ist vom Heiligen Geist, geboren aus der Jungfrau Maria. Ich glaube an den Heiligen Geist, eine heilige allgemeine Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen‘, woraus erhellt, daß sie keinen anderen Sohn Gottes anerkannten, als den vom Heiligen Geist empfangenen und aus der Jungfrau Maria geborenen, und durchaus keinen von Ewigkeit geborenen Sohn Gottes. Dieses Glaubensbekenntnis ist, gleich den zwei anderen, von der ganzen christlichen Kirche bis auf den heutigen Tag als ein echt allgemeines anerkannt worden.

637. Daß in jener ersten Zeit alle in der damaligen christlichen Welt anerkannten, daß der Herr Jesus Christus Gott sei, Dem alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben ist, und Macht über alles Fleisch, nach Seinen eigensten Worten, Matth.28/18; Joh.17/2; und daß sie an Ihn glaubten, nach Seinem Gebot aus Gott dem Vater, Joh.3/15,16,36; 6/40; 11/25,26; auch dies geht deutlich hervor aus der Zusammenberufung aller Bischöfe durch den Kaiser Konstantin den Großen, für den Zweck, den Arius und seine Anhänger, welche die Göttlichkeit des von der Jungfrau Maria geborenen Herrn und Heilandes leugneten, aus der Heiligen Schrift zu überführen und zu verdammen; und dies geschah zwar, allein indem sie den Wolf vermeiden wollten stießen sie auf den Löwen, oder, wie man im Sprichwort sagt, wer die Charybdis vermeiden will, gerät in die Scylla, sofern sie nämlich einen Sohn Gottes von Ewigkeit erdichteten, der herabstieg und das Menschliche annahm; indem sie glaubten, dem Herrn so die Göttlichkeit gerettet und wiederhergestellt zu haben, nicht wissend, daß Gott selbst, der Schöpfer des Weltalls, herabkam, um Erlöser, und so von neuem Schöpfer zu werden, nach folgenden deutlichen Stellen im Alten Testament: Jes.25/9; 40/3,5,10,11; 43/14; 44/6,24; 47/4; 48/17; 49/7,26; 60/16; 63/16; Jer.50/34; Hos.13/4; Ps.19/15; denen man noch Joh.1/15 beifüge.

638. Jene Apostolische Kirche kann, weil sie den Herrn Gott Jesus Christus, und zugleich dann in Ihm Gott den Vater verehrte, verglichen werden mit dem Garten Gottes, und Arius, der damals aufstand, mit der aus der Hölle heraufgesandten Schlange, und das Nicänische Konzil mit dem Weib Adams, welches ihrem Mann die Frucht hinreichte und ihn überredete, nach deren Genuß beide sich als nackt erschienen, und ihre Blöße mit Feigenblättern bedeckten; unter der Blöße wird die Unschuld verstanden, in der sie früher waren, und unter den Feigenblättern die Wahrheiten des natürlichen Menschen, die allmählich verfälscht wurden. Jene Urkirche kann auch mit der Morgendämmerung und Morgenhelle verglichen werden, von der aus der Tag fortschritt bis zur zehnten Stunde, wo dann aber ein dichtes Gewölk dazwischentrat, unter dem der Tag fortschritt bis zum Abend, und nach diesem in die Nacht, in der für einige der Mond aufging, in dessen Licht etliche etwas aus dem Wort sahen, und die übrigen in nächtliches Dunkel hineinschritten bis dahin, daß sie nichts von Göttlichkeit in der Menschheit des Herrn sahen, obgleich Paulus sagt, daß in „Jesus Christus die ganze Fülle der Göttlichkeit leiblich wohne“: Kol.2/9, und 1Joh.5/20,21: daß „der in die Welt gesandte Sohn Gottes der wahre Gott und das ewige Leben sei“. Die ursprüngliche oder Apostolische Kirche konnte überall nicht ahnen, daß eine Kirche folgen würde, die mehrere Götter im Herzen, und einen mit dem Munde verehren, welche die Liebtätigkeit vom Glauben, die Sündenvergebung von der Buße und der Befleißigung eines neuen Lebens abtrennen, und die ein völliges Unvermögen in geistigen Dingen einführen würde; und am allerwenigsten, daß ein Arius das Haupt erheben und nach seinem Tode wieder auferstehen und heimlich bis ans Ende herrschen würde.

639. Daß nicht irgendein das Verdienst Christi zurechnender Glaube im Wort verstanden wurde, erhellt deutlich daraus, daß dieser Glaube in der Kirche nicht früher bekannt war, als nachdem die Nicänische Kirchenversammlung drei göttliche Personen von Ewigkeit eingeführt hatte; und nachdem dieser Glaube eingeführt war und sich über die ganze Christenheit verbreitet hatte, ward jeder andere Glaube in die Finsternis hinausgestoßen, weshalb jeder, der nun das Wort liest, und auf Glauben, Zurechnung und Verdienst Christi darin stoßt, von selbst auf jenes verfällt, das er für das Einzige hielt; gerade wie wenn jemand auf die Schrift einer Seite hinsieht, und dabei stehenbleibt und das Blatt nicht umwendet, und dann anderes sieht. Oder wie wenn jemand sich einredet, das oder das sei wahr, obgleich es falsch ist, und es allein begründet, wo er dann das Falsche als Wahres, und das Wahre als Falsches ansieht, ein solcher würde nachher die Zähne zusammenbeißen und mit dem Mund jedem, der es bestreitet, entgegenzischen und sagen: ‚Dir fehlt die Einsicht‘; sein Gemüt ist ganz davon eingenommen, wie mit einer dicken und harten Haut überzogen, und stoßt als irrgläubig alles zurück, was mit seiner sogenannten Rechtgläubigkeit nicht zusammenstimmt, denn sein Gedächtnis ist wie eine Tafel, auf die diese einzige herrschende Lehre geschrieben ist; tritt etwas anderes ein, so findet es keine Stelle, wo es eingerückt werden könnte; weshalb es dasselbe auswirft, wie der Mund den Schaum. So sage zum Beispiel einem bestärkten Naturalisten, der entweder glaubt, die Natur habe sich selbst geschaffen, oder Gott sei nach der Natur entstanden, oder die Natur und Gott seien eines, - es verhalte sich damit ganz umgekehrt, würde ein solcher dich nicht als einen durch Priestermärchen Betrogenen, oder als einen Einfältigen, oder als einen Schwachkopf, oder als einen Narren ansehen? Ebenso verhält es sich mit allem, was die Beredung und Bestärkung befestigt haben; es erscheint zuletzt wie gemalte Tapeten auf einer aus verwitterten Steinchen zusammengeleimten Wand mit vielen Nägeln befestigt.