Der freie Wille

463. Bevor ich wirklich darangehe, die Lehre der neuen Kirche vom freien Willen vorzutragen, ist notwendig, erst dasjenige vorauszuschicken, was die heutige Kirche in ihren Lehrvorschriften darüber lehrt, weil, wenn dies nicht geschieht, ein Mensch, der gesunde Vernunft und Religion hat, glauben könnte, es sei nich der Mühe wert, etwas Neues darüber zu schreiben; denn er würde bei sich sagen: Wer weiß nicht, daß der Mensch freien Willen in geistigen Dingen hat? Welchen Sinn hätte es denn sonst, wenn die Priester predigen, man solle an Gott glauben, solle sich bekehren, solle nach den Geboten im Wort leben, solle kämpfen gegen die Begierden seines Fleisches und sich zu einer neuen Kreatur machen, und dergleichen mehr? Er könnte daher bei sich nicht anders denken, als daß alle diese Dinge nur windige Worte seien, wenn es gar keinen freien Willen in Dingen des Heiles gäbe, und daß diesen leugnen, eine Verrücktheit wäre, weil wider den allgemeinen Menschenverstand. Daß aber gleichwohl die heutige Kirche sich auf die entgegengesetzte Seite wendet und denselben aus ihren Tempeln hinausstößt, kann aus dem Buch, genannt die Konkordienformel, auf das die Evangelischen schwören, und zwar aus den Stellen derselben erhellen, die hier folgen; daß die gleiche Lehre und somit der gleiche Glaube betreffend den freien Willen auch bei den Reformierten sei, mithin der gleiche in der ganzen christlichen Welt, somit in Deutschland, Schweden, Dänemark, England und Holland, erhellt aus ihren Lehrvorschriften. So sind denn folgende Stellen wörtliche Auszüge aus der Konkordienformel, in der Leipziger Ausgabe vom Jahr 1756.

464.

I. Die Lehrer der Augsburgischen Konfession behaupten, „daß der Mensch infolge des Falls der ersten Eltern so völlig verdorben worden sei, daß er in geistigen Dingen, die unsere Bekehrung und Seligkeit betreffen, von Natur blind sei, so daß er das gepredigte Wort Gottes weder verstehe, noch verstehen könne, sondern es für eine Torheit halte, und sich niemals von sich selbst zu Gott nahe, sondern vielmehr ein Feind Gottes sei und bleibe, bis er durch die Kraft des Heiligen Geistes mittelst des gepredigten und gehörten Wortes, aus bloßer Gnade, ohne alle eigene Mitwirkung bekehrt, mit dem Glauben beschenkt, wiedergeboren und erneuert werde“: Seite 656.

  II. „Wir glauben, daß des unwiedergeborenen Menschen Verstand, Herz und Wille in geistigen und göttlichen Dingen aus eigenen natürlichen Kräften durchaus nichts verstehen, glauben, fassen, denken, wollen, anfangen, vollenden, tun, wirken und mitwirken könne, sondern der Mensch zum Guten so völlig verdorben und tot sei, daß in des Menschen Natur nach dem Fall, vor der Wiedergeburt, auch nicht ein Funke geistiger Kräfte übriggeblieben sei, womit er sich zur Gnade Gottes vorbereiten, oder die dargebotene ergreifen, oder sich dazu geschickt machen, oder durch sich für diese empfänglich sei, oder durch eigene Kräfte zu seiner Bekehrung entweder im Ganzen oder zur Hälfte oder dem geringsten Teile nach, aus sich selbst oder wie aus sich selbst, etwas beitragen, tun, wirken oder mitwirken könne, sondern, daß der Mensch ein Knecht der Sünde und ein Sklave des Satans sei, von dem er getrieben wird; daher auch selbst sein natürlicher freier Wille hinsichtlich der verdorbenen Kräfte und seiner verschlechterten Natur nur zu dem, was Gott mißfällig und zuwider ist, tätig und wirksam ist“: Seite 656.

III. „Daß der Mensch in bürgerlichen und natürlichen Dingen eifrig und geschickt ist, in geistigen und göttlichen Dingen aber, die das Heil der Seele betreffen, ein Klotz, Stein und dem zur Salzsäule gewordenen Weibe Lots gleich ist, die weder den Gebrauch der Augen, noch den des Mundes, noch irgendwelcher Sinne haben“: Seite 661.

IV. „Daß der Mensch zwar die Kraft habe, sich von der Stelle zu bewegen, oder die äußeren Glieder regieren, das Evangelium hören und einigermaßen darüber nachdenken könne, daß er aber gleichwohl dasselbe in seinen stillen Gedanken als eine Torheit verachte und nicht glauben könne, und in dieser Beziehung noch schlimmer sei als ein Klotz, wofern nicht der Heilige Geist in ihm wirksam ist und den Glauben und andere, Gott gefällige Tugenden nebst dem Gehorsam, in ihm anzündet und wirkt“: Seite 662.

V. „Man kann in gewissem Betracht sagen, der Mensch sei nicht Stein, noch Klotz; denn ein Stein und Klotz widerstrebt nicht, und versteht oder empfindet nicht was mit ihm vorgeht, wie der Mensch mit seinem Willen Gott widerstrebt, bis er zu Gott bekehrt worden ist; und doch ist wahr, daß der Mensch vor der Bekehrung ein vernünftiges Geschöpf ist, das Verstand hat, obwohl nicht in göttlichen Dingen, und einen Willen, jedoch nicht so, daß er irgend heilbringendes Gutes wollte; dennoch aber kann er zu seiner Bekehrung nichts beitragen, und ist insofern schlimmer als ein Klotz und Stein“: Seite 672, 673.

VI. „Daß die ganze Bekehrung ein Wirken, Geschenk und Werk des Heiligen Geistes allein sei, der sie durch seine Kraft und Gewalt mittelst des Wortes im Verstand, Herzen und Willen des Menschen, als einem passiven Träger, indem der Mensch nichts dabei tut, sondern bloß leidet, hervorbringe und wirke; was jedoch nicht auf die Art geschehe, wie wenn eine Bildsäule aus einem Stein gebildet, oder ein Siegel in Wachs eingedrückt wird, weil das Wachs weder Bewußtsein noch Willen hat“: Seite 681.

VII. „Nach den Aussprüchen gewisser Väter und neuerer Lehrer zieht Gott den Menschen, aber mit dessen Willen, so daß der Mensch bei der Bekehrung etwas tut; allein dies ist der gesunden Lehre nicht gemäß; denn es bestätigt die falsche Meinung, von den Kräften des menschlichen Willens bei der Bekehrung“: Seite 582.

VIII. „Daß in äußeren Dingen der Welt, die der Vernunft unterworfen sind, den Menschen noch etwas von Verstand, von Kräften und Fähigkeiten übriggelassen sei, wiewohl diese armseligen Überreste sehr schwach sind, und gerade sie, wie geringfügig sie auch sind, durch die Erbkrankheit mit Gift angesteckt und befleckt sind, so daß sie vor Gott keinen Wert haben“: Seite 641.

IX. „Daß der Mensch bei der Bekehrung, durch die er aus einem Sohn des Zorns ein Sohn der Gnade wird, nicht mit dem Heiligen Geist zusammenwirke, weil die Bekehrung des Menschen einzig und allein das Werk desselben ist“: Seite 219, 579f, 663f, Anhang Seite 143.

„Daß jedoch der wiedergeborene Mensch durch die Kraft des Heiligen Geistes, obgleich noch viele Schwachheit mit unterläuft, mitwirken könne, und daß er, inwieweit und wie lang er vom Heiligen Geist geführt, regiert und geleitet wird, gut wirke, gleichwohl jedoch mit dem Heiligen Geist nicht so zusammenwirke, wie zwei Pferde zusammen einen Wagen ziehen“: Seite 674.

X. „Die Erbsünde ist nicht ein gewisses Vergehen, das durch die Tat begangen wird, sondern hängt inwendigst des Menschen Natur, Substanz und Wesen fest an, und ist der Brunnquell aller wirklichen Sünden, dergleichen sind die schlimmen Gedanken, Reden und bösen Werke“: Seite 577.

„Diese Erbkrankheit, durch welche die ganze Natur des Menschen verdorben wurde, ist eine schauderhafte Sünde, und zwar der Grund und das Haupt aller Sünden, aus dem, als der Wurzel und Quelle, alle Übertretungen hervorgehen“: Seite 640 [a].

„Daß die Natur durch diese Sünde wie durch einen geistigen Aussatz durchaus und selbst in den innersten Teilen und den verborgensten Winkeln des Herzens ganz und gar vor Gott angesteckt und verdorben sei, und wegen dieser Verderbnis die Person des Menschen vom Gesetz Gottes angeklagt und verdammt werde, so daß wir von Natur Kinder des Zorns und Sklaven des Todes und der Verdammnis sind, wofern wir nicht durch die Wohltat des Verdienstes Christi von diesen Übeln befreit und errettet werden“: Seite 639 [b].

„Daß infolgedessen ein gänzlicher Mangel oder Verlust der im Paradies anerschaffenen ursprünglichen Gerechtigkeit, oder des Ebenbildes Gottes, und von daher das Unvermögen, die Untüchtigkeit und Blödsinnigkeit komme, vermöge welcher der Mensch zu allen göttlichen und geistigen Dingen völlig unfähig ist. Daß statt des verlorenen Ebenbildes Gottes im Menschen die innerste, ärgste, tiefste, unerforschliche, unaussprechliche Verderbnis der ganzen Natur und aller Kräfte, besonders der oberen und vornehmsten Vermögen der Seele, im Gemüt, Verstand, Herzen und Willen sei“: Seite 640 [b].

465. Dies sind die Vorschriften, Lehrbestimmungen und Satzungen der heutigen Kirche über den freien Willen des Menschen in geistigen und natürlichen Dingen, sowie auch über die Erbsünde. Sie sind zu dem Ende angeführt worden, damit die Vorschriften, Lehrbestimmungen und Satzungen der neuen Kirche hierüber desto einleuchtender hervortreten; denn aus den zwei so nebeneinandergestellten Formeln tritt die Wahrheit im Licht hervor, wie dies bei Gemälden geschieht, in denen einem häßlichen Gesicht ein schönes Gesicht an die Seite gesetzt wird, welche dann, wenn sie zusammen gesehen werden, die Schönheit des einen und die Häßlichkeit des anderen deutlich vor dem Auge hervortreten lassen. Folgendes sind die Satzungen der neuen Kirche über diesen Gegenstand.