Das sittliche Leben ist Liebtaetigkeit, wenn es zugleich geistig ist  

443. Jeder Mensch lernt von den Eltern und Lehrern sittlich leben, das heißt, eine bürgerlich gute Person vorstellen und die Pflichten der Ehrenhaftigkeit erfüllen, die sich auf die mancherlei Tugenden beziehen, welche die wesentlichen Stücke der Ehrenhaftigkeit sind, und sie darstellen durch ihre Formen, welche die des Anstandes heißen, und wie er an Alter zunimmt, das Vernünftige hinzufügen und das Sittliche des Lebenswandels durch dasselbe vervollkommnen; denn das sittliche Leben ist bei den Knaben bis zum ersten Jünglingsalter ein natürliches, und dieses wird hernach mehr und mehr vernünftig. Wer gehörig nachdenkt, kann sehen, daß das sittliche Leben dasselbe ist mit dem Leben der Liebtätigkeit, und daß dieses darin besteht, daß man mit dem Nächsten gut verfährt, und sich so beherrscht, daß es nicht durch Böses befleckt wird, folgt aus dem, was oben Nr. 435-438 gezeigt worden ist. Immer jedoch ist in der ersten Altersperiode das sittliche Leben ein Leben der Liebtätigkeit im Äußersten, das heißt, nur dessen auswendiger und voranstehender, nicht sein inwendiger Teil. Es gibt nämlich vier Lebensperioden, die der Mensch von der Kindheit bis zum Greisenalter durchläuft; die erste ist die, in der er aus anderen handelt gemäß den Unterweisungen; die zweite ist die, in der er aus sich handelt unter Leitung des Verstandes; die dritte die, in welcher der Wille auf den Verstand einwirkt, und der Verstand diesen modifiziert; die vierte ist die, in der er aus Bestärkung und Vorsatz handelt. Allein diese Lebensperioden sind Lebensperioden des Geistes des Menschen und nicht in gleicher Weise seines Körpers; denn dieser kann moralisch handeln und vernünftig reden, während sein Geist das Gegenteil will und denkt. Daß der natürliche Mensch wirklich so ist, zeigt sich deutlich an den Gleisnern, Schmeichlern, Lügnern und Heuchlern; daß diese ein doppeltes Gemüt haben, oder daß ihr Gemüt in zwei miteinander uneinige geteilt ist, ist bekannt. Anders bei denen, die gut wollen und vernünftig denken, und daher gut handeln und vernünftig reden; dies sind die, welche im Wort unter den Einfältigen am Geiste verstanden werden; Einfältige heißen sie, weil sie kein geteiltes Gemüt haben. Hieraus kann man sehen, was eigentlich unter dem inneren und äußeren Menschen verstanden wird, und daß niemand von der Moralität des äußeren Menschen schließen kann auf die Moralität des inneren Menschen, weil dieser in entgegengesetzter Richtung sein und sich verbergen kann, wie die Schildkröte ihren Kopf in der Muschelschale, und wie die Schlange ihren Kopf in der Windung; denn ein solcher sogenannter moralischer Mensch ist wie der Straßenräuber in der Stadt und im Wald, der in der Stadt eine sittliche Person vorstellt, im Wald aber den Räuber. Ganz anders die, welche innerlich oder dem Geiste nach moralisch sind, was sie werden durch die Wiedergeburt vom Herrn; sie sind die, welche unter den Geistig-Moralischen verstanden werden.

444. Daß das moralische Leben, wenn es zugleich geistig ist, ein Leben der Liebtätigkeit ist, gründet sich darauf, daß die Übungen des moralischen Lebens und die der Liebtätigkeit dieselben sind; denn Liebtätigkeit ist, dem Nächsten wohl wollen und daher auch gut mit ihm verfahren, und dies ist auch Sache des moralischen Lebens. Das geistige Gesetz ist das des Herrn: „Alles, was ihr wollt, das euch die Leute tun sollen, das tut auch ihr ihnen, dies ist das Gesetz und die Propheten“: Matth.7/12; eben dieses Gesetz ist das allumfassende des moralischen Lebens. Allein alle Werke der Liebtätigkeit aufzählen und sie mit den Werken des moralischen Lebens vergleichen, wäre ein Werk vieler Blätter; zur Beleuchtung sollen bloß die sechs Vorschriften der zweiten Tafel des Gesetzes der Zehn Gebote dienen; und daß diese die Zehn Gebote des moralischen Lebens sind, ist jedem offenbar, und daß sie auch alles in sich enthalten, was zur Nächstenliebe gehört, sehe man oben Nr. 329-331. Daß die Liebtätigkeit diese alle erfüllt, erhellt aus folgendem bei Paulus: „Liebet euch einander, denn wer den anderen liebt, hat das Gesetz erfüllt; denn jenes: du sollst nicht ehebrechen, nicht morden, nicht stehlen, nicht ein falscher Zeuge sein, dich nicht gelüsten lassen, und wenn noch ein anderes Gebot ist, wird in dem einen Wort zusammengefaßt: Du sollst den Nächsten lieben wie dich selbst; die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Erfüllung des Gesetzes ist also die Liebe“: Rö.13/8-10. Wer bloß aus dem äußeren Menschen denkt, muß sich notwendig wundern, daß die sieben Gebote der zweiten Tafel von Jehovah auf dem Berge Sinai mit einem so großen Wunder verkündet wurden, während doch ebendieselben in allen Reichen der Erde, folglich auch in Ägypten, von wo die Kinder Israels nur eben erst gekommen waren, die Gebote des Gesetzes der bürgerlichen Gerechtigkeit waren; denn ohne sie hat kein Reich Bestand. Allein daß sie von Jehovah verkündetet, und überdies mit Seinem Finger auf steinerne Tafeln geschrieben wurden, geschah darum, daß sie nicht bloß Vorschriften der bürgerlichen Gesellschaft, und so des natürlich-moralischen Lebens, sondern auch Vorschriften der himmlischen Gesellschaft, und so des geistig-moralischen Lebens sein sollten, und somit gegen sie handeln, nicht bloß gegen die Menschen, sondern auch gegen Gott handeln hieße.

445. Betrachtet man das sittliche Leben in seinem Wesen, so kann man sehen, daß es ein Leben nach den menschlichen und zugleich den göttlichen Gesetzen ist; wer daher nach diesen beiden Gesetzen als nach einem lebt, der ist ein wahrhaft sittlicher Mensch, und sein Leben ist Liebtätigkeit. Jeder kann, wenn er will, aus dem äußeren sittlichen Leben sich klar machen, wie die Liebtätigkeit beschaffen ist; man trage nur das äußerlich sittliche Leben, wie es in den gebildeten Gesellschaften ist, in den inneren Menschen über, so daß es in dessen Wollen und Denken den Handlungen im äußeren ähnlich und gleichförmig ist, so wird man die Liebtätigkeit in ihrem Bild sehen.