Das Erste der Liebtaetigkeit ist, das Boese zu entfernen, und ihr Zweites, das Gute zu tun, das dem Nächsten zum Nutzen gereicht

435. In der Lehre von der Liebtätigkeit nimmt die erste Stelle der Satz ein, daß das Erste der Liebtätigkeit sei, dem Nächsten nichts Böses tun, und die zweite, ihm Gutes tun. Dieser Lehrsatz ist wie die Türe zur Lehre der Liebtätigkeit. Bekannt ist, daß dem Willen jedes Menschen von Geburt her Böses innewohnt, und weil alles Böse auf den Menschen in der Nähe und in der Ferne, und auch auf die Gesellschaft und das Vaterland gerichtet ist, so folgt, daß das Erbböse Böses gegen den Nächsten in allen Graden ist. Der Mensch kann schon aus seiner Vernunft sehen, daß, inwieweit das dem Willen innewohnende Böse nicht entfernt wird, insoweit das Gute, das er tut, von diesem Bösen geschwängert ist; denn es ist alsdann Böses inwendig im Guten, wie der Kern in der Schale und wie das Mark im Knochen. Obgleich daher das Gute, das von einem solchen Menschen geschieht, als Gutes erscheint, so ist es doch inwendig nicht gut, denn es ist wie eine glänzende Schale, innerhalb welcher der Kern von Würmern zerfressen; auch ist es wie eine weiße Mandel, innerhalb welcher Fäulnis ist, von der faulige Adern bis an die Oberfläche hervorlaufen. Böses wollen und Gutes tun sind in sich zwei Gegensätze; denn das Böse ist [eine Wirkung] des Hasses gegen den Nächsten, und das Gute ist [eine Wirkung] der Liebe gegen den Nächsten, oder das Böse ist ein Feind des Nächsten, und das Gute ist dessen Freund; diese beiden können nicht in einem Gemüt beisammen sein, das heißt, im inneren Menschen Böses, und im äußeren Menschen Gutes; sind sie beisammen, so ist das Gute im äußeren Menschen wie eine palliativ geheilte Wunde, in der inwendig in Fäulnis geratener Eiter ist. Der Mensch ist dann wie ein Baum, dessen Wurzel morsch ist und der dennoch Früchte bringt, die auswendig als schmackhafte und genießbare Früchte erscheinen, inwendig aber widrig und ungenießbar sind. Sie sind auch wie weggeworfene Schlacken, die, auswendig geschliffen und schön gefärbt, als Edelsteine feilgeboten werden; mit einem Wort, sie sind wie Uhueier, von denen man glauben macht, daß sie Taubeneier seien. Der Mensch soll wissen, daß das Gute, das der Mensch mit dem Körper tut, von seinem Geist oder aus seinem inneren Menschen hervorgeht; der innere Mensch ist sein Geist, der nach dem Tode fortlebt; wenn daher der Mensch den Körper, der seinen äußeren Menschen gebildet hat, ablegt, so ist er dann ganz und gar im Bösen, und hat an diesem seine Freude, und wendet sich ab vom Guten als dem seinem Leben feindlich Gegenüberstehenden. Daß der Mensch das Gute, das an sich gut ist, nicht tun kann, bevor das Böse entfernt ist, lehrt der Herr in vielen Stellen: „Man sammelt nicht Trauben von den Dornen, noch Feigen von den Disteln; ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen“: Matth.7/16-18. „Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr reinigt das Äußere des Bechers und der Schüssel, das Inwendige aber ist voll Raubs und Unmäßigkeit; blinder Pharisäer, reinige zuvor das Inwendige des Bechers und der Schüssel, damit auch das Auswendige rein werde“: Matth.23/25,26. Und bei Jes.1/16-18: „Waschet euch, entfernt die Bosheit eurer Werke, höret auf, Böses zu tun; lernet Gutes tun, trachtet nach Recht, dann, wären eure Sünden auch wie Scharlach, sollen sie weiß wie Schnee werden, wären sie wie Purpur, sie sollen wie Wolle werde“.

436. Dies kann weiter beleuchtet werden durch folgende Vergleiche: Es kann niemand zu einem anderen, der einen Leoparden und einen Panther in seinem Zimmer verwahrt, und weil er ihnen zu fressen gibt, sicher mit ihnen zusammenwohnt, hineingehen, wofern er nicht zuvor diese wilden Tiere entfernt hat. Wer, der zur Tafel des Königs und der Königin geladen ist, wird nicht zuvor Gesicht und Hände waschen, bevor er hineintritt? Wer reinigt nicht durchs Feuer die Minen und scheidet sie von den Schlacken, bevor er reines Gold und Silber erhält? Wer sondert nicht das Unkraut vom eingeernteten Weizen, bevor er diesen in die Scheuer bringt? Wer schäumt nicht beim Kochen das rohe Fleisch erst ab, bevor es eßbar und auf den Tisch gesetzt wird? Wer schüttelt nicht die Raupen ab von den Blättern des Baumes im Garten, damit nicht die Blätter abgefressen werden, und so die Frucht zugrunde gehe? Wer wird eine Jungfrau lieben und sie zu heiraten beabsichtigen, wenn sie doch mit Bösartigem behaftet, und mit Blattern und Geschwüren bedeckt ist, wie sehr sie auch das Gesicht schminke, sich prächtig kleide und durch einschmeichelnde Worte Liebe zu erwecken suche? Daß der Mensch sich selbst vom Bösen reinigen muß, ist vergleichsweise so, wie wenn ein Knecht, mit von Ruß und Kot besudeltem Gesicht und Kleid einhergehend, zu seinem Herrn träte und sagte: Herr, wasche mich ab! Würde nicht der Herr zu ihm sagen: Törichter Knecht, was sprichst du? Siehe, hier ist Wasser, Seife und Leintuch; hast du nicht Hände und Kraft in ihnen? Wasche dich selbst ab! Und der Herr Gott wird sagen: Es gibt Mittel der Reinigung von Mir, und auch dein Wollen und Können ist von Mir; gebrauche also diese Meine Geschenke und Gaben als die deinigen, so wirst du gereinigt werden.

437. Man glaubt heutzutage, die Liebtätigkeit sei nur Gutes tun, infolgedessen man dann das Böse nicht tue, mithin sei das Erste der Liebtätigkeit das Tun des Guten, und das Zweite derselben das Nicht-Tun des Bösen. Es ist aber gerade umgekehrt, das Erste der Liebtätigkeit ist, das Böse entfernen, und ihr Zweites ist, das Gute tun. Denn ein allgemeines Gesetz in der geistigen Welt, und infolgedessen auch in der natürlichen Welt ist, daß inwieweit man das Böse nicht will, insoweit man das Gute will, inwieweit man also sich von der Hölle abwendet, von der alles Böse heraufsteigt, insoweit man dem Himmel sich zuwendet, von dem alles Gute herabsteigt; daß man mithin auch, inwieweit man den Teufel verwirft, insoweit vom Herrn angenommen wird. Man kann nicht zwischen beiden stehen mit drehbarem Hals, und zugleich zu dem einen und zum anderen beten; denn solche sind es, von denen der Herr sagt: „Ich kenne deinen Werke, daß du weder kalt, noch warm bist, wärest du doch kalt oder warm! Da du aber lau bist, und weder kalt, noch warm, so werde Ich dich ausspeien aus Meinem Munde“: Offb.3/15,16. Wer kann mit seinem Reiterhaufen zwischen zwei Kriegsheeren hin und her plänkeln und zu beiden halten? Wer kann im Bösen sein gegen den Nächsten und zugleich im Guten gegen ihn? Verbirgt sich dann nicht das Böse im Guten?

Und wenn schon das Böse, das sich verbirgt, nicht in Handlungen erscheint, so offenbart es sich doch in vielem, wenn man gehörig darauf merkt; der Herr sagt: „Kein Knecht kann zweien Herren dienen; ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“: Luk.16/13.

438. Allein sich vom Bösen reinigen kann niemand aus eigener Macht und aus eigenen Kräften, dennoch aber kann es nicht geschehen ohne des Menschen Macht und Kräfte, als ob sie sein eigen wären; wären diese nicht, so könnte niemand gegen das Fleisch und dessen Lüste kämpfen, was doch jeglichem auferlegt ist; ja er würde nicht einmal an irgendwelchen Kampf denken, somit sein Gemüt allen Arten des Bösen sich öffnen lassen, und bloß durch die in der Welt gegebenen Gesetze der Gerechtigkeit und durch deren Strafen davon abgehalten werden hinsichtlich des [äußeren] Tuns, und wäre so inwendig wie ein Tiger, ein Pardel und eine Schlange, die über die grausamen Lustreize ihrer Triebe niemals Betrachtungen anstellen. Hieraus erhellt, daß der Mensch, weil er vor den wilden Tieren die Vernunft voraus hat, dem Bösen widerstehen soll mit der Macht und den Kräften, die ihm vom Herrn gegeben sind, und die ihm in jedem Sinn als seine eigenen erscheinen, und dieser Anschein ist jedem Menschen vom Herrn gegeben worden um der Wiedergeburt, Zurechnung, Verbindung und Seligmachung willen.