Das blosse Mundbekenntnis, man sei ein Sünder, ist nicht die Busse

516. Von diesem Bekenntnis des Mundes lehren die zur Augsburgischen Konfession sich haltenden Protestanten folgendes: „Niemand kann Jesajah seine Sünden wissen, daher sie nicht aufgezählt werden können; es gibt auch inwendigere und verborgene, daher das Bekenntnis falsch, ungewiß, mangelhaft und verstümmelt wäre. Wer hingegen bekennt, er sei ganz und gar lauter Sünde, der umfaßt alle Sünden, schließt keine aus, und vergißt keine. Dennoch aber soll die Aufzählung der Sünden, obschon sie nicht notwendig ist, auch nicht aufgehoben werden, um der zarten und ängstlichen Gewissen willen, allein sie ist nur die knabenhafte und gemeine Bekenntnisform für die Einfältigeren und Unwissenden“: Konkordienformel Seite 327,331,380. Dieses Bekenntnis ist aber statt der durch die Tat bezeugten Buße von den Protestanten, nachdem sie sich von den Römisch-Katholischen getrennt hatten, angenommen worden, weil es sich auf ihren Zurechnungsglauben gründet, der allein ohne die Liebtätigkeit, und so auch ohne die Buße, Vergebung der Sünden bewirke und den Menschen wiedergebäre; sowie auch, weil er sich auf das von diesem Glauben untrennbare Anhängsel gründet, daß bei dem Akt der Rechtfertigung kein Mitwirken des Menschen mit dem Heiligen Geist statthabe; und weiter darauf, daß niemand freien Willen in geistigen Dingen habe; und endlich darauf, daß alles ein Werk der unmittelbaren Barmherzigkeit und ganz und gar nicht einer vom Menschen und durch ihn vermittelten sei.

517. Daß das bloße Mundbekenntnis, man sei ein Sünder, nicht die Buße ist, hat neben manchen Gründen auch den, daß jeglicher Mensch, auch der Gottlose und selbst der Teufel, so etwas ausrufen kann, und zwar dies mit äußerlicher Frömmigkeit, wenn er an die bevorstehenden und gegenwärtigen Qualen in der Hölle denkt; allein wer sieht nicht, daß dies nicht aus irgendwelcher inneren Frömmigkeit geschieht, mithin eine Wirkung der Phantasie und aus ihr der Lunge, nicht aber des Willens von Innen her, und somit nicht des Herzens ist? Denn der Gottlose und der Teufel brennen gleichwohl inwendig von Begierden der Liebe Böses zu tun, von denen sie umgetrieben werden wie die Windmühlen von den Stürmen; deshalb ist ein Ausruf dieser Art nichts anderes, als ein Kunstgriff, Gott zu täuschen, oder die Einfältigen zu betrügen, um der Lossprechung willen; denn was ist leichter, als die Lippen zu Ausrufen zu zwingen, damit den Hauch des Mundes in Übereinstimmung zu bringen, und die Augen emporzurichten und die Hände nach oben zu heben? Es ist dies gerade das, was der Herr sagt bei Mark.7/6: „Treffend hat von euch Heuchlern Jesajas geweissagt: Dieses Volk ehrt Mich mit den Lippen, ihr Herz aber ist ferne von Mir“, und bei Matth.23/25,26: „Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, daß ihr das Äußere des Bechers und der Schüssel reinigt, das Inwendige aber ist voll Raubes und Unmäßigkeit; blinder Pharisäer! Reinige zuvor das Inwendige des Bechers und der Schüssel, damit auch das Auswendige rein werde“, und mehreres in demselben Kapitel.

518. In ähnlichem heuchlerischen Gottesdienst sind diejenigen, die den heutigen Glauben bei sich begründet haben, daß der Herr durch das Leiden am Kreuz alle Sünden der Welt weggenommen habe, worunter sie die eines jeden verstehen, wofern man nur die Formeln über die Versöhnung und Vermittlung herbete. Einige von diesen können auf den Kanzeln mit hoch erhabener Stimme und wie in glühendem Eifer viel Salbungsvolles über die Buße und über die Liebtätigkeit ausgießen, während sie doch beide für wirkungslos für die Seligmachung halten; denn sie verstehen darunter keine andere Buße, als das Mundbekenntnis, und keine andere Liebtätigkeit, als die äußerliche des öffentlichen Lebens; allein dies tun sie um des Volkes willen. Sie sind es, die unter folgenden Worten des Herrn verstanden werden: „Viele werden Mir an jenem Tage sagen: Herr, Herr, haben wir nicht durch Deinen Namen geweissagt und in Deinem Namen viele Krafttaten getan? Allein dann werde Ich ihnen erklären: Ich kenne euch nicht, weichet von Mir, ihr Übeltäter!“: Matth.7/22,23.

Einst hörte ich in der geistigen Welt einen also beten: Ich bin voller Krätze, aussätzig, scheußlich von Mutterleib an; es ist an mir nichts Gesundes vom Kopf bis zur Fußsohle, ich bin nicht würdig, die Augen zu Gott aufzuheben, ich bin des Todes schuldig und der ewigen Verdammnis, erbarme Dich meiner um Deines Sohnes willen, mit Seinem Blute reinige mich, in Deinem Wohlgefallen liegt das Heil aller, ich flehe um Barmherzigkeit. Die Dabeistehenden fragten, nachdem sie dies gehört: Woher weißt du, daß du ein solcher bist? Er antwortete: Ich weiß es, weil ich es gehört habe. Allein nun ward er zu den prüfenden Engeln geschickt, vor denen er ähnliches sagte, und diese berichteten nach angestellter Untersuchung, daß er die Wahrheit von sich gesagt habe, gleichwohl aber auch nicht ein einziges Böse bei sich kenne, da er sich nie geprüft, und geglaubt hatte, das Böse sei nach dem Mundbekenntnis nicht mehr böse vor Gott, sowohl weil Gott die Augen davon abwende, als weil Er versöhnt sei; weshalb auch derselbe nicht ein einziges Böses bereut habe, obgleich er ein vorsätzlicher Ehebrecher, ein Räuber, hinterlistiger Verkleinerer und glühender Rächer war, und daß er ein solcher war im Willen und im Herzen, und daher auch ein solcher gewesen wäre in seinen Reden und Handlungen, wenn nicht die Furcht vor dem Gesetz und dem Verlust seines Rufes ihn davon abgehalten hätte. Nachdem er überführt war, daß er so war, wurde er gerichtet, und zu den Heuchlern in der Hölle hinabgestoßen.

519. Wie solche beschaffen sind, kann durch Vergleiche beleuchtet werden: Sie sind wie Tempel, in denen bloß Geister des Drachen und solche, die unter den Heuschrecken in der Offenbarung verstanden werden, versammelt sind; und sie sind wie Pulte in jenen, auf denen das Wort nicht liegt, weil es unter die Füße gelegt ward. Sie sind wie übertünchte Wände, deren Anwurf schön gefärbt ist, und zwischen denen Eulen flattern und gräßliche Nachtvögel. Sie sind wie überweißte Gräber, in denen Totengebeine liegen. Sie sind wie Münzen, die aus Ölhefen oder getrocknetem Dünger gemacht und mit Gold überzogen sind. Sie sind wie die Rinden und die unterhalb derselben befindlichen [Splint-] Lagen um fauliges Holz, und wie die Kleider der Söhne Aarons um einen aussätzigen Leib; ja wie Geschwüre, innerhalb derer Eiter ist, die aber mit einer dünnen Haut überzogen sind und für geheilt gehalten werden. Wer weiß nicht, daß ein heiliges Äußere und ein unheiliges Innere nicht zusammenstimmen? Solcherlei Menschen scheuen sich auch mehr als andere, sich zu prüfen; daher sie auch das Fehlerhafte in sich ebensowenig fühlen, als die dampfenden und übelriechenden [Cruditäten] im Magen und im Unterleib, bevor sie in die Kloake geworfen sind. Allein man muß festhalten, daß die, von denen bisher die Rede war, nicht zu verwechseln sind mit denen, die gut handeln und recht glauben; noch mit denjenigen, die Buße wegen irgendwelcher Sünde tun, und dabei das gleiche mit dem Mund bekennen, während sie im Gottesdienst, und mehr noch während sie in geistiger Versuchung sind, mit sich reden oder beten; denn jenes allgemeine Bekenntnis ist der Umbildung und Wiedergeburt sowohl vorangehend, als nachfolgend.