Aus der Zulassung des Bösen, in der eines jeden innerer Mensch ist, geht augenscheinlich hervor, daß der Mensch freien Willen in geistigen Dingen hat

479. Daß der Mensch freien Willen in geistigen Dingen hat, soll zuerst durch Allgemeines und hernach durch Besonderes, daß jeglicher, sobald er es hört, anerkennen wird, bestätigt werden.

Das Allgemeine ist folgendes:

1. Daß der Weiseste der Menschen, Adam und sein Weib, sich von der Schlange verführen ließen.

2. Daß ihr erster Sohn, Kain, seinen Bruder Abel tötete, und Jehovah Gott sie nicht durch Reden mit ihnen davon abhielt, sondern erst nach der Tat sie verfluchte.

3. Daß das israelitische Volk in der Wüste ein goldenes Kalb verehrte, während doch Jehovah Gott dieses vom Berge Sinai herab sah und es nicht verhütete.

4. Daß David das Volk zählte, und deshalb die Pest verhängt wurde, durch die so viele Tausende von Menschen umkamen, Gott aber nicht vorher, sondern erst nach der Tat den Propheten Gad zu ihm sandte und die Strafe ankündigte.

5. Daß dem Salomo zugelassen wurde Götzendienste einzuführen,

6. und vielen Königen nach ihm, den Tempel und die Heiligtümer der Kirche zu entweihen,

7. und daß zuletzt diesem Volk zugelassen wurde, den Herrn zu kreuzigen; daß dem Mohammed zugelassen wurde, eine Religion zu stiften, die in vielen Dingen mit der Heiligen Schrift nicht übereinstimmte.  

8. Daß die christliche Religion in viele Sekten zerteilt wurde, und jegliche in Ketzereien.

9. Daß in der Christenheit so viele Gottlose sind, ja sogar ein Sich-rühmen ob der Gottlosigkeit, sowie auch Ränke und Arglist, selbst gegen die Frommen, Gerechten und Redlichen.

10. Daß die Ungerechtigkeit nicht selten triumphiert über die Gerechtigkeit in den Gerichten und Geschäften.

11. Daß auch Gottlose zu Ehrenstellen erhoben, und Magnaten und Primaten werden.

12. Daß Kriege zugelassen werden, und dabei so vieler Menschen gewaltsamer Tod, so vieler Städte, Völker und Familien Plünderung und dergleichen mehr.

Könnte wohl jemand Dinge dieser Art anderswoher ableiten, als aus dem freien Willen bei jeglichem Menschen? Die auf dem ganzen Erdkreis bekannte Zulassung hat keinen anderen Ursprung. Daß die Gesetze der Zulassung auch Gesetze der göttlichen Vorsehung sind, sehe man in dem zu Amsterdam im Jahr 1764 gedruckten Werk »Von der Göttlichen Vorsehung«, Nr. 234-274, wo die oben angeführten Punkte auch erklärt sind.

480. Der besonderen Belege, daß ein freier Wille ebensowohl in geistigen, als in natürlichen Dingen statthat, gibt es unzählige. Es frage sich jeder, wenn er will, ob er nicht innerhalb eines Tags siebzigmal, oder innerhalb einer Woche dreihundertmal an Gott, an den Herrn, an den Heiligen Geist und an die göttlichen Dinge, welche die geistigen Dinge der Kirche heißen, denken kann, und ob er alsdann irgendeinen Zwang empfindet, wenn er durch irgendwelche Lust, ja wenn er durch irgendwelche Begierde dazu angetrieben wird, und zwar dies, ob er Glauben habe, oder ob er keinen Glauben habe. Prüfe dich auch, ob du, in welchem Zustand du sein magst, irgend etwas denken kannst ohne freien Willen, sowohl in deinen Reden, als in deinen Gebeten zu Gott, dann auch ob beim Predigen, und auch beim Anhören derselben, der freie Wille nicht das alles Bestimmende ist; ja daß du ohne den freien Willen, im einzelnen, selbst im einzelnsten, nicht mehr atmen würdest als eine Bildsäule; denn das Atmen folgt dem Denken und somit dem Reden Schritt für Schritt. Ich sage, nicht mehr als eine Bildsäule, nicht aber mehr als ein Tier, weil dieses, infolge seiner natürlichen Willkür, atmet, der Mensch aber infolge des freien Willens in natürlichen und zugleich in geistigen Dingen; denn der Mensch wird nicht geboren wie das Tier; das Tier wird mit allen seinem Naturtrieb Folge leistenden Vorstellungen in solche Dinge hineingeboren, die zur Ernährung und Fortpflanzung gehören, der Mensch hingegen ohne angeborene Vorstellungen, bloß in das Vermögen zu wissen, zu verstehen und weise zu sein, und in die Neigung, sich und die Welt, aber auch den Nächsten und Gott zu lieben; weshalb gesagt wird: wenn ihm der freie Wille im einzelnen, das er will und denkt, genommen würde, so würde er nicht mehr atmen als eine Bildsäule, und wird nicht gesagt, nicht mehr als ein Tier.

481. Daß der Mensch freien Willen in natürlichen Dingen hat, wird nicht geleugnet; allein diesen hat der Mensch infolge seines freien Willens in geistigen Dingen; denn der Herr fließt, wie schon früher gesagt worden, vom Oberen oder vom Inwendigeren her bei jeglichem Menschen ein mit dem göttlichen Guten und dem göttlichen Wahren, und flößt dadurch dem Menschen ein vom Leben der Tiere verschiedenes Leben ein; und damit derselbe jene aufnehme und aus ihnen handle, gibt Er ihm das Können und Wollen, und zieht dieses von keinem Jesajah zurück. Daraus folgt aber, daß des Herrn beständiger Wille ist, daß der Mensch das Wahre aufnehme und das Gute tue, und so geistig werde, wozu er geboren ist; allein geistig werden ohne freien Willen in geistigen Dingen ist ebenso unmöglich, als ein Kamel durch das Öhr einer Nähnadel ziehen, oder einen Stern am Himmel mit der Hand berühren. Daß das Vermögen, das Wahre einzusehen und es zu wollen, jeglichem Menschen, und selbst den Teufeln gegeben, und niemals entzogen wird, ist mir durch lebendige Erfahrung gezeigt worden. Einer von denen, die in der Hölle waren, wurde einst in die Geisterwelt erhoben, und dort von den Engeln aus dem Himmel gefragt, ob er die Dinge, die sie mit ihm sprachen, einsehen könne (es waren geistig-göttliche Dinge); er antwortete, er sehe sie ein; und auf die Frage, warum er nicht das gleiche in sich aufgenommen habe, sagte er, er habe dergleichen nicht geliebt, und daher auch nicht gewollt; wiederum ward ihm gesagt, er hätte es wollen können; darüber wunderte er sich und sagte: Nein; weshalb die Engel seinem Verstand die Ruhmbegierde mit deren Lust einhauchten, nach deren Aufnahme er auch wollte und es auch liebte; allein bald darauf wurde er in seinen vorigen Zustand zurückversetzt, in dem er ein Plünderer, Ehebrecher und Lästerer des Nächsten war, und jetzt, weil er nicht wollte, verstand er jene Dinge auch nicht mehr. Hieraus erhellt, das der Mensch Mensch ist vermöge des freien Willens in geistigen Dingen, und ohne diesen der Mensch ein Klotz, Stein oder die Bildsäule des Weibes Lots wäre.

482. Daß der Mensch keinen freien Willen in bürgerlichen, moralischen und natürlichen Dingen hätte, wenn er keinen freien Willen in geistigen Dingen hätte, erhellt daraus, daß die geistigen Dinge, welche die theologischen heißen, ihren Sitz in der obersten Region des menschlichen Gemüts haben, wie die Seele im Körper; sie wohne aber dort, weil dort die Pforte ist, durch die der Herr zum Menschen eingeht; unterhalb derselben sind die bürgerlichen, moralischen und natürlichen Dinge, die im Menschen all ihr Leben von den geistigen empfangen, die oberhalb derselben wohnen; und weil das Leben vom Obersten herab einfließt vom Herrn, und das Leben des Menschen das Vermögen ist, frei zu denken, zu wollen und daraus zu reden und zu tun, so folgt, daß von daher und nirgend anderswoher der freie Wille in politischen und natürlichen Dingen stammt; aus dieser geistigen Freiheit kommt dem Menschen das Innewerden des Guten und Wahren, und des Gerechten und Rechtlichen in bürgerlichen Dingen, welches das Innewerden und der Verstand selbst in seinem Wesen ist. Der freie Wille des Menschen in geistigen Dingen ist vergleichsweise wie die Luft in der Lunge, die in Übereinstimmung mit allen Wechseln seines Denkens eingezogen, zurückgehalten und ausgestoßen wird, ohne die er sich schlimmer befände als der, welcher am Alpdrücken, an der Bräune und Engbrüstigkeit leidet. Auch ist derselbe wie das Blut im Herzen: finge dieses an zu mangeln, so würde das Herz zuerst klopfen und nach vorherigen Krämpfen gänzlich stille stehen. Auch wäre es wie ein bewegter Körper, der so lange fortgetrieben wird, als ein Streben in ihm ist, worauf sie dann beide zugleich ruhen; ebenso ist es auch mit der Freitätigkeit, in welcher der Wille des Menschen ist; beide, die Freitätigkeit und der Wille im Menschen, können, zusammengenommen, das lebendige Streben genannt werden; denn wenn der Wille aufhört, so hört auch die Tätigkeit auf, und wenn die Freitätigkeit aufhört, so hört der Wille auf. Würde dem Menschen die geistige Freiheit genommen, so wäre es vergleichsweise, wie wenn die Räder von den Maschinen, welche die Luft aufnehmenden Arme von der Mühle, und die Segel von den Schiffen weggenommen würden. Ja, es wäre wie mit einem Menschen, der den Geist aushaucht, wenn er stirbt: denn das Leben des Menschengeistes besteht in seinem freien Willen in geistigen Dingen; die Engel seufzen, sobald man sagt, dieser freie Wille werde heutzutage von vielen Geistlichen der Kirche geleugnet, und sie nennen die Leugnung Wahnsinn über Wahnsinn.