X. Aus dem Buchstabensinn des Wortes können Irrlehren gezogen werden, es ist aber verdammlich, sie zu begründen  

254. Oben ist gezeigt worden, daß das Wort nicht ohne Lehre verstanden werden kann, und daß die Lehre eine Leuchte ist, damit die echten Wahrheiten gesehen werden; und dies darum, weil das Wort in lauter Entsprechungen geschrieben ist; wovon die Folge ist, daß viele Dinge in demselben Scheinbarkeiten des Wahren und nicht nackte Wahrheiten sind, und vieles der Fassungskraft des bloß natürlichen Menschen gemäß, jedoch so geschrieben ist, daß die Einfältigen es einfältig, und die Verständigen verständig, die Weisen aber weise verstehen können. Weil nun das Wort diese Beschaffenheit hat, so können die Scheinbarkeiten des Wahren, welche bekleidete Wahrheiten sind, für nackte Wahrheiten genommen werden, aus denen, wenn sie begründet werden, Täuschungen entstehen, die an sich Falsches sind. Daraus, daß die Scheinbarkeiten des Wahren für echte Wahrheiten genommen und begründet wurden, sind alle Irrlehren entstanden, die in der Christenheit waren und noch sind. Die Irrlehren selbst verdammen die Menschen nicht; verdammlich aber ist es, wenn die falschen Ansichten, die in der Irrlehre liegen, aus dem Wort, durch Schlüsse aus dem natürlichen Menschen, und ein böses Leben, begründet werden. Denn jeder wird in die Religion seines Vaterlandes oder seiner Eltern geboren, von Kindheit an in sie eingeleitet, und nachher behält er sie bei, und kann sich nicht selbst aus dem Falschen derselben herausführen, teils wegen der Geschäfte in der Welt, teils wegen der Schwäche des Verstandes im Durchschauen der Wahrheiten von solcher Abstammung; aber böse leben und die falschen Ansichten begründen bis zur Zerstörung des echten Wahren, das verdammt; denn wer in seiner Religion bleibt und an Gott glaubt, und innerhalb der Christenheit an den Herrn glaubt und das Wort heilig hält, und aus Religion nach den Vorschriften der Zehn Gebote lebt, der schwört nicht auf Falsches; daher er denn, sobald er die Wahrheiten hört und sie auf seine Weise faßt, dieselben annehmen, und so aus dem Falschen herausgeführt werden kann; nicht aber derjenige, welcher in den Falschheiten seiner Religion sich bestärkt hatte, denn das begründete Falsche bleibt und kann nicht ausgerottet werden; das Falsche ist nämlich nach der Begründung, wie wenn man auf dasselbe geschworen hätte, besonders wenn es mit der Eigenliebe oder mit dem Dünkel eigener Einsicht zusammenhängt.

255. Ich sprach mit einigen in der geistigen Welt, die vor vielen Jahrhunderten gelebt und sich in den falschen Ansichten ihrer Religion bestärkt hatten, und ich fand, daß sie noch immer fest in denselben blieben. Ich sprach auch mit einigen daselbst, welche in derselben Religion gewesen waren und wie jene gedacht, sich aber nicht im Falschen derselben bestärkt hatten, und ich erfuhr, daß sie, von Engeln unterrichtet, das Falsche verworfen und die Wahrheiten angenommen hätten, und daß diese selig wurden, jene aber nicht. Jeder Mensch wird nach dem Tode von Engeln unterrichtet, und es werden diejenigen angenommen, welche die Wahrheiten und aus den Wahrheiten das Falsche sehen. Allein die Wahrheiten sehen bloß diejenigen, die sich im Falschen nicht bestärkt haben, die sich aber bestärkt haben, wollen die Wahrheiten nicht sehen, und wenn sie dieselben sehen, wenden sie sich ab und lachen dann entweder darüber oder verfälschen dieselben. Die eigentliche Ursache ist die, daß die Begründung in den Willen eindringt, und der Wille der Mensch selbst ist, und den Verstand nach seinem Wink bestimmt; die bloße Kenntnis aber nur in den Verstand eingeht, und dieser keinerlei Gewalt über den Willen hat, somit nicht anders im Menschen ist, als derjenige, der im Vorhof oder im Tor steht, und noch nicht im Haus.

256. Doch dies soll durch ein Beispiel beleuchtet werden: Im Wort wird in vielen Stellen Gott Zorn, Grimm, Rache zugeschrieben, und daß Er strafe, in die Hölle werfe, versuche und dergleichen mehr; wer dies einfältig und wie ein Kind glaubt und deshalb Gott fürchtet und sich hütet, gegen Ihn zu sündigen, der wird wegen dieses einfältigen Glaubens nicht verdammt. Wer sich aber darin bestärkt, bis dahin, daß er glaubt, daß Zorn, Grimm, Rache, und somit solches, was Sache des Bösen ist, bei Gott sich finde, und daß Er aus Zorn, Grimm und Rache den Menschen strafe und in die Hölle werfe, der wird verdammt, weil er das echte Wahre zerstört hat; welches ist, daß Gott die Liebe selbst, die Barmherzigkeit selbst und das Gute selbst ist, und wer dieses alles ist, nicht zürnen, ergrimmen, noch sich rächen kann; diese Dinge werden aber Gott im Wort beigelegt, weil es so erscheint, - dergleichen sind Scheinwahrheiten.

257. Daß viele Dinge im Buchstabensinn des Wortes Scheinwahrheiten sind, in denen die echten Wahrheiten verborgen liegen, und daß es nicht verdammlich ist, nach den Scheinwahrheiten einfältig zu denken und auch zu reden, daß es aber verdammlich ist, sie zu begründen, weil durch die Begründung das göttlich Wahre, das inwendig verborgen liegt, zerstört wird, kann auch beleuchtet werden durch ein Beispiel aus der Natur, welches angeführt wird, weil das Natürliche klarer als das Geistige beleuchtet und belehrt. Vor den Augen erscheint es, als ob die Sonne jeden Tag und auch einmal jedes Jahres sich um die Erde bewege; daher man sagt, die Sonne gehe auf und gehe unter, sie mache Morgen, Mittag, Abend und Nacht, und auch die Zeiten des Frühlings, Sommers, Herbstes und Winters, und so Tage und Jahre, während doch die Sonne unbeweglich stehenbleibt, weil sie ein Feuermeer ist, und die Erde es ist, welche sich täglich herumwälzt und jährlich sich herumbewegt. Der Mensch, der aus Einfalt und aus Unwissenheit denkt, die Sonne drehe sich herum, zerstört nicht die natürliche Wahrheit, daß nämlich die Erde sich um ihre Achse dreht, und jährlich nach dem Tierkreis sich herumbewegt; wer hingegen die scheinbare Bewegung der Sonne durch Schlüsse aus dem natürlichen Menschen, und mehr noch, wer sie durch das Wort begründet, weil es in diesem heißt, die Sonne gehe auf und gehe unter, der entkräftet die Wahrheit und zerstört sie, und vermag nachher kaum sie zu sehen, wenn ihm auch bis zur Augenscheinlichkeit gezeigt würde, daß der gesamte Sternenhimmel in gleicher Weise täglich und jährlich sich scheinbar herumbewegt, indes doch kein einziger Stern aus seiner festen Stelle von einem anderen weggerückt wird. Daß die Sonne sich bewegt, ist eine Scheinwahrheit, wogegen daß sie sich nicht bewegt, die wirkliche Wahrheit ist; dennoch aber spricht jeder nach der Scheinwahrheit, indem er sagt, die Sonne gehe auf und gehe unter, und dies darf er, weil er nicht anders kann; hingegen infolge der Begründung jener gemäß denken, das schwächt und verfinstert den vernünftigen Verstand.

258. Daß es verdammlich ist, die Scheinwahrheiten, die im Wort sind, zu begründen, weil dadurch Täuschung entsteht, und so das göttliche Wahre, das inwendig verborgen liegt, zerstört wird, davon ist die eigentliche Ursache, daß alles und jedes im Buchstabensinn des Wortes mit dem Himmel in Gemeinschaft steht; denn, wie oben gezeigt worden, wohnt allem und jedem seines Buchstabensinnes ein geistiger Sinn inne, und dieser wird aufgeschlossen, wenn er vom Menschen zum Himmel übergeht; und alle Dinge des geistigen Sinnes sind echte Wahrheiten. Solange daher der Mensch im Falschen ist und den Buchstabensinn auf dieses anwendet, so lange ist in diesem Falsches, und wenn Falsches eintritt, so werden die Wahrheiten zerstreut, was auf dem Wege vom Menschen zum Himmel geschieht; und es geht damit vergleichsweise wie wenn eine glänzende, mit Galle gefüllte Blase einem anderen zugeworfen wird, aber, bevor sie bei diesem anlangt, in der Luft zerplatzt, wo dann die Galle umhergestreut wird, und hierauf der andere, sobald er riecht, daß die Luft von der Galle angesteckt ist, sich abwendet und auch den Mund zuhält, damit sie ihm nicht auf die Zunge komme. Auch ist es, wie mit einem mit Zederreisern umlegten Schlauch, in dem sich Essig voller Würmchen befindet, der Schlauch aber auf dem Wege zerrissen, und dessen Dunst vom anderen gerochen wird, der jedoch alsbald aus Ekel diesen Dunst, damit er nicht in seine Nase dringe, mit einem Luftwedel zerstreut. Auch ist es wie mit einer Mandel in der Schale, innerhalb welcher statt des Mandelkerns eine frisch ausgeheckte Natter ist, die Schale aber aufgebrochen wird, und es nun scheint, als ob die kleine Natter dem anderen vom Wind in die Augen getrieben würde, der sich dann natürlich abwendet, damit dies nicht geschehe. In ähnlicher Weise verhält es sich mit dem Lesen des Wortes von seiten eines Menschen, der im Falschen ist, und auf sein Falsches einiges aus dem Buchstabensinn des Wortes anwendet, das dann aber auf dem Weg zum Himmel zurückgestoßen wird, damit nicht dergleichen etwas einfließe und die Engel belästige. Denn wenn Falsches das Wahre berührt, so ist es, wie wenn eine Nadelspitze ein Nervenfiberchen oder die Pupille des Auges berührt; daß die Nervenfaser sich sogleich schneckenförmig zurückwindet, und in sich zurückzieht, ist bekannt, ebenso daß das Auge bei der ersten Berührung derselben sich mit den Augenlidern bedeckt. Hieraus erhellt, daß das verfälschte Wahre die Gemeinschaft mit dem Himmel aufhebt und ihn verschließt. Dies ist der Grund, warum es verdammlich ist, irgendeine Irrlehre zu begründen.

259. Das Wort ist wie ein Garten, der ein himmlisches Paradies zu nennen ist, in dem sich eckerbissen und Annehmlichkeiten aller Art befinden: Leckerbissen von den Früchten, und Annehmlichkeiten von den Blumen; in seiner Mitte Bäume des Lebens, und neben diesen Quellen lebendigen Wassers, und rings um den Garten her Waldbäume. Ein Mensch, der aus der Lehre in den göttlichen Wahrheiten ist, befindet sich in der Mitte, wo die Bäume des Lebens sind, und genießt wirklich die Leckerbissen und Annehmlichkeiten desselben. Ein Mensch hingegen, der nicht aus der Lehre in den Wahrheiten ist, sondern bloß aus dem Buchstabensinn, ist in der äußern Umgebung, und sieht bloß das Waldige; wer aber in der Lehre einer falschen Religion ist, und sich in ihrem Falschen bestärkt hat, befindet sich nicht einmal im Wald, sondern außerhalb desselben in einer Sandsteppe, wo nicht einmal Gras ist. Daß auch wirklich ihr Zustand nach dem Tod von dieser Art ist, ist im Werk von »Himmel und Hölle« gezeigt worden.

260. Überdies ist zu wissen, daß der Buchstabensinn eine Wache für die echten Wahrheiten, welche inwendig verborgen liegen, ist, damit sie nicht verletzt werden; und zwar ist er eine Wache dadurch, daß jener Sinn dahin und dorthin gewendet und nach der Fassungskraft erklärt, und dennoch sein Inneres nicht beeinträchtigt und verletzt werden kann; denn es schadet nicht, daß der Buchstabensinn von dem einen anders als vom anderen verstanden wird; wohl aber schadet es, wenn der Mensch Falsches hineinträgt, das gegen die göttlichen Wahrheiten ist, was einzig von denen geschieht, die sich im Falschen bestärkt haben; durch diese wird dem Wort Gewalt angetan. Dafür, daß dies nicht geschehe, wacht der Buchstabensinn, und er wacht bei denen, die infolge der Religion im Falschen sind, und deren Falsches nicht begründen. Der Buchstabensinn des Wortes als Wache wird durch die Cherube im Wort bezeichnet, und unter diesen auch in ihm beschrieben. Diese Wache wird durch die Cherube bezeichnet, welche, nachdem Adam mit seinem Weib aus dem Garten Eden verstoßen war, an dessen Eingang gestellt wurden; wovon man folgendes liest: „Als Jehovah Gott den Menschen ausgetrieben hatte, ließ Er östlich vor dem Garten Eden die Cherube wohnen, und eine Flamme des hin und her sich wendenden Schwertes, zu hüten den Weg des Baumes des Lebens“: 1Mo.3/23,24. Was diese Dinge bedeuten, kann niemand sehen, wenn er nicht weiß, was bezeichnet wird durch die Cherube und was durch den Garten Eden und durch den Baum des Lebens in ihm, und endlich durch die Flamme des hin und her sich wendenden Schwertes. Diese Einzelheiten sind in den zu London herausgegebenen »Himmlischen Geheimnissen« bei diesem Kapitel erklärt worden; daß nämlich durch die Cherube bezeichnet wird die Wache, durch den Weg des Baumes des Lebens bezeichnet wird der Eingang zum Herrn, den die Menschen haben durch die Wahrheiten des geistigen Sinnes des Wortes; durch die Flamme des hin und her sich wendenden Schwertes wird bezeichnet das göttliche Wahre im Letzten, welches ist wie das Wort im Buchstabensinn, der so gewendet werden kann. Ähnliches wird verstanden unter den Cheruben aus Gold, die gestellt waren über die beiden Enden des Gnadenstuhles, der über der Lade war in der Stiftshütte: 2Mo.25/18-21; durch die Lade wurde das Wort bezeichnet, weil die Zehn Gebote in ihr dessen Erstes waren; durch die Cherube über ihr wurde die Wache bezeichnet, weshalb der Herr mit Moses zwischen ihnen sprach: 2Mo.25/22; 37/9; 4Mo.7/89, und Er sprach im natürlichen Sinn, denn mit dem Menschen spricht Er nur in der Fülle, und im Buchstabensinn ist das göttlich Wahre in seiner Fülle, man sehe oben Nr. 214 - 224. Auch wurde nichts anderes bezeichnet durch die Cherube über den Vorhängen der Stiftshütte und über der Decke: 2Mo.26/31, denn die Vorhänge und Decken der Stiftshütte bezeichneten das Unterste des Himmels und der Kirche, somit auch des Wortes, man sehe oben Nr. 220. Ebenso durch die geschnitzten Cherube auf den Wänden und über den Türen des Tempels von Jerusalem: 1Kö.6/29,32,35, man sehe oben Nr. 221. Desgleichen durch die Cherube im neuen Tempel: Ez.41/18-20. Weil durch die Cherube die Wache bezeichnet wurde, [welche bewirken sollte,] daß man nicht zum Herrn, zum Himmel und zum göttlichen Wahren, wie es inwendig im Wort ist, unmittelbaren Zutritt habe, sondern mittelbar durch das Letzte, darum heißt es vom König von Tyrus: „Der du das Maß versiegelst, der Weisheit voll und vollkommener Schönheit, du warst im Garten Eden; es deckte dich jeder kostbare Stein, o Cherub, du Ausbreitung des Bedeckers, mitten im Feuergestein verdarb Ich dich, deckender Cherub“: Ez.28/12-16; durch Tyrus wird bezeichnet die Kirche hinsichtlich der Erkenntnisse des Wahren und Guten, und somit durch den König von Tyrus das Wort, in dem und aus dem jene Erkenntnisse sind; daß hier durch diesen das Wort in seinem Letzten, und durch den Cherub die Wache bezeichnet wird, ist offenbar, denn es heißt: ‚der du ein Maß versiegelst, jeder kostbare Stein war deine Bedeckung, du Cherub, Ausbreitung des Bedeckenden‘, so wie auch ‚bedeckender Cherub‘; daß durch die kostbaren Steine, welche hier ebenfalls genannt werden, die Dinge des Buchstabensinns verstanden werden, sehe man oben Nr. 217, 218. Weil durch die Cherube das Wort im Letzten und auch die Wache bezeichnet wird, darum heißt es bei David: „Jehovah hat geneigt die Himmel und ist herabgestiegen, und gefahren auf einem Cherub“: Ps.18/10,11. „Hirt Israels, der thront auf Cheruben, o schimmere hervor“: Ps.80/2. „Jehovah, Welcher thront auf Cheruben“: Ps.99/1. Auf Cheruben reiten, auf ihnen sitzen, heißt auf dem untersten Sinn des Wortes. Das göttliche Wahre im Wort und seine Beschaffenheit wird beschrieben unter den vier Tieren, welche auch Cherube genannt werden, bei Ez.1/9,10, und auch unter den vier Tieren inmitten des Thrones und neben dem Thron: Offb.4/6f. Man sehe die von mir zu Amsterdam herausgegebene »Enthüllte Offenbarung« Nr. 239, 275, 314.